Blankenese

Neubau im Landschaftsschutzgebiet „ist ein Skandal“

Albrecht Hauter (v. l.), Benjamin Harders und Hermann Gérard stehen vor dem abgerissenen Haus am Siebenweg.

Albrecht Hauter (v. l.), Benjamin Harders und Hermann Gérard stehen vor dem abgerissenen Haus am Siebenweg.

Foto: Michael Rauhe

Nachbarn sind empört: Am Falkenstein wird neu gebaut und ein unter Denkmalschutz stehendes Haus wurde abgerissen.

Hamburg.  Albrecht Hauter steht am Elbhang und blickt kopfschüttelnd in Richtung der Baustelle. „Man kann mir erzählen, was man will“, so Hauter, „aber verstehen kann man das Ganze trotzdem nicht.“ Beim gemeinsamen Walken am Falkenstein waren Hauter und sein mit ihm befreundeter Nachbar Hermann Gérard über viele Monate regelmäßig an einem reetgedeckten Haus am Siebenweg vorbeigekommen. „Im Laufe der Zeit ist es immer stärker verfallen“, berichtet Hauter, „jahrelang hat sich niemand um den Erhalt gekümmert.“ Einmal seien er und Gérard zu der Ruine gegangen und hatten kurz hineingeschaut. „Dort lagen Schlafsäcke und andere Habseligkeiten“, erzählt Hauter. „Es war klar, dass dort Obdachlose nächtigten.“

Nun wurde das Haus sang- und klanglos abgerissen, ein Schild am Siebenweg kündigt einen Neubau an. Al­brecht Hauter begann, die Hintergründe zu recherchieren und förderte dabei Erstaunliches zutage. Mittlerweile spricht er von einer „Ungeheuerlichkeit“, über die er von der Politik Aufklärung verlangt.

Im Haus wohnte einst der Architekt Carl Gustav Bensel

Das alte Haus, das ist die Überraschung Nummer eins, hatte unter Denkmalschutz gestanden. Als ehemaliges Wohnhaus des Architekten Carl Gustav Bensel, dürfte es zudem eine kulturhistorische Bedeutung gehabt haben, mutmaßt Hauter. Hamburg hat Bensel zahlreiche Gebäude, darunter das Karstadt-Kaufhaus an der Mönckebergstraße zu verdanken. Doch während sich die Eigentümer anderer denkmalgeschützter Objekte oft mit hohen Auflagen konfrontiert sehen, konnte das ehemalige Bensel-Haus offenbar über viele Jahre hinweg verfallen, ohne dass der Eigner dafür belangt wurde.

Überraschung Nummer zwei: Das alte Haus stand mitten im Landschaftsschutzgebiet. Dass an derselben Stelle ein Neubau genehmigt wird, ist zwar möglich, wird aber längst nicht immer so praktiziert. Oft, das haben Experten bestätigt, erlischt das Baurecht nach dem Abbruch eines bestehenden Hauses, und das Grundstück bleibt quasi der Natur überlassen. Nicht nur Hauter und Gérard fragen sich inzwischen, wie das alles möglich war.

Schwierige Entscheidung für den Bauausschuss

Das Bezirksamt Altona teilt auf Abendblatt-Nachfrage mit, dass die Baugenehmigung für das neue Einfamilienhaus vom bezirklichen Bauausschuss als politischem Entscheidungsgremium im sogenannten vereinfachten Verfahren (nach Paragraf 61 der Bauordnung) erteilt wurde. Dabei seien dann weder eine landschaftsschutzrechtliche noch eine denkmalschutzrechtliche Genehmigung Bestandteil. Wie Martin Roehl, Sprecher des Bezirksamts, sagt, wurde die Baugenehmigung erstmals 2011 erteilt und dann mehrmals verlängert. Daraus könnte der jahrelange Verfall des alten Hauses resultieren, mutmaßt Roehl.

Nachfrage bei dem langjährigen Vorsitzenden des bezirklichen Bauausschusses, Sven Hielscher (CDU). Hielscher erinnert sich gut an den Fall, bezeichnet ihn als „grenzwertig“ und „schwierig“. Der Bauausschuss habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, auch übergeordnete Behörden seien involviert gewesen. Letztlich sei entscheidend gewesen, dass jeder Antragsteller ein Anrecht auf eine zeitnahe Entscheidung habe (Bescheidungsanspruch). „Wenn sich so etwas zu lange hinzieht, droht der Stadt Hamburg immer ein langer, kostenintensiver Rechtsstreit“, sagt Hielscher, „entsprechend musste eine Entscheidung gefunden werden. Sie ist dann für den Antragsteller positiv ausgefallen und damit rechtssicher für die Stadt damit kein Schadensersatzprozess droht.“

Nachbar wendet sich an Eingabenausschuss

Albrecht Hauter will sich mit diesen Auskünften nicht zufriedengeben. Der agile Blankeneser, der sich auch schon lange in der Flüchtlingsbetreuung engagiert, hat sich mittlerweile per Einschreiben an den Eingabenausschuss der Bürgerschaft gewandt. Hauter verlangt darin unter anderem Auskunft darüber, mit welcher Begründung das Bauvorhaben genehmigt wurde. Außerdem ist er sicher, dass das Projekt „die grundsätzlichen Ausnahmegenehmigungen eines Neubaus im Landschaftsschutzgebiet weit überschreitet“.

Und wörtlich stellt Hauter klar: „Es geht mir darum, darauf hinzuwirken, dass das Ausmaß des Bauvorhabens so reduziert wird, dass die baulichen Regelungen für das Bauen in Landschaftsschutzgebieten eingehalten werden.“ Der Blankeneser ist so aufgebracht, dass er sich sogar vorstellen kann, einen Baustopp zu erwirken. Hauter nennt den ganzen Vorgang skandalös – „der ganze Bau ist ein Skandal“. Die Antwort auf seine Anfrage erwartet er innerhalb der kommenden Monate.

Auch der Vorsitzende des Blankeneser Bürgervereins, Benjamin Harders, hat sich schon vor Ort umgesehen und unter anderem den Abriss dokumentiert. „Für uns als Blankeneser Bürgerverein stellt sich die grundsätzliche Frage, warum unter Denkmalschutz stehende Gebäude abgerissen werden dürfen. Wer stellt sicher, dass Gebäude nicht dem Verfall überlassen werden“, fragt Harders. „Ich bedauere, dass im Siebenweg ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude abgerissen wurde, das sich zudem als Reetdachhaus schön in die Landschaft eingefügt hatte.“