Erna Thomsen

Silbersack-Wirtin tot: St. Paulis Herz schlägt nicht mehr

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Jens Meyer-Odewald

Silbersack-Wirtin Erna Thomsen stirbt im Alter von 88 Jahren. Hans Albers, Freddy Quinn und Heinz Rühmann waren bei ihr zu Gast.

Hamburg. Wer aus der Musikbox die Nummer 154 wählte, kriegte von Michael Holm auf die Ohren: "Mendocino". Und bei Nummer 148 flehte Freddy Quinn in der Kneipe Zum Silbersack: "Junge, komm bald wieder!" Doch Wirtin Erna Thomsen mochte Hans Albers am allerliebsten. Beim "Herz von St. Pauli" schunkelte sie versonnen im Takt. Das passte so gut.

Es passte wirklich. Leider jedoch schlägt Ernas Herz nicht mehr: Im Alter von 88 Jahren ist die legendäre Gastwirtin aus der Mitte des Kiezes verstorben. Nicht nur die Pinte an der Silbersackstraße 9/Ecke Querstraße, sondern St. Pauli überhaupt hat eines der bodenständigsten Originale verloren. In einer Traueranzeige bringt Schauspieler Ulrich Tukur diesen Verlust einfühlsam auf den Punkt: "Es ist das Geheimnis dieser kleinen Kneipe, dass ein Mensch dageblieben ist und über ein halbes Jahrhundert lang treu war."

+++ Erna Thomsen - der Schatz im Silbersack +++

Praktisch ein Leben lang. Unvergessen sind die langen, feuchtfröhlichen Nächte in Ernas Schankwirtschaft. 13 Tische, 55 Sitzplätze und eine Theke, die für manchen die Welt bedeutete. In der Ecke stand ein Sparschwein, das der frühere Bürgermeister und Stammgast Ole von Beust zum 50 Pintenjubiläum 1999 geschenkt hatte. Auch sonst brachte die zechende Kundschaft Blumen mit. In große Vasen wurden sie gestellt - oder einzeln in Flaschen auf den Tischen platziert. Bei Erna hatte alles seine Ordnung. Immer schon. Und wenn man sich recht erinnert, wurde im Silbersack in den letzten Jahrzehnten eigentlich nichts verändert. Warum auch? War ja gut so.

Und nur die Veteranen unter den Schluckspechten und Nachteulen wissen noch, wie alles begann an jenem 25. Juni 1949, als Erna erstmals den Zapfhahn betätigte. Die ganze Ecke war zerbombt, doch hatten Erna und Friedrich Thomsen ordentlich in die Hände gespuckt, um sich eine neue Existenz und dem bummelnden Volk eine gediegene Quelle zu schaffen. Die Bretter für das Holzhaus mit der Nummer 9 erwarb das Ehepaar bei einem Förster - im Tausch gegen einen großen Eimer Honig und ein Fahrrad. Als Friedrich neun Jahre später an Krebs starb, kämpfte Erna im Alleingang weiter. "Mit drei Kindern heiratet man nicht noch mal", pflegte sie des Nachts zu sagen. Wenn Michael Holms "Mendocino" einen Hauch von Melancholie verbreitete.

Im Einklang mit dem Wirtschaftswunder ging die Rechnung auch im Silbersack immer besser auf. In der Regel war die Bude rappelvoll, sodass die Gäste bis auf die Straße standen. Nicht nur wegen Hans Albers oder Freddy Quinn gehörte es zum guten Ton, bei Erna Einkehr zu halten. Zeitweise kosteten ein Bier und ein Köm (Lütt un Lütt) pauschal 45 Pfennig. Nach zwei Uhr nachts erbat die Wirtsfrau zehn Prozent Aufschlag. Das sah jeder ein. Hans Albers selbst schaute bisweilen auf ein paar Kaltgetränke vorbei. Wenn der Meister duhn war, so wird kolportiert, wollte er die Zeche nicht zahlen. Erna ließ sich lumpen, schrieb an und kassierte ein paar Tage später vom namhaften zerknirschten Kunden. Auch Persönlichkeiten wie Freddy, Gert Fröbe oder Heinz Rühmann ließen sich gerne sehen. Oder Hildegard Knef. Im französischen Film "Das Mädchen aus Hamburg", der 1958 im Passage Premiere feierte, übernahm sie ebendiese Rolle. Ihre Vorliebe für Bommerlunder sei nicht gespielt gewesen.

Erna Thomsen trank fast nie. Bier sowieso nicht, vielleicht zur Feier eines Tages mal einen Piccolo. Oder einen Eierlikör oder einen Eckes Edelkirsch. "Hinter der Theke braucht man einen klaren Kopf", sagte sie. Wohl wahr. Zuletzt indes kam sie immer seltener. Anfangs noch dreimal die Woche für eine halbe Schicht, später zu Besuch in der eigenen Kneipe. Dann wurde Klönschnack gehalten: ein Prosit auf glanzvolle, aber leider vergangene Zeiten. Als ein ganz großes Herz von St. Pauli inbrünstig und lebhaft schlug.

Wie gut, dass ein Maler die Kiezlegende auf einem Ölbild verewigte. Reichlich Überredungskunst bedurfte es dafür. "Ich bin doch nicht wichtig", meinte die Wirtsfrau. Liebe Erna, bitte sei nicht böse, aber das stimmte nicht.