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Strandperle – die schönste Sandkiste der Stadt

| Lesedauer: 8 Minuten
Matthias Schmoock
Am schönsten ist
es an der Strandperle
natürlich:
im Sommer.
Doch auch in den
Wintermonaten
lassen sich die
Gäste nicht
abschrecken

Am schönsten ist es an der Strandperle natürlich: im Sommer. Doch auch in den Wintermonaten lassen sich die Gäste nicht abschrecken

Foto: Klaus Bodig / HA

Serie „Hamburgs Klassiker – neu entdeckt“. Heute: Der Kiosk an der Elbe ist in Hamburg mehr denn je ein In-Treff.

Hamburg. Müde Miniwellen platschen auf den Strand, feiner Schaum legt sich über glitzernde Kiesel. Ein paar Meter weiter nördlich buddeln acht Mädchen in Schneeanzügen im Sand, ungefähr die Hälfte heißt Lili oder Emma. Der vertraute Sommergeruch von Kaffee und Würstchen hängt in der Luft, aber fünf zusammengerollte, mit Raureif überzogene Sonnenschirme machen deutlich: Es dauert noch eine Weile, bis man sich hier wieder wärmen lassen kann. Wenigstens regnet es nicht. Rund um die Strandperle herrscht das ganze Jahr über eine merkwürdige Frühlingsferienstimmung. Leichtes, unkompliziertes Abhängen, mehr Sand, Wasser und Himmel geht kaum. Ein Weizen in der Hand, der Blick übers Wasser, Warten auf die Pommes – das geht hier eben auch bei fünf Grad plus.

Eigentlich ist diese Perle, permanenter Fixpunkt so ziemlich aller Elbspaziergänger, zweigeteilt. Vom Strand aus führen 30 Stufen hinauf zu Hamburgs­ bekanntester Fahrradschiebestrecke. Linker Hand liegt der Gastrobetrieb mit Terrasse, Küche und Lagerräumen. Wegen der Kälte sind die Tische zurzeit rundum mit durchsichtigen Planen geschützt, die von der ausgerollten Riesenmarkise baumeln, Heizstrahler bescheinen die Gäste, die sich parallel mit Grog, Kakao und Schnäpsen von innen befeuern. Das Ganze sieht aus wie ein gigantisches Vorzelt auf einem Campingplatz, es ist aber 100-mal gemütlicher.

Hamburgs berühmteste Würstchenbude

Rechts von der Treppe steht das Häuschen, das gelegentlich als Hamburgs berühmteste Würstchenbude bezeichnet wird und sozusagen die Urzelle des Ensembles Strandperle bildet. Als in die Jahre gekommener hölzerner Kiosk steht das Häuschen da und verströmt seinen ewig vertrauten Geruch nach ausgetrocknetem Holz, in das sich ungezählte Schichten Farbe hineingearbeitet haben.

Tausende Matjesbrötchen und Wiener mit Kartoffelsalat wurden schon über den Tresen geschoben, Berge benutzter Teller und leerer Gläser unter dem Schild „Ausgabe“ abgestellt. Im Sommer reicht die Warteschlange bis auf den Strand, aber jetzt ist das Büdchen geschlossen, die Gastronomie gegenüber vom Durchgang auch nur an den Wochenenden geöffnet. Unverdrossen wie seit ewigen Zeiten kündet weiße Schrift auf schwarzen Tafeln von Kasslerbrötchen und Laugenbrezeln – Warten auf den Frühling.

1905 eröffnet

Auftritt Christian Toetzke, Topmanager der sympathischen Sorte. Als Veranstalter von Sport-Events wie den Cyclassics und dem Hamburg Triathlon machte er sich einen Namen, baute die Sportmarketingfirma Upsolut auf. 2007 übernahm er gemeinsam mit seiner Ehefrau Julia die Perle von dem inzwischen verstorbenen Vorpächter Bernt Seyfert, später gesellten sich Jens und Pia Fintelmann als Co-Betreiber hinzu. Für einen Rundgang durch das Gesamtkunstwerk Strandperle findet sich das erfrischende Quartett komplett vor Ort ein, was angesichts diverser anderer Verpflichtungen und voller Termin­kalender nicht selbstverständlich ist.

Die zwei Paare, nicht nur Geschäftspartner, sondern auch dicke Freunde, mischen sich unter die Gäste, schnacken mit dem Personal, bleiben alles in allem unauffällig. Als Övelgönner von nebenan wissen sie, was Nachbarn und Besucher mitmachen – und wo der Spaß aufhört. Denn die Strandperle ist wie eine liebe alte Bekannte, die mancher schon seit 30 Jahren besucht. Alles soll möglichst so bleiben, wie es ist – das wünschen sich viele.

Keine nerv­tötenden Werbeflächen

Bloß keine Glas- und Stahlkonstruktion, keine nerv­tötenden Werbeflächen, keine überflüssigen Veranstaltungen vor Ort. Wie alle Unternehmer haben die vier die Rendite im Blick, sind aber nicht sklavisch von ihr abhängig. Zum Glück. „Wir wollen hier keine Sansibar-Vermarktung“, sagt Christian Toetzke. Der Marketingprofi weiß: „Merchandising würde unserem Laden etwas Beliebiges geben, das Flair wäre irgendwann in Gefahr.“

„Wir hecheln keinem Trend hinterher“, ergänzt Pia Fintelmann. „Die Strandperle ist kein Beachclub und soll auch keiner werden. Sie ist auch nicht die Urmutter aller Beachclubs, wie manchmal geschrieben wird.“ Die Botschaft ist klar: Die Perle war schon immer etwas Besonderes und soll es auch bleiben.

Die Chefs arbeiten hart daran, dass die Synthese aus Trend und Tradition gelingt, dass nötige Modernisierungen das alte Flair nicht ruinieren. Liebenswert schrottig, das wird schnell klar, sieht hier alles eben nur von außen aus – die Illusion einer ungeschliffenen Perle sozusagen. Das Zimmer über dem alten Kiosk, früher eine primitive Behelfsküche, ist als „Oberdeck“ längst ein schicker Veranstaltungsraum, der rund ums Jahr gebucht werden kann. Auch die unauffällige, scheinbar so piefige Küche nebenan ist viel größer, als sie von außen wirkt. Um zusätzlichen Platz zu schaffen, unter anderem für einen großen Lagerraum und Mitarbeiterspinde, ließen Toetzke und C. die Fläche um das Doppelte erweitern – tief in den Geesthang unterhalb des Wanderwegs hinein.

Die Mitarbeiter, eine Mischung aus Festangestellten und Saisonkräften, arbeiten gewohnt schnell, cool und effizient. In Windeseile bereitet Mehdi Gagari Matjesbrötchen und schiebt sie über den Stahltresen in Richtung Ausgabe. Vor zweieinhalb Jahren hatte Julia Toetzke den Aserbaidschaner bei der ehrenamtlichen Arbeit in einer Flüchtlingsunterkunft kennengelernt und gefördert. Aktuell suchen die Betreiber dringend einen Koch, der sich vor Ort selbst verwirklichen kann, wie Jens Fintelmann sagt. Bewerbungen werden jederzeit angenommen.

Viele Besucher essen am Wochenende zu Hause, um sich dann zu einem langen Nachmittag bei Kaffee und Waffeln mit Kirschen in der Perle einzufinden – dann wird es schnell rappelvoll. Servicekraft Luca zählt die aktuellen Hits auf: Lumumba, Kakao, heiße Eintöpfe­. Den Gästemix empfindet sie als „ziemlich bunt“, alle Altersklassen seien vertreten, darunter viele Touristen. Wie zur Bestätigung erklärt nebenan ein Mann seinen Besuchern laut und weitschweifig, dass gegenüber im Parkhafen die dicken Pötte wenden. Einige Tischnachbarn verdrehen amüsiert die Augen – „das weiß doch jeder“, flüstert einer.

Hafenarbeitern zugucken

Das große Kapital der Strandperle ist ihre fantastische Lage, die ihr erst kürzlich ein paar Zeilen in der „New York Times“ beschert hat. Sie ist quasi eine natürliche Event-Location, die permanentes Public Viewing bietet. Obwohl die klassische Waterkant mit Barkassen und Fähren ziemlich weit entfernt vor sich hin wuselt, erlebt man den Hafen hier doch noch eine Spur unmittelbarer. Das liegt zum einen daran, dass die fehlende Uferbefestigung die Elbe mit ihren dicken Pötten noch mehr zum Naherlebnis macht als andernorts. Zum anderen wird genau gegenüber auf dem Containerterminal Burchardkai eigentlich permanent gearbeitet. Ungeniert zugucken und ein Bier schlürfen, wenn andere malochen – das geht so nur an diesem Ort.

1,2 Kilometer ist der Övelgönner Strand lang – die Auswahl an Sitzplätzen für die Perlen-Pilger damit riesig. Angeblich gilt es als besonders schick, vor Ort einen Terrassenplatz zu ergattern – andere sehen das gar nicht so. „Auf Holzstühlen können wir ja nun überall in Hamburg herumsitzen“, sagt Svenja aus Halstenbek, die mit ihrer Freundin Katrin dick eingemummelt draußen auf den Holzplanken sitzt, „aber das hier ist einmalig.“

Sie ist und bleibt ein Klassiker

In einer Reisebeschreibung von 1882 heißt es über die Elbe: „Thürme und Schiffsmasten starren empor, überall flattern Segel und Wimpel, überall Lustgärten, überall Leben zu Wasser und zu Lande.“ Wenn man so will, ist die Strandperle ein sandiger Lustgarten unserer Tage. Sie vermischt das eher raue hanseatische Elbflair mit mediterranem Strandfeeling, kombiniert Arbeit und Freizeit, Handfestes und Trendiges. Sie ist und bleibt ein Klassiker, der sich ständig neu erfinden muss. Und der sich trotzdem immer treu bleibt.

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