Blankenese

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Katy Krause

Erste Bewohner sind ins neue EmmausHospiz in Blankenese eingezogen. Der erste Besuch vor Ort entpuppt sich als erfrischend fröhlich

Blankenese. „Don’t be bitter baby“ heißt es auf einer bunten Handcreme, die auf dem Schreibtisch steht. Ihre Eigentümerin Bettina Orlando summt vergnügt zur Musik, die aus dem Radio trällert. Sie muss noch schnell etwas in den Computer eintippen. Es gibt kurz nach dem Start des neuen Emmaus Hospizes in Blankenese viel zu tun. Besonders die Einsatzpläne bereiten der stellvertretenden Pflegeleiterin Orlando Kopfzerbrechen. Aber Bitternis? Davon kann an diesem Tag keine Rede sein. Es wird gelacht und gescherzt. Die Atmosphäre in dem lichtdurchfluteten Neubau ist erfrischend, die Stimmung überraschend gut, – obwohl oder vielleicht gerade weil Menschen hier zum Sterben herkommen.

„Manchmal gibt es keine Hoffnung mehr auf Heilung, aber die Hoffnung auf ein gutes Leben bis zum Schluss“, sagt Andreas Hiller. Der 35-Jährige hat die Pflegeleitung für das christliche Sterbehaus übernommen, das bis zu zehn „Gästen“ Platz bietet. Hiller hat wie seine Stellvertreterin eine genaue Vorstellung davon, wie er die Menschen bis zu ihrem Tod pflegen und begleiten will. Beiden geht es darum, den Sterbenskranken eine möglichst individuelle und mitfühlende Pflege angedeihen zu lassen. So bekommt jeder Gast einen von den Mitarbeitern selbst gefilzten Engel geschenkt, als Wegbegleiter und Schutzpatron. Auch wenn die Einrichtung christlich geprägt ist und Hiller sowie Orlando ein Kreuz um den Hals tragen, steht das Sterbehaus jedem offen.

Das Interesse und der Bedarf sind groß. „Es gibt zu wenig Hospizplätze in Hamburg und überall Wartelisten“, erklärt Hiller. Auch für das Blankeneser Emmaus Hospiz stehen bereits Wartende auf einer Liste, denen die Zeit davonrennt. Umso schwerer fiel es den Chefs, nicht sofort alle Betten zu vergeben. Doch das Pflegeteam muss sich einarbeiten und ist auch noch nicht vollständig.

Erst vor einigen Wochen öffnete das Haus und doch sind dort bereits Menschen verstorben. In einem Fall starb ein Gast bereits nach 15 Minuten. Das soll natürlich nicht der Regelfall sein. Aber Hiller und seine Kollegen stellen zunehmend fest, dass die Aufenthaltsdauer in einem Hospiz abnimmt. Im Durchschnitt liegt sie bei 28 Tagen, im Regelfall laut Hiller eher bei drei Tagen. Dafür gibt es mehrere gute und weniger gute Gründe.

Es hat zum Beispiel damit zu tun, wie die Gesellschaft mit dem Thema Tod umgeht. Viele der Patienten würden ihre Krankheit verdrängen, sich gar nicht mit den Möglichkeiten befassen und erst kommen, wenn es überhaupt nicht mehr anders ginge, berichten Hiller und Orlando. Gleichzeitig sei die ambulante Behandlung aber besser geworden, sodass viele auch länger zu Hause bleiben könnten.

Wenn es dann nicht mehr geht, gibt es allerdings keinen direkten Weg ins Hospiz. Es bedarf eines ärztlichen „Attests“, einer Einweisung. Die Einrichtung nimmt den Sterbenden zudem erst nach einer Zusage durch die Krankenkasse auf. Die Bearbeitung dauert meistens weitere drei Tage. „Für Krankenkassen ist das schon schnell“, betont Hiller. „Aber für manchen Fall nicht schnell genug.“ Theoretisch kann sich der Betroffene das Hospiz auch aussuchen. In der Praxis sieht das aufgrund der wenigen Plätze in Hamburg aber anders aus, so Orlando und Hiller.

Trotz der teilweise schwierigen Umstände versuchen sie, es den Bewohnern und Angehörigen während der letzten Stunden so angenehm wie möglich zu machen. Als beispielsweise zuletzt ein Hamburger Seebär im Hospiz verstarb, überlegte sich das Pflegeteam für ihn eine besondere letzte Waschung. Zusammen mit der Ehefrau des Verstorbenen wurde Elbwasser geholt und der Kapitän so auf seine letzte große Reise vorbereitet. Auch für Sabine Kohl-Vlavenou ging ein Wunsch in Erfüllung. Die 62-Jährige ist der erste Gast des Hospizes. Trotz ihrer Erkrankung wollte sie den 90. Geburtstag ihrer Mutter nicht verpassen, die selbst nicht mehr gut zu Fuß ist. Zusammen mit dem Wunschmobil wurde der Besuch organisiert.

Die Geschichte des heutigen Hospizhauses mitten in Blankenese nahm vor elf Jahren seinen Anfang. Damals gründeten zwölf Helfer, darunter Theologen, Ärzte und Pflegekräfte, Juristen und Finanzexperten zusammen mit Initiatorin Clarita Loeck den Blankeneser Hospiz Verein. Daraus ging später die Stiftung Emmaus Hospiz hervor. Mithilfe vieler Unterstützer und Spender gelang es, einen Platz auf einem zur Verfügung gestellten Grundstück an der Godeffroystraße 29 direkt hinter der Blankeneser Kirche zu finden.

Für das etwa 4,5 Millionen Euro teure Bauwerk konnten bislang mehr als drei Millionen Euro gesammelt werden. Die Pflegediakonie Hamburg-West/Südholstein hat den Betrieb des Zehn-Betten-Hauses übernommen. Zwölf Vollzeitstellen wurden geschaffen. Den Pflegern stehen zudem zahlreiche Ehren- amtliche zur Seite, die vom Hospizverein angeworben, ausgebildet und zur Hilfe eingeteilt werden.

Weitere Infos unter www.blankeneser-
hospiz.de oder unter 040/78 06 92 00. Wer sich als Helfer einbringen möchte, erreicht den Hospizverein unter 040/86 49 29.

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