Elbphilharmonie

Beethovens Neunte beim G20-Gipfel-Konzert in Hamburg

Die Freude über schöne Götterfunken, von denen Schiller in seiner berühmten
Ode schrieb, hat Ludwig van Beethoven im Finale seiner letzten vollendeten
Sinfonie visionär vertont

Die Freude über schöne Götterfunken, von denen Schiller in seiner berühmten Ode schrieb, hat Ludwig van Beethoven im Finale seiner letzten vollendeten Sinfonie visionär vertont

Foto: picture-alliance

Das Stück ist der größtmögliche Konsens-Klassik-Hit – und gleichzeitig eine unmissverständliche Provokation.

Hamburg.  Dem letzten Hamburger Generalmusikdirektor, bei dem Beethovens Neunte als Politikum auf einem festlichen Konzertprogramm stand, hat das mächtigen Ärger mit Mächtigeren eingebracht: 2001 war es, als Ingo Metzmacher das Stück am 3. Oktober, am Tag der Deutschen Einheit, dirigieren wollte. Als Gastredner und „Querdenker“ hatte der streitbare Künstler den ebenso streitbaren wie umstrittenen ostdeutschen PDS-Politiker und Bundestagsabgeordneten Gregor Gysi in die Laeisz­halle eingeladen.

Die Wogen der hiesigen Empörung schlugen prompt hohe Wellen. Ole von Beust, damals noch oppositioneller CDU-Spitzenkandidat kurz vor der Wahl, forderte die parteilose Kultur­senatorin Christina Weiss auf, dieses ­„geschichtsvergessene, stillose Verhalten“ zu unterbinden. Metzmacher war Mitglied der Initiative „Künstler gegen Schill“. Das Ende vom Lied, nach den Anschlägen vom 11. September wegen der angespannten Weltlage offiziell beschlossen: Keine Rede mehr. Nur Musik.

Beethovens Neunte auf CD

Die Welt hat sich seitdem dramatisch verändert, sehr angespannt ist es gerade auch. Aber auch am 7. Juli 2017 wird es wahrscheinlich keine Rede ­geben, diesmal im Großen Saal der Elbphilharmonie. Nur Musik. Beet­hovens Neunte, insbesondere der ­pathetisch aufgeladene Text des Finales nach Schillers „Ode an die Freude“, soll beim G20-Konzert für sich sprechen. Ausdrücklich und eindringlich.

Und wohl auch, im übertragenen Sinne, für die mächtigste Politikerin der Welt, eine in Hamburg geborene Ostdeutsche, die sich als ranghöchste Gipfel-Gastgeberin dieses Opus 125 „gewünscht“ hat. Und garantiert nicht nur, weil bei ihrem ersten Elbphilharmonie-Besuch zur Eröffnung am 11. Januar die ersten Sätze im Gala-Programm gefehlt haben. Wer hätte da noch ein „Ja, aber...“ äußern können? Der jetzige Generalmusik­direktor Kent Nagano nicht. Auch er stand auf Merkels Wunschzettel zur schönen ­Bescherung für Trump, Erdogan & Co, der dem Hamburger Rathaus ohne Rückschein zugestellt wurde.

Beethovens Neunte ist ein Hit

Nachvollziehen kann man Merkels Dramaturgie, um die lange ein ­Staatsakt-Geheimnis gemacht wurde, mühelos: Beethovens Neunte ist ein Hit, den alle kennen und die meisten mögen dürften. Eingängig, ­anspruchsvoll. Deutsche Grundwerte-Arbeit. Eine musikgewordene Große Koalition auf globalem Niveau. Konsens-Klassik, bei der man Beethovens revolutionären Unterton mitspielen und so das Konzerthaus zur moralischen Anstalt machen kann, aber nicht muss. Die Neunte, 1824 in Wien uraufgeführt und Preußens König Friedrich Wilhelm III. gewidmet, ist da flexibel.

Weltkulturerbe ist das Stück, der letzte Satz ist seit 1972 Europa-Hymne, die an deutlich harmonischere EU-Zeiten erinnert und mit ihrem Text Machtmissbrauchern entschlossen optimistisch ins Gewissen singt: „Alle Menschen werden Brüder ... seid umschlungen, Millionen ... diesen Kuss der ganzen Welt“. Vom bevorzugten Küssen einzelner Weltmächte zuerst ist da jedenfalls nicht die Rede. In Schillers Frühfassung stand noch die Hoffnung auf „Rettung von ­Tirannenketten“ und „Großmut auch dem Bösewicht“. Auch das sollte man am 7. Juli mitdenken.

Musikgewordene Große Koalition

Schon der junge Beethoven war von Schillers Text fasziniert, erst der alte, kranke, taube Beethoven verarbeitete ihn. Er war bei weitem nicht ­allein, mehr als 100 Vertonungen gibt es.

Man kann mit dieser Neunten, der Mutti aller Beethoven-Sinfonien, nichts verkehrt machen, sollte man glauben. Womöglich aber doch. Denn gerade, weil das Stück ein so riesiger gemein­samer Nenner ist, so staatstragend und ­affirmativ (miss-)verstanden und (falsch) gedeutet werden kann, bot es in seiner wechselvollen Aufführungsgeschichte immer wieder Angriffsflächen.

Für Marx war die Neunte eine „Missa solemnis irdischer Weltfreude“. Wagner bejubelte den Appell an die ­revolutionären humanistischen Ideale Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit als „Schrei universeller Menschenliebe“, obwohl er den Schlusssatz für den schwächsten Teil hielt. Sie ist das einzige Stück, das Wagner per Dauerauftrag an die Dynastie-Erben neben seinen Opern auf dem Bayreuther Festspiel-Programm dulden lässt. 1988 wurde sie von Demonstranten beim Sturz Pinochets in Chile gesungen. Kurz nach dem Fall der Berliner Mauer dirigierte sie Bernstein in Berlin, mit der Textänderung „Freiheit“ statt „Freude, schöner Götterfunken“. Für jede philosophische Gesinnung, jede Weltanschauung ist in dieser Stunde Musik etwas dabei.

„Die Kunst ist frei“

Wo so viel Licht, da auch viel Schatten: Etliche Länder – darunter das Apartheids­regime im damaligen Rhodesien – okkupierten die Neunte als ­Nationalhymne. In der Sowjetunion ­bejubelte sie die ­Oktober-Revolution, Stalin soll sie als „die richtige Musik für die Massen“ ­bezeichnet haben. Sie wurde für Hitlers Geburtstag gespielt und musste von KZ-Häftlingen in Auschwitz gesungen werden. Goebbels ließ sie als Durchhalte-Klassik aus den Volksempfängern ­tönen, während Soldaten vor Stalingrad verreckten.

Ingo Metzmacher hatte seinerzeit über Kunst und Politik gesagt: „Es gibt keine große Musik ohne Widersprüche.“ Der Kommentar des damaligen Hamburger SPD-Landesvorsitzenden zum Gysi-Beethoven-Streit war: „Die Kunst ist frei.“ Sein Name: Olaf Scholz.

G20-Gipfel kurz erklärt:

G20-Gipfel kurz erklärt
G20-Gipfel kurz erklärt
Video: abendblatt.tv