Gastbeitrag

Wie sich Hamburgs bevorzugte Viertel verändern

Eine feine Gegend: Blankenese zählt zu den begehrtesten Wohnlagen der Hansestadt.

Eine feine Gegend: Blankenese zählt zu den begehrtesten Wohnlagen der Hansestadt.

Foto: Thorsten Ahlf

Am Beispiel Blankenese beschreibt „Klönschnack“-Herausgeber Klaus Schümann, wie sich das Miteinander wandelt.

Hamburg.  Vermutlich kennt niemand Blankenese und die Blankeneser so gut wie er: Seit seiner frühen Kindheit lebt Klaus-Schümann, Chefredakteur und Herausgeber des Stadtmagazins „Klönschnack“ in dem Elbe-Stadtteil. Schümann registriert seit einigen Jahren mit Sorge die Veränderungen vor Ort. Hier seine Betrachtung in einem Gastbeitrag für das Abendblatt:

Im Sommer 2001 feierte Blankenese sein 700-jähriges Bestehen. Der Stadtteil und seine Bewohner ließen es sich in diesen Tagen gut gehen. Man feierte, verhalten, versteht sich, die allgemeine Aufmerksamkeit durch den Rest der Stadt. Die Medien widmeten dem Fischer- und Bauerndorf am Rande der Endmoräne angemessenes Interesse und sprachen ausnahmslos vom „feinen“ Blankenese, in dem es vornehm zugehe. Gefragt waren Kommentare über die Schönheit der Hanglage und Bonmots über seine Bewohner, zum Beispiel, dass man gern vom „Palermo des Nordens“ spricht und die Blankeneser alle Farben zulassen – Hauptsache sie sind blau.

Hartnäckig hielt sich auch das ungeschriebene Gesetz, dass ein Blankeneser nur zweimal in der Zeitung zu stehen habe: nämlich bei der Geburt und beim Tod. Alles andere grenze ans Neureiche oder an Wichtigtuerei. Zugezogene balzten gern mit dem neuen Wohnort. Man war auf einmal wer und entdeckte die Weisheit: „Mehr als Blankeneser kann ein Hamburger nicht werden!“

Ein echter Blankeneser? Erst ab der dritten Generation

Alteingesessene ließen Derartiges abprallen, denn schließlich sei man, so ließen sie wissen, erst mit dem Nachweis auf die dritte Generation ein echter Blankeneser. Freundliches, aber reserviertes Verhalten und ein interessierter aber distanzierter Auftritt in Wachsjacke oder dunkelblauem Twinset, samt Dauerwelle in lila changierend, bestimmten das Bild in der öffentlichen Zentrale Blankeneses – dem Wochenmarkt. „Wir waren gerade auf den Malediven und heute Abend sind wir bei Zadek“ spannte während des Wartens am Blumenstand nonchalant den Bogen zwischen welterfahren und kulturaffin.

Und weil das große Geld still zu sein hatte, fielen Fehler im Fuhrpark sofort negativ auf. Hatte doch tatsächlich einer den Rolls Royce als Gefährt nicht nur in der Falkenstein-Garage stehen, er fuhr damit auch noch über die Elbchaussee! Schwarze Limousinen deutscher Herkunft oder ein ähnliches Modell aus britischer Produktion gingen dagegen in Ordnung, zumal die angelsächsische Neigung hier – weltweit gesehen – Höchstwerte erreichte.

Es wird hektischer, egoistischer und unfreundlicher

Aber keinesfalls durften es die „falschen“ Automarken sein. Blankeneser Bemerkung in der Bahnhofstraße zu einem Fahrer mit gelbem Golf: „Das kannst du in Düsseldorf machen, aber doch nicht hier!“ Apropos: Parkplätze gab es damals noch. Und SUV war irgendwas mit Sowjetunion. Förmlichkeit und Distanziertheit wurden gepflegt, aber auch beschmunzelt. Eigentlich war das alles eine lieblich-friedliche Welt mit marginalen Merkwürdigkeiten seiner Einwohner.

Doch bekanntermaßen hat ja ein Jegliches seine Zeit. Und die hat sich deutlich verändert. Es wird enger, schneller, hektischer, egoistischer und unfreundlicher. Wie kürzlich im Supermarkt. Nicht der Ansatz eines Lächelns, nicht mal ein kleines „Danke“ – nur eine negative Ausstrahlung für die Verkäuferin wurde erübrigt. Dummerweise ist das für den Umgang mit Menschen in Dienstleistungsberufen inzwischen alltäglich.

Der Mensch unserer Tage sieht sich in einer vermeintlichen Machtposition und lässt diese gerne andere spüren. Mit Herablassung, an Beleidigung grenzender Arroganz und demonstrativem Überlegenheitsgebaren überspielt er seine Egozentrik, und jede Art von Höflichkeit fällt weg. Die Fronten in der zwischenmensch­lichen Beziehung verhärten schneller als man denkt. Das Ego spielt die Hauptrolle. Wohnraumverdichtung? Ja, aber nicht bei mir! Mobilfunkmast? Ja, unbedingt, aber nicht bei mir! Unterkunft für Geflüchtete? Hab ich nichts gegen, aber nicht bei mir! Pkw-Einschränkung? Richtig, aber nicht für mich! Kinder zu Fuß zur Schule? Ja natürlich, aber nicht meine Kinder!

Der Dauernörgler ist der Etablierte

Der Dauernörgler ist per se gesetzt und unvermeidlich, quasi eine Laune der Natur. Es ist der Etablierte, der etwas erreicht hat, aber für sein Gefühl noch nicht genug. Der Verteidiger eines Reviers, dessen Grenzziehung bei ihm eine Art Daueralarmstimmung verursacht, hat Hochkonjunktur. Während ehedem Erreichtes hinter hohen Ecken stille Eleganz ahnen ließ, strahlt heute Halogen hinter Kurzgeschorenem auf das zu pflegende Selbstbewusstsein. Neu sind auch hocharrogante Auftritte junger Frauen, bei denen der Begriff „Unverfrorenheit“ noch milde ist. Sie tragen eine Art dauernde Forderung in allen Lebenslagen vor sich her: beim Einparken, am Blumenstand, im Café.

Warum gehen wir uns immer wieder gegenseitig auf den Keks, wo doch eigentlich keiner dem anderen zu nahe rückt? Hier ist doch genug Platz. Sind die Begleiterscheinungen einer satten Gesellschaft, dass wir uns wegen Nichtigkeiten mit Klagen überhäufen, Streit suchen (und finden), über dessen Anlass andere nur staunen können. Warum spüren wir Missgunst und Rechthaberei gar nicht mehr, warum erwarten wir Verantwortung und Engagement stets nur von anderen?

Nur Mut zur lächelnden Entwaffnung!

Schon bei jüngeren Menschen findet sich die Erkenntnis, dass man an seiner eigenen Bedeutung schwer zu tragen hat. Das muss irgendwie mit Ellenbogen zu tun haben, denn die sind wohl nach wie vor – oder schon wieder? – das Merkmal einer um persönliche Vorteile bemühten Gesellschaft. Tja, das ist allerdings nicht nur eine Blankeneser Eigenschaft, das gilt für andere Gegenden an der Elbe – und auch an der Alster. Da eben, wo es den Leuten besser geht.

Jemand, der nicht fähig ist, mit anderen Menschen mitfühlend zu sein oder ihnen Sympathie entgegenzubringen, nennt die Fachwelt einen Soziopathen.

Nun müssen allerdings nicht gleich alle eine Macke haben. Das zerknitterte, miesepetrige, rechthabe­rische, arrogante Gegenüber besitzt doch irgendwo auch eine freundliche Variante. Nur Mut zur lächelnden Entwaffnung!