Sülldorf

Der Segelmacher mit dem Clownsgesicht

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Jens Meyer-Odewald
Segelmacher Frank Schönfeldt an einer Nähmaschine in seiner Werkstatt an der Sülldorfer Landstraße

Segelmacher Frank Schönfeldt an einer Nähmaschine in seiner Werkstatt an der Sülldorfer Landstraße

Foto: Michael Rauhe / HA

Frank Schönfeldt hat die bunten Komiker zu seinem Markenzeichen gemacht. Porträt eines Blankeneser Originals.

Hamburg.  Dass ein Chirurg mit Nadel und Faden umzugehen versteht, liegt auf der Hand. Ungewöhnlicher ist es, wenn er ähnliche Fähigkeiten beim Zuschnitt eines großen Segels in einem Hamburger Fachgeschäft zum Einsatz bringt. Und wenn es sich dann noch um den Präsidenten des chilenischen Yachtclubs CYV von 1912 aus Valdivia handelt, ist die Überraschung komplett.

„Hier ist alles möglich“, ruft Frank Schönfeldt, klopft dem deutschstämmigen Chilenen Carlos Schultz auf die Schulter und bespricht mit seinem Segelmachermeister Julius Raithel kurz die folgenden Arbeitsschritte. Dann weist Schönfeldt den Weg in sein Kontor hinter der Werkstatt. Durch das Fenster fällt der Blick auf zwei große Segelboote, die auf dem Parkplatz hinter dem Geschäft an der Sülldorfer Landstraße 187 stehen. Die Regale sind voll mit Segeltuch, gut und gerne 150 verschiedene Farben, mit Garnen, Seilen, Verschlüssen und so weiter. Dazwischen surren schwere Spezialnähmaschinen und ein gewaltiger Plotter. Die Handgriffe sitzen.

Name des Ladens ist Programm

Schönfeldt stellt zwei Pötte Kaffee auf den Tisch, holt drei Sekunden Luft, legt dann los. Das Ergebnis, um es vorwegzunehmen: Der Name des Ladens ist Programm: Clown Sails. 1982 gründete der gebürtige Blankeneser diese Firma mit dem passenden Logo, dessen Farbe alljährlich wechselt. Im weltmeisterlichen Jahr 2014 waren Schwarz, Rot und Gold angesagt, aktuell ist es Blau. Der Sohn eines Lotsen machte seine Leidenschaft zum Beruf.

Bis heute hat es der Paradiesvogel mit der maritimen Ader und dem gewinnenden Wesen auf 26 Deutsche und vier Europameisterschaften gebracht. Dass der vierfache Familienvater mit seiner Band „Matrose Schönfeldt und die Schwimmwesten“ diverse CDs, Hörbücher und Drucksachen auf den Markt brachte, passt ins Bild. Das Studio ist ein umgebauter Schweinestall in Iserbrook. Seine Lieder, sagt er, wurden bisher in 27 Ländern aus dem Internet geladen. Muss man alles erst mal schaffen.

Humor und Wortwitz

„Das Leben ist spannend“, sagt der 60 Jahre alte Wirbelwind zwischen zwei Schluck Kaffee und drei Telefonaten. „Darfst nicht sauer sein, mien Jung“, sagt er. „Issen büschen Chaos heute.“ Dieses bescheren ihm vier Segelkumpels, die ihn an der Autobahnraststätte Allertal erwarten. Eigentlich in einer Viertelstunde. Das ist das Problem. Schwierigkeit Nummer zwei: Schönfeldt hat das Boot auf seinem Hänger. Keine Frage: Es gibt ruhigere Termine, aber originelle und fröhlichere kaum.

Mit Humor, Wortwitz und einem Ansatz diplomatischen Geschicks schafft es Schönfeldt irgendwie, die Sportsfreunde zu vertrösten und zum Warten zu bewegen: „Trinkt doch erst mal ’nen schoinen Tee.“ Die Regatta in Süddeutschland fährt schon nicht ohne das Quartett aus Hamburg ab. „Mannomann“, japst der erfahrene Skipper, lädt Kaffee nach – und setzt sich wieder hin. Für maximal fünf Sekunden. Dann springt er erneut auf und bittet zur Rundtour durch sein Geschäft.

Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde

Gut und gerne 1000 Segel werden im ehemaligen Edeka-Supermarkt auf 400 Quadratmetern pro Jahr von Hand hergestellt. Und wer danach verlangt, erhält auch Balkonverkleidungen, Sonnensegel, Sitzsäcke, Fenstervorhänge oder einen Sichtschutz. Dass mit dem Duschvorhang neulich war eine Ausnahme. Und da auch im Segelsport gespart wird, wird der Umsatz durch eine eigene „Clown Sails“-Kollektion mit Sporttaschen, Rucksäcken oder Schulranzen angekurbelt. Alles handgefertigt im Westen der Hansestadt. Nicht nur in den Elbvororten hat das Geschäft mit dem ulkigen Clownsgesicht und dem urigen Chef einen erstklassigen Klang.

Stimmt es eigentlich, Frank, dass in deinem Kontor eine Miniatureisenbahn praktisch als Rohrpost fungiert? Schönfeldt, bei dem man mit dem Sie nicht weiterkommt, eilt einen Raum weiter, zeigt auf Schienen im Flur und im Büro. Stimmt also. Ebenso wie der Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde 2005. Gemeinsam mit einem Seelenverwandten aus Berlin stellte er 528 kleine Waggons plus Lokomotiven auf 152 Meter Schienen. Rund 2000 Zuschauer im Elbe-Einkaufszentrum staunten Bauklötze. Zwar waren die Gebrüder Braun des Miniatur Wunderlandes später besser, doch Rekord bleibt Rekord.

Geschäfte liefen immer besser

Dass es überhaupt so weit kam, ermöglichte ein spontaner Entschluss: Im Anschluss an die Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann absolvierte Frank Schönfeldt eine weitere Lehre – beim Segelmacher Detlef Schlott in Altona. Die Begeisterung für dieses urhamburgische Handwerk war entfacht. Der junge Mann machte sich selbstständig. „Ich hatte viel Lust und jede Menge Zeit, aber kein Geld“, erinnert er sich. Segeltuch für 3000 D-Mark wurden auf Rechnung gekauft und verarbeitet.

In einem 40-Fuß-Container nahe den Deichtorhallen, für 1000 D-Mark Bundeswehr-Abfindung organisiert, legte Schönfeldt mit einer Nähmaschine los. Die Geschäfte liefen immer besser. Über Eimsbüttel, Altona und Osdorf führte der geschäftliche Weg 2008 schließlich in die heutige Werkstatt nach Sülldorf. Lohn der Mühen sind gefüllte Auftragsbücher: Seine zehn Mitarbeiter, darunter Ehefrau Sandra, haben gut zu tun. Der Verkauf der Taschen findet nicht nur im Laden, sondern auch im Internet statt.

Regelmäßige Regatten

Folglich kann sich der Chef regelmäßige Regatten leisten. Fast jedes Wochenende ist er auf Tour. Freunde hat er weltweit, so wie den Chilenen Carlos Schultz, den hauptberuflichen Chirurgen und Yachtclub-Präsidenten. Letzter großer Erfolg war die Europameisterschaft in der Kielboot-Klasse J 24 vor zwei Jahren. 1976 trat Schönfeldt dem Mühlenberger Segelclub bei. Als Schüler hatte er zuvor bei Komet Blankenese Fußball gespielt. Und wenn es die Zeit erlaubt, fährt er mit seinem Rennrad elbaufwärts, gerne auch mal 100 Kilometer. Doch das erzählt Frank Schönfeldt laufenden Schrittes: An der Raststätte Allertal warten die Kumpels. Der Tee könnte kalt werden.

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