G20 in Hamburg

Die 76.000 friedlichen Demonstranten – die gab es auch

Die größte Demo war bunt und gewaltlos: „Grenzenlose Solidarität statt G20“ – organisiert von 100 Gruppen aus dem linken politischen Lager.

Hamburg. Am Ende dürfte der Linken-Bundestagsabgeordnete Jan van Aken sich als einer der großen Sieger des Protestes gegen den G20-Gipfel fühlen. Rund 76.000 Menschen, „handgezählt“ wie der Politiker immer wieder betonte, hätten am Sonnabend zum Abschluss des Gipfels an der Demonstration „Grenzenlose Solidarität statt G20“ teilgenommen. Die – immerhin von offizieller Seite organisierte – „Gegendemo“ „Hamburg zeigt Haltung“ kam lediglich auf rund 5000 Teilnehmer.

Auch aus einem anderen Grund durfte van Aken sich als Gewinner fühlen. Während die Auftaktdemonstration der linken Szene „Welcome to Hell“ zwei Tage zuvor in Straßenschlachten und Chaos endete, blieb es am Sonnabendnachmittag während der gesamten Demonstration weitgehend ruhig. Was nicht unbedingt zu erwarten war. Schließlich hatte die Polizei den Aufzug als sicherheitskritisch eingeschätzt und war die ganze Zeit über mit mehreren Hundertschaften vor Ort.

Zu der größten Demonstration im Zusammenhang mit dem G20-Gipfel hatte ein Bündnis aus mehr als 100 Organisationen aus dem linken politischen Lager aufgerufen. Neben der Partei Die Linke nahmen Anhänger der türkischen Kurdenorganisation PKK, Globalisierungskritiker wie Blockupy und Attac, die Umweltschutzorganisation Robin Wood und verschiedene kommunistische Splittergruppen an der Demo teil.

Autonome griffen kurz die Polizei mit Stangen an

Auch gewaltbereite Autonome des sogenannten Schwarzen Blocks hatten sich – wenn auch in kleiner Zahl – unter die Tausenden friedlichen Demonstranten gemischt und kurzzeitig den Konflikt mit der Polizei gesucht. Mehrere Teilnehmer nahmen trotz Aufforderung des Versammlungsleiters ihre Vermummung nicht ab. Daraufhin versuchte die Polizei vergeblich, den „Schwarzen Block“ vom Rest des Zuges zu trennen. Dabei wurden die Beamten mit Stangen massiv angegriffen.

Ansonsten verlief der bunte Aufzug, der am frühen Sonnabendnachmittag am Deichtorplatz startete und über die Ost-West-Straße bis zum Millerntorplatz führte, friedlich. Vorneweg marschierten die Kurden und ließen die YPG, die Milizen der syrischen Kurden hochleben. Samba-Gruppen liefen mit, auch ein Dudelsackspieler war dabei.

An einem mobilen Stand verkaufte ein Geschäftstüchtiger geballte Fäuste aus Pappe, die an einem Stock in die Luft gereckt werden konnten. „Weniger arbeiten statt mehr Wachstum“, forderte ein älterer Herr auf einem selbst gebastelten Schild. Von der Fußgängerbrücke nahe der Bundesbank seilten sich zwei Frauen ab und spannten ein Transparent auf: „G20 – wir sind nicht alle! Es fehlen die Ertrunkenen“, stand darauf. Neben „Peace“-Fahnen hieß es auf Plakaten unter anderem „Wir deeskalieren“, aber auch „Fight G20 – Für eine revolutionäre Perspektive“.

Es geht hier um Inhalte, nicht um Gewalt

Verschiedene prominente linke Politiker ließen sich die Demonstration nicht entgehen. An der Spitze marschierte neben Jan van Aken die Linken-Parteichefin Katja Kipping. Der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele machte sich in Hamburg selbst ein Bild dessen, „was Sache ist“, und demons­trierte „für faire Handelsbeziehungen“ mit. „Solche Gipfel müssen in Frage gestellt werden, weil das sehr, sehr viel Theater ist“, sagte er.

Unter den Demonstranten war auch der 75-jährige Johannes Philipp aus Bremen, der mehrere Peace-Fahnen hochhielt. „Ich bin hier, weil ich für den Frieden eintrete“, sagte er. Edgar (68) und Lisa Munz (66), die nach den Gewaltexzessen vom Freitagabend extra aus Ingolstadt angereist waren, wollten friedlich ihre Meinung kundtun. „Das Volk wird immer mehr ausgenommen, wenn Großkopferte zusammenkommen.“

Leonie aus Lüneburg (20) wiederum trug ein Plakat, auf dem sie forderte: „Klima schützen statt Grenzen schützen“. Andere Teilnehmer der Demons-tration machten klar: an diesem Tag sollte es ausschließlich um Inhalte und nicht um Gewalt gehen. „Nur wer gewaltfrei demonstriert, hat’s kapiert“, stand auf einem Plakat zu lesen.

Zum Abschluss ein Volksfest auf dem Millerntorplatz

Nachdem der Demonstrationszug sich über Stunden durch die Stadt gezogen hatte, endete er am Millerntorplatz. Dort gab es ein mehrstündiges Volksfest mit politischen Reden und Musik. Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano kritisierte Unrecht und Unvernunft des Kapitals. „Ihr wollt nicht zusehen, wenn durch die Ausbeutung der Natur die Inseln Mikronesiens dem Klimawandel geopfert werden“, sagte die 92-Jährige. „Ihr wollt nicht zusehen, dass mit Waffenhandel viel Geld verdient wird.“

Die Netz-Aktivistin und Bloggerin Katharina Nocun vom Hamburger Bündnis gegen Überwachung prangerte „ein Übermaß an Überwachung“ und einen Abbau von Bürgerrechten in den G20-Staaten an. Das Abhören durch den US-amerikanischen Geheimdienst NSA, die Flugdatenspeicherung und die Videoüberwachung würden immer billiger. „Was früher noch 100 000 Spitzel erforderte, passt heute in ein Rechenprogramm“, sagte Nocun.

Im Verlaufe des Nachmittags spitzte sich am Alten Elbpark, in dem das Bismarck-Denkmal steht, die Situation zunächst zu. Eine Hand voll Demonstranten hatte sich auf der Helgoländer Allee niedergelassen. Die Polizei rückte mit zwei Wasserwerfern und einer Hundertschaft an Beamten an. Mehr und mehr Menschen strömten zu dem Ort. Immer wieder ertönten polizeikritische Sprechchöre. Doch dann entspannte sich die Situation. Ein Junge verteilte Süßigkeiten an die Polizisten. Großer Jubel brach aus, als die Polizisten auf Befehl ihrer Vorgesetzten die Helme abnahmen.