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Die 20 beim Gipfel sind in Wahrheit 35

Bundeskanzlerin Angela Merkel (r.) und IWF-Chefin Christine Lagarde werden sich in Hamburg sehen

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (r.) und IWF-Chefin Christine Lagarde werden sich in Hamburg sehen

Neben den Staats- und Regierungschefs nehmen mehrere andere Organisationen an dem Gipfel in Hamburg teil.

Hamburg. Den wichtigsten Tag im Zusammenhang mit G20 hatte Maike Röttger schon knapp drei Wochen vor dem Gipfel: Am 19. Juni war die Deutschland-Geschäftsführerin des Kinderhilfswerks Plan International beim "kleinen" C20-Gipfel in der HafenCity Universität in Hamburg dabei, als ein Dokument an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) übergeben wurde, das nun hoffentlich beim "großen" G20-Treffen Beachtung finden wird. Acht Superreiche besäßen so viel wie die untere Hälfte der Weltbevölkerung, heißt es darin anklagend, verbunden mit Forderungen wie der, die Finanzmärkte müssten wieder der Wirtschaft dienen und dürften nicht als "Casino" missbraucht werden. Ferner heißt es: "Die Umwelt, die Ozeane und die Atmosphäre dürfen nicht länger als Abfluss für Verschmutzung und Treibhausgase behandelt werden."

Entwicklungspolitik im Focus

Zu den Civil20 (C20) gehören namhafte nationale und internationale Organisationen, die der Zivilgesellschaft rund um die Treffen der Staatschefs eine Stimme geben. Plan als die einzige global agierende Entwicklungsorganisation aus Hamburg hat dabei den Co-Vorsitz der C20-Arbeitsgruppe zu Ungleichheit, Geschlechtergerechtigkeit und sozialer Sicherung übernommen. "Wir setzen uns stark für die Bildung von Frauen ein", sagt Maike Röttger. "Mädchen müssen selbst die Strukturen und Befähigungen erhalten, über ihre Belange abstimmen und entscheiden zu können. Zudem müssen sie Zugang zu einer altersgerechten Familienplanung haben."

Interessante Fakten

Unabhängig vom C20-Abschlussdokument hatte Plan im Vorfeld in einer Studie interessante Fakten zusammengestellt: So seien im europäischen IT-Sektor weniger als 30 Prozent Frauen tätig, im Schnitt hätten 14 Prozent weniger Frauen als Männer weltweit ein Mobiltelefon, und wenn weiteren 600 Millionen Frauen und Mädchen in Entwicklungsländern Onlinezugang verschafft würde, läge der wirtschaftliche Gewinn bei 13 bis 18 Milliarden US-Dollar – pro Jahr.

Da bekannt ist, dass der Bundeskanzlerin dieses Thema am Herzen liegt, hoffen Röttger und ihr Team, dass die Forderungen ihrer Arbeitsgruppe oder die der C20 sich in Teilen in der Abschlusserklärung der G20 wiederfinden werden. Die Chancen stünden besser als je zuvor, sagt die Plan-Geschäftsführerin: "Zum ersten Mal stehen bei einem G20-Gipfel entwicklungspolitische Themen ganz groß auf der Agenda."

Uno in Hamburg prominent vertreten

Dabei sind Plan International und die C20 nur ein Beispiel für die vielen Akteure, die noch an so einem Gipfel beteiligt sind, sich dabei aber meist unter dem Radar der Öffentlichkeit bewegen. Schon die Bezeichnung G20 ist eigentlich irreführend – tatsächlich ist es ein G35-Gipfel. Denn neben den 19 Staaten und der EU, die die G20 bilden, sind auch noch sieben Gaststaaten und acht internationale Organisationen in Hamburg vertreten, die die ohnehin große Teilnehmerzahl um mehrere Tausend Menschen erhöhen.

So wird unter anderem die Uno in Hamburg prominent vertreten sein: "Neben den Staats- und Regierungschefs kommt auch der neue General­sekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, in unsere Stadt", bestätigte Wolfgang Schmidt (SPD), Hamburgs Staatsrat für auswärtige Angelegenheiten. Der frühere portugiesische Ministerpräsident führt die Vereinten Nationen seit Anfang 2017 an und kommt zum ersten mal in dieser Funktion nach Hamburg.

Lagarde eine der einflussreichsten Frauen

Während Guterres eher unauffällig agiert, darf die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) durchaus als schillernd bezeichnet werden: Christine Lagarde führt den IWF bereits seit 2011 und hat in dieser Zeit immer wieder für Aufsehen gesorgt – mal, weil sie in der Griechenland-Krise eine andere Haltung vertrat als der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble, mal, weil sie sich in ihrer Heimat Frankreich wegen umstrittener Zahlungen während ihrer Zeit als Ministerin vor Gericht verantworten musste. In jedem Fall ist mit Lagarde eine der einflussreichsten Frauen der Welt zu Gast in Hamburg.

Kaum weniger mächtig, aber nicht so bekannt sind dagegen die Chefs der anderen Organisationen, die ebenfalls beim G20-Gipfel dabei sein werden: die Weltbank, die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Welthandelsorganisation (WTO), der Finanzstabilitätsrat (FSB), die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) und nicht zuletzt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Sieben Gaststaaten

Hinzu kommen noch sieben Gaststaaten, die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) als amtierende G20-Vorsitzende eingeladen hat: Norwegen, die Niederlande, Spanien und Singapur, Guinea als Vertreter der Afrikanischen Union (AU), die von Vietnam vertretene Asiatisch-Pazifische Wirtschaftsgemeinschaft (APEC) und die Neue Partnerschaft für die Entwicklung Afrikas
(NEPAD), vertreten durch Senegal.

Vor allem mit Blick auf diese und andere Entwicklungsländer haben die zivilen Organisationen eine klare Erwartungshaltung an die 20 reichsten Indus­triestaaten: "Die G20 müssen jetzt beweisen, dass sie die Forderungen und Anliegen der Zivilgesellschaft wirklich ernst nehmen und in Politik umsetzen", betonte Bernd Bornhorst, Vorstandsvorsitzender vom Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (Venro), der den C20-Prozess koordiniert. "Die C20 fordern von der G20 eine Politik, die die wachsende Ungleichheit zwischen den Ländern und innerhalb der Länder stoppt, die weltweit Armut und Hunger an ihren Ursachen bekämpft und Gleichberechtigung fördert." Oder mit den Worten von Maike Röttger: "Das ist ein sehr wichtiger Gipfel."

G20-Gipfel kurz erklärt:

G20-Gipfel kurz erklärt

Wer kommt? Was wird besprochen? Wieso so viel Protest und wogegen eigentlich? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum G20-Gipfel am 7. und 8. Juli in Hamburg.
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Video: abendblatt.tv
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