Iserbrook

Im geheimnisvollen Turm wird heute gebüffelt

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Matthias Schmoock
Der ehemalige, um 1936 erbaute  Messturm wird heute von Garagen flankiert.

Der ehemalige, um 1936 erbaute Messturm wird heute von Garagen flankiert.

Foto: Roland Magunia / HA

In der Reihe Türöffner zeigen Hauke Bunks und Ulla Matthes in der heutigen Reichspräsident-Ebert-Kaserne einen Bau aus der NS-Zeit.

Hamburg.  Auf vorbeikommende Autofahrer und Passanten an der Osdorfer Landstraße muss das Gelände der Reichspräsident-Ebert-Kaserne ziemlich unspektakulär wirken. Wachhäuschen, Schranke und ein paar Rotklinkergebäude sind zu sehen – ein klassischer Bundeswehrbau, wie es sie hundertfach gibt, so scheint es. Doch hinter dem unüberwindlichen Zaun erstreckt sich ein geradezu riesiges Areal mit vielen Ecken, die nur Insider kennen. Und die Kaserne selbst, Sitz des Landekommandos Hamburg, hat nicht nur eine faszinierende Gegenwart zu bieten, sondern eine ebensolche Vergangenheit.

Wer die Schranke passiert hat und das Gelände erforschen möchte, ist ohne Auto fast aufgeschmissen. Das abwechslungsreiche Geflecht aus Straßen und Häusern wirkt wie ein eigener Ministadtteil. Die Fahrt geht vorbei an großzügigen Grünflächen und Betriebs­gebäuden unterschiedlicher Größe. Am östlichen Rand der Kaserne steht ein ungewöhnliches Bauwerk, das alle anderen überragt: Es ist ein vierstöckiger Turm aus rotem Backstein, der von außen wie ein dicker Kirchturm ohne Spitze aussieht. Sprossenfenster, eine Uhr und auf der Rückseite ein schmaler Balkon – das wirkt nicht wie ein Bau auf militärischem Gelände.

Bau wirkt heute wie ein Kirchturm ohne Spitze

Fregattenkapitän Hauke Bunks und seine Kollegin Ulla Mathes übernehmen die Führung durch den Turm, der normalerweise nur von Lehrgangsteilnehmern der Bundeswehrfachschule und den vor Ort Beschäftigten betreten werden darf. Zu Beginn gibt es eine kurze Einführung in die frühe Geschichte der Anlage, die schon seit mehr als 70 Jahren ihren Platz in Iserbrook hat: Die Planungen für den Bau der Kaserne reichen zurück in die frühen Jahre der NS-Zeit, dahinter standen wirtschaftliche Interessen der Stadt Altona. Der Magistrat trat 1935 in Verhandlungen mit dem Luftkreiskommando VI in Braunschweig.

Ziel war es, zwei neue Kasernen auf Altonaer Gebiet zu errichten. Schon Ende des Jahres kam es zur Einigung: Eine Abteilung des Flakregiments 6 würde in Altona einziehen, wenn die Stadt entsprechende Gebäude bieten könne. 1936 begann der Bau, ein Jahr später war die Anlage bereits bezugsfertig. Benannt nach dem Standort, trug sie zunächst den schlichten Namen Iserbrook-Kaserne. Die benachbarte Osdorfer Kaserne, die zur gleichen Zeit fertiggestellt wurde, heißt heute Generalleutnant-Graf-von-Baudissin-Kaserne. Auch der Turm wurde zwischen 1936 und 1937 erbaut. Als genau vermessener Basispunkt diente er vor dem Zweiten Weltkrieg als Standort für Entfernungsmessungen.

Das ist lange her. Hauke Bunks drückt die schwere Tür auf und führt die Besucher durch das helle Treppenhaus mit den breiten Stufen, das etwas unterkühlt wirkt. Schritte hallen, kein Mensch weit und breit. Der Turm dient seit dem Einzug der Bundeswehrfachschule als Unterrichtsgebäude und vermittelt seit der aufwendigen Renovierung den Eindruck eines klassischen Verwaltungsbaus. Es gibt vier Unterrichtsräume für den Ausbildungslehrgang Fachhochschulreife Technik, alles modern und hell. Highlight ist der Seminarraum ganz oben: rund 80 Quadratmeter groß, verfügt er über zehn Sprossenfenster und einen schmalen Balkon.

Helmut Schmidt hielt die Festrede

Von dort hat man in alle Himmelsrichtungen einen gigantischen Blick über den Hamburger Westen. Völlig unverstellt präsentieren sich Gärten und Häuser, alles erscheint wie ein einziger Kurpark. Das Martialische, das der Turm einst ausstrahlte, ist außen und innen fast verschwunden. Wer hier heute für eine Prüfung büffelt, ist eigentlich fast zu beneiden. Übrigens: Die Iserbrook-Kaserne wurde 1965 in Reichspräsident-Ebert-Kaserne umbenannt. Die Festrede hielt kein Geringerer als Helmut Schmidt, der dort 1958 als Oberleutnant der Reserve seine erste Wehrübung abgeleistet hatte.

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