Othmarschen

Essen mit Kultstatus: Ein ganz spezieller Weihnachtsschmaus

Charly Carstens, Wirt vom Lütt Döns, veranstaltet seit mehr als 30 Jahren das traditionelle Eisbeinessen für die Uwe-Seeler-Stiftung.

Charly Carstens, Wirt vom Lütt Döns, veranstaltet seit mehr als 30 Jahren das traditionelle Eisbeinessen für die Uwe-Seeler-Stiftung.

Foto: Michael Rauhe

Im Lokal Lütt Döns wird wieder für den guten Zweck gefuttert. Zwei Fußballlegenden sind mit von der Partie.

Hamburg. Dies ist der einzige Dreier, der wirklich satt macht. Profis brauchen über Sinn und Verheißung dieser genau so formulierten Einladung nicht zu grübeln: Uwe Carstens, einer der rührigsten Gastronomen der Elbvororte, von der Stammkundschaft ausschließlich Charly genannt, bittet zum traditionsreichen Weihnachtsschmaus – zugunsten der Uwe-Seeler-Stiftung. Serviert werden Eisbein, Sauerkraut und Kartoffelpüree. Als Zugabe gibt’s Speckstippe. Und weil die Nummer mit dem Dreier eine doppelte Bedeutung hat: Zum gastgebenden Trio in der Gaststätte Lütt Döns vis-à-vis der S-Bahnstation Othmarschen gehören die Fußballlegenden Uwe Seeler und Max Lorenz.

Was aus einem kleinen Festessen im privaten Freundeskreis erwuchs, entwickelte sich binnen drei Jahrzehnten zu einer Institution. Für den 31. Durchgang der kalorienreichen, feuchtfröhlichen Zusammenkunft am letzten Freitag im November haben 120 Gäste zugesagt. Vor dem Lütt Döns, übersetzt ist damit eine kleine, kultivierte Stube gemeint, wird ein großes Zelt errichtet. Neben dem Hamburg-Bremer Freundespaar Seeler/ Lorenz zählen weitere Granden aus dem Sportlager zur illustren Gesellschaft, die als Männerrunde etabliert ist. Ohne bärenstarke Kondition kommt man nicht über die Runden.

„Dakota-Uwe“ ist ein Kapitel für sich

So war es schon zu Beginn der Zeremonie noch vor Deutschlands Wiedervereinigung. Neben dem HSV-Heroen Uwe Seeler und seinem Partner Max Lorenz, kampferprobtes Urgestein des SV Werder Bremen, war Charlys Vater Gründer einer Festivität, bei der mancher Interessent um eine Einladung quasi bettelt – und dennoch im Abseits stehen muss. „Erwünscht ist ausschließlich, wer sich harmonisch, hungrig und trinkfest in das große Ganze einfügt“, sagt Charly und grinst.

Neben der Lokalität ist Carstens Senior alias „Dakota-Uwe“ ein Kapitel für sich. Beginnen wir mit der Kneipe. Einstmals war die Bude nahe dem 1882 eröffneten Bahnhof Othmarschen als Teil der Altona-Blankeneser Eisenbahn ein Kiosk mit Schankbetrieb. Feilgeboten wurden Bonsche, Brause und Bier. Nach und nach versuchten verschiedene Kneipiers ihr gastronomisches Glück. Bis 1982, ein Jahrhundert nach Fertigstellung der Bahnstation, Uwe Carstens sen. den Zapfhahn übernahm.

Sein Netzwerk war famos: „Dakota-Uwe“, eine St.-Pauli-Größe, hatte auf dem Kiez als Kasinobesitzer Karriere gemacht. Er war Kompagnon des gefürchteten Rotlicht-Paten Wilfried „Frieda“ Schulz und Weggefährte des schillernden Zuhälters Reinhard „Ringo“ Klemm (Chicago-Bande). Carstens Spitzname bezog sich auf die „Dakota-Bar“. Dort hatte er einst als Angestellter gearbeitet. Er organisierte Bratwurstbuden im alten Volksparkstadion, war ein geselliger Mensch, übernahm sich indes wirtschaftlich. Neben dem Lütt Döns führte der Kaufmann nach seinem Rückzug aus dem Rotlicht einen Bahnhofs-Kiosk sowie einen großen Grillimbiss. Die Schulden raubten ihm Energie.

Uwe Carstens ist gelernter Koch

1989 nahm sich „Dakota-Uwe“ das Leben. „Es waren harte Zeiten“, stellt Uwe Carstens jun. rückblickend sachlich fest. Wir sitzen an der Theke der kaum mehr als 40 Qua­dratmeter umfassenden Gaststube mit winziger Kombüse. Charly Carstens, geboren 1971, betreibt die Bar mit vier Mitarbeitern. Nicole ist seit mehr als 15 Jahren an Bord. Mehrere Sorten Fassbier werden ausgeschenkt. Und es gibt Kleinigkeiten zu essen. Wer mehr möchte, muss vorher bestellen. Stammgäste schwören auf Königsberger Klopse, Rouladen Hausmacher Art und Roastbeef mit Bratkartoffeln. Namhafte Kundschaft wie Franz Beckenbauer und die Country-Band Truck Stop ließen sich das nicht zweimal sagen.

Erwünscht ist ausschließlich, wer sich harmonisch, hungrig und trinkfest in das große Ganze einfügt.

Charly Carstens, Gastronom

Kein Wunder: Uwe Carstens ist gelernter Koch mit Ausbildungsstationen Fischereihafen Restaurant sowie Landhaus Dill. Anschließend lockte die große weite Welt: Sterneküche in Süddeutschland oder auf einem Kreuzfahrtschiff. Der Liebe wegen blieb Charly im Heimathafen Hamburg. Die Deern heißt Karina. Beide sind seit mehr als 25 Jahren verheiratet, haben mit Niklas einen erwachsenen Sohn, leben in Ottensen. Als sein Vater aus dem Leben schied, hatte der Sohn keine andere Wahl: Er übernahm das Lütt Döns. Noch am Tage der bitteren Nachricht, die der Boulevardpresse Schlagzeilen bescherte, kam Fußballstar Max Lorenz mit Ehefrau aus Bremen nach Othmarschen, um Trost zu spenden. Uwe Seeler, Nationalteamkollege Willi Schulz und andere Weggefährten standen der Familie ebenfalls zur Seite. Selbstverständlich.

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Für die Freunde, viele von ihnen Alt-internationale des HSV und von Werder Bremen, war es keine Frage, die Tradition des vorweihnachtlichen Eisbein­essens fortzusetzen. Eine Frage der Ehre. Zwar hat sich die Gästeschar vervielfacht, das Prinzip einer außerordentlichen Festivität jedoch blieb: solides Essen, von Sponsoren finanziert, reichlich Getränke, Livemusik, freigiebige Gäste. Das beträchtliche Spendenaufkommen kommt der Uwe-Seeler-Stiftung zugute. Komplett. Damals wie heute.

Im Laufe der Zeit änderte sich nicht nur die Reife der ehemaligen Fußball­helden und ihrer Freunde. Aktuell herrschen andere Sitten. So gehörte früher frivole Unterhaltung zu fortgeschrittener Stunde zu den Höhepunkten des Beisammenseins. Damals sprühte Charly Carstens künstlichen Schnee an die Scheiben seiner Butze. Heutzutage kann von außen jeder reingucken. Die in die Jahre gekommenen Jungs haben keine delikaten Geheimnisse zu verbergen.