Ruine

Neues Leben für eine Geistertankstelle in Othmarschen

Ziemlich heruntergekommen sieht die Tankstelle an der Liebermannstraße derzeit aus. Aber ein Bagger steht schon bereit. 2021 soll Wiedereröffnung sein.

Ziemlich heruntergekommen sieht die Tankstelle an der Liebermannstraße derzeit aus. Aber ein Bagger steht schon bereit. 2021 soll Wiedereröffnung sein.

Foto: Matthias Schmoock

Nach jahrelangem Hickhack lässt Ölkonzern die Ruine teilweise abreißen. Moderne Zapfanlage soll wieder ein Nachbarschaftstreff werden.

Hamburg.  Seit mehr als zwei Jahren gammelt die ehemalige Tankstelle des Orlen-Konzerns am Kreisel Liebermannstraße/Bernadottestraße vor sich hin. In der Gegend hat sie deshalb traurige Bekanntheit als „Geistertanke von Othmarschen“ erlangt. Doch nun tut sich endlich etwas vor Ort. Neue Anzeigetafeln sind aufgebaut, ein Bagger steht in Position, die Grünfläche wirkt etwas gepflegter als zuletzt. Auch Anwohner berichten, dass in den vergangenen Wochen regelmäßig kleinere Arbeiten vor Ort verrichtet wurden und immer wieder Baumaschinen und Lkw im Einsatz waren. Die Abendblatt-Nachfrage bei Orlen bringt Gewissheit: Die Tankstelle wird wieder belebt, und im kommenden Jahr soll der Betrieb wieder anlaufen.

Nach Angaben von Sebastian Duden, Kommunikationsmanager bei Orlen, ist am Kreisel ein Teilabriss angelaufen. „Die ehemalige Waschhalle und das Tankstellendach bleiben stehen. Der Rest wird komplett neu gebaut als Station nach modernsten Standards“, sagt Duden. Die Ladenfläche des Verkaufsraums soll laut Duden größer werden als die alte: „Sie liegt in Zukunft bei gut 60 Quadratmetern.“ Und so sieht der Zeitplan aus: Nach der Abrissphase starten die Tiefbauarbeiten für die Bodenplatte, dann folgt der Neuaufbau.

Zahlreiche Othmarscher hatten sich für die Wiederbelebung der Tankstelle eingesetzt

Duden ist zuversichtlich: „Geplant ist nach derzeitigem Stand eine Wiederinbetriebnahme Ende Januar 2021.“
Die Nachricht dürfte viele Bewohner Othmarschens und der angrenzenden Stadtteile erfreuen. Denn dass es vor Ort wieder eine Tankstelle geben würde, war in den vergangenen Jahren keineswegs durchgehend gewährleistet. Immer wieder hatte in der Gegend das auch von Bezirkspolitikern kolportierte Gerücht die Runde gemacht, wonach auf dem zentral gelegenen Grundstück, das sich im Besitz der Stadt befindet, Wohnungsbau geplant sei.

Zahlreiche Othmarscher hatten sich daraufhin energisch für die Wiederbelebung der Tankstelle eingesetzt, darunter eine große, von Lokalpolitikern unterstützte Gruppe um die Vorsitzende des Bürgervereins Flottbek-Othmarschen, Ute Frank. Sie hatten vor allem geltend gemacht, dass es im näheren Umkreis keine weitere Tankmöglichkeit gibt und dass eine Tankstelle vor Ort auch eine wichtige Funktion als Nachbarschafts- und Kommunikationstreff habe.

Monatelange Auseinandersetzungen

Erst im Frühjahr 2019 hatte die damalige Altonaer Bezirksamtsleiterin Liane Melzer (SPD) dann mitgeteilt, dass nach vielen Gesprächen „Erhalt bzw. Wiederinbetriebnahme der Tankstelle“ das Ergebnis sei. Es scheint, dass Orlen nun gezielt auf den Aspekt Nachbarschaftstreff eingeht. Sebastian Duden kündigt jedenfalls an: „Besonders hohen Stellenwert bei den geplanten Arbeiten hat der Bistro-Bereich. Auch wenn die Station nicht übermäßig groß ausfallen wird, werden wir dort einen Sitzbereich haben, der zum Pausemachen einlädt.“

Vor drei Jahren machte die Anlage als „Hamburgs einzige Tankstelle ohne Sprit“ Schlagzeilen. Es tobten monatelange Auseinandersetzungen zwischen dem damaligen Pächter Ibrahim Keklikci und dem Orlen-Konzern um zu spät abgeführte Tageseinnahmen. Im Zuge eines Rechtsstreits hatte Orlen dem Pächter nach 16 Jahren gekündigt und auch ein Räumungsverfahren erwirkt. Zuvor war Keklikci auch der Kraftstoffverkauf gerichtlich verboten worden.

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Dann herrschte Funkstille zwischen beiden Seiten, auch alle Versuche scheiterten, sich außergerichtlich zu einigen. Doch Keklikci wollte nicht weichen und tat das, womit niemand gerechnet hatte: Er ließ den Tankstellenbetrieb weiterlaufen, ohne Benzin zu verkaufen. Stattdessen bot er weiterhin Kaminholz, Getränke und Lebensmittel an, gelegentlich checkte er auch mal defekte Autos.

Ex-Pächter Keklikci galt als Don Quijote von Othmarschen

Der in der Gegend beliebte Pächter, der betagten Kunden auch mal Ware nach Hause bringen ließ, ignorierte die Räumungsaufforderung einfach. Seine Situation sprach sich schnell herum, und für viele alte und neue Kunden war Keklikci eine Art Don Quijote im Kampf gegen einen mächtigen Konzern. Die Tankstelle wurde wieder angefahren wie in ihren besten Zeiten – nun eben zum Einkaufen sowie als Klatsch- und Nachrichtenbörse.

Erst im Sommer 2018 räumte Keklikci endgültig das Feld. Von Orlen gab es damals nur eine knappe Stellungnahme: „Nachdem sich unser ehemaliger Pächter Herr Keklikci mehr als 15 Monate widerrechtlich auf unserer Tankstelle aufhielt, wurde die Räumung durch den zuständigen Gerichtsvollzieher am 6. Juli erfolgreich durchgeführt.“ Wie Orlen jetzt auf Nachfrage mitteilt, laufen Gespräche mit einem potenziellen neuen Pächter bereits.