G20-Krawalltouristen

Die Stunde der Voyeure – für sie sind Krawalle ein Happening

Schaulustige fotografieren den geplünderten Drogeriemarkt im Hamburger Schanzenviertel

Schaulustige fotografieren den geplünderten Drogeriemarkt im Hamburger Schanzenviertel

Foto: dpa

Sensationstouristen und selbst ernannte digitale Berichterstatter gefährden sich, vor allem aber behindern sie die Polizei.

Sie sind überall bei den G20-Krawallen in Hamburg. Hinter jeder Hundertschaft und Sondereinheit, hinter jedem Wasserwerfer und hinter jeder brennenden Barrikade. Sie sind keine Demonstranten, sie sind keine Chaoten, sie sind – Gaffer.

Während Hamburg am Freitag die schlimmsten Ausschreitungen der letzten Jahre erlebt, der Bereich zwischen Stresemannstraße und Sternstraße für Stunden zum rechtsfreien Raum wird, schlägt die Stunde der Aufstandsvoyeure, der Gewaltpornografen für den Hausgebrauch.

In der einen Hand das Handy, in der anderen den Whiskey

Sie glotzen, stehen herum und halten das Handy in der Hand, ignorieren die Aufforderungen der Polizei, sich vom Einsatzort zu entfernen. Nicht, weil sie dokumentieren, berichten wollen über das, was geschieht. Sondern um sagen zu können, „Ich war dabei“ und das im Idealfall mit einem Selfie oder Videoclip beweisen zu können.

Ein junger Mann, vielleicht 20 Jahre alt, die blonden Haare zum Hipsterschnitt zurechtgezaust, im Gesicht noch die Reste der Pubertätsakne, steht am Freitagnachmittag an der Stresemannstraße, vor einem Wasserwerfer. Näher dran am Steinhagel, der den gerade vorrückenden Räumpanzer aus Richtung Schulterblatt empfängt, sind nur einige schwer gepanzerte Polizisten, die beunruhigt aussehen – soweit man das unter den Helmen erkennen kann. Das scheint dem Nachwuchsreporter von eigenen Gnaden nicht aufzufallen, er geht noch zwei Meter weiter. In der einen Hand hält er eine dreiviertelvolle Flasche Whiskey. Mit der anderen filmt er den Einsatz des Panzers.

Kalkuliert provozierend an Polizeikette vorbei

Eine Frau um die 40 mit Flip-Flops, Stoffhose und Trägertop steht auf einer Verkehrsinsel unweit des Neuen Pferdemarkts. Den ihr entgegenlaufenden Mob hat sie fest im Blick der Handylinse. Kurz bevor der Strahl des Wasserwerfers, der den Schwarzen Block vor sich hertreibt, sie erreicht, bringt sie sich in Sicherheit.

Vier Jungs, 14 oder 15 Jahre alt, in Trainingsjacken und Jogginghosen, begegnen einem immer wieder: An der Helgoländer Allee, als von der Brücke Steine auf Wasserwerfer fliegen; am Michel, als Demonstranten vor der Kirche stehen und mit einem Wasserwerfer vertrieben werden; am Grünen Jäger, als eine Polizeieinheit einen Flaschenwerfer festsetzt; am Polizeikommissariat 16 an der Lerchenstraße, als sie mit kalkulierter Provokation an der Polizeikette vorbeischlendern. Sie filmen nicht, sie gaffen bloß. Und checken hin und wieder, ob die Fahrräder am Straßenrand abgeschlossen sind.

Bummeln gehen im rechtsfreien Raum

Vor der Roten Flora ist die Situation geradezu surreal. Noch brennen dort keine Barrikaden, aber die Zeichen stehen bereits auf Sturm. Das sieht man wenige Hundert Meter weiter am Neuen Pferdemarkt. Die Cafés gegenüber sind trotzdem gut gefüllt: Schließlich geht man immer freitags dort Kaffee trinken, und nun ist endlich mal was los. Vielleicht kann man ja einmal einen richtigen Autonomen fotografieren.

23 Uhr, Schanzenstraße: Ein Vermummter sprüht im Licht brennenden Mülls auf der Straße Parolen an die Wand. Um ihn herum laufen Menschen mit Bierdosen in der Hand, schlendern durch die gespenstische Szenerie aus Hubschrauberknattern, Flammenschein und Rauchschwaden. Ein fliegender Händler mit Bierdosen macht gute Geschäfte. In der Susannen- und der Juliusstraße sitzen Menschen in den Bars und unterhalten sich. Einige Meter weiter werden Geschäfte geplündert.

Lässiger Auftritt gegenüber Konvois

Die Kreuzung Altonaer Straße/Max-Brauer-Allee/Schulterblatt, es ist bald Mitternacht, die Polizei schließt ihre Vorbereitungen zum Einsatz ab. Hundertschaften stehen auf der Straße, Wasserwerfer blockieren die Eisenbahnbrücke. Hinter ihnen ein Halbkreis von Menschen, bestimmt 150 Personen. Ein Pärchen drängelt sich nach vorn – ein Selfie soll es sein, mit der Sondereinheit im Hintergrund, die gleich in Richtung Rote Flora vorrücken wird und dabei ihre körperliche Unversehrtheit aufs Spiel setzt.

Ein beliebtes Spiel unter Heranwachsenden und solchen, die maximal dem Alter nach erwachsen sind, das schon seit Tagen immer wieder zu beobachten ist: Der extrem lässige Auftritt gegenüber nahenden Polizeikonvois. Wer geht näher heran an die mit Blaulicht und Martinshorn fahrende Kolonnen? Wer traut sich auch noch kurz vor Eintreffen der Fahrzeuge, über die Straße zu laufen.

Schon am Sonnabendmorgen sind sie wieder unterwegs: Die selbst ernannten Berichterstatter, die ihre Version der Wahrheit digital in die Welt pusten. Nicht differenziert, nicht begründet, sondern möglichst knallig. Beliebte Motive sind die geplünderten Läden und die Überreste der brennenden Barrikaden. Wenn sie noch qualmen: umso besser.

Dass dort Menschen wohnen, die am Abend zuvor um Hab und Gut, um Leib und Leben gar fürchten mussten, das interessiert diese Menschen anscheinend nicht. Es wird staunend flaniert, wo in der Nacht Spezialeinheiten im Einsatz waren, um die Straßen zurückzuerobern, wo Feuerwehr, Straßenreinigung und Anwohner versuchen, die Reste der Krawalle zu beseitigen. Helfen? Nicht doch.

Wasserwerfer gegen Schaulustige

In der Nacht zu Sonntag reicht es auch der Polizei: Auch während des Einsatzes im Schanzenviertel fordern die Beamten per Lautsprecher und via Twitter wiederholt dazu auf, dass Unbeteiligte sich entfernen sollen, um nicht zwischen die Fronten aus Randalierern und Einsatzkräften zu geraten. Mit wenig Wirkung, es wird weiter gegafft und geknipst. Schließlich kündigt die Polizei an, dass ab sofort auch Schaulustige so behandelt würden wie diejenigen, die Autos anzünden und Steine schmeißen.

Das mag hart klingen, scheint aber der einzige Weg zu sein, dieser Plage Herr zu werden.