Osdorf

Wohnen wie zu Nazi-Zeiten – Mieter wehren sich

Familie Wienke in ihrem Garten am Haus Wüstenkamp 2 in Osdorf. Die Gärten
sollen wieder aussehen wie in den 1940er-Jahren

Familie Wienke in ihrem Garten am Haus Wüstenkamp 2 in Osdorf. Die Gärten sollen wieder aussehen wie in den 1940er-Jahren

Foto: Klaus Bodig / HA

Bewohner im Arnimviertel in Osdorf gehen jetzt mit Anwalt gegen Gartenverordnung der Saga vor. Denkmalschutzamt kompromissbereit.

Hamburg.  Nathalie Wienke hätte sich nie träumen lassen, dass es so weit kommt. Sie beschäftigt Anwälte und schreibt derzeit Brandbriefe an Politiker. Einige ihrer Nachbarn haben sich ebenfalls juristische Hilfe geholt. Als Familie Wienke zuletzt in den Urlaub fuhr, musste sie Warnhinweise an ihrem Gartenzaun anbringen – das hatte ihr der Mieterverein Hamburg geraten. Auf den Schildern waren Kopien einer einstweiligen Verfügung angebracht, die die Familie beim Amtsgericht Blankenese erwirkt hat. Im Osdorfer Arnimviertel tobt ein Kampf ums Grün.

„Wir gehen keinen Schritt zurück. Notfalls muss das vor Gericht geklärt werden“, sagt Wienke. Die fünffache Mutter kämpft um ihr kleines Gartenparadies. Aber noch mehr wehrt sie sich gegen die Vorstellung, so leben zu müssen, wie es sich Architekt und NSDAP-Mitglied Rudo­lf Klophaus vor mehr als 76 Jahren für die Bewohner der Luftgau-Siedlung überlegt hat. Doch das droht den Bewohnern. Denn wie berichtet bemüht die Saga GWG sich darum, wieder alte Zustände herzustellen.

Nicht heimische Pflanzen sind jetzt unerwünscht

Anlass für den Ärger: Aufgrund einer Modernisierung und der Schaffung von 68 neuen Wohnungen wurde das Denkmalschutzamt aktiv. „Die Denkmalschutzauflagen beziehen sich nicht nur auf die Gebäude“, so Saga-Pressesprecher Gunnar Gläser. Der ursprüngliche Charakter der Siedlung müsse auch in den Außenanlagen wieder herausgearbeitet werden. Das heißt praktisch: eine neue Gartenverordnung. Und die hat es in sich.

Es gibt Zeichnungen, an welchen „ausgewiesenen“ Standorten gepflanzt werden darf. Nicht heimische Pflanzen sind unerwünscht. Zudem sollen Spielgeräte, Gartenhäuser und Palisaden weg. Die Heckenhöhe hat eine „einheitliche Schnitthöhe“ von 1,40 Meter nicht zu überschreiten. Den Mietern wurde eine Frist gesetzt. Die Saga drohte, selbst in den Gärten für Ordnung zu sorgen.

Nach der Berichterstattung im Abendblatt wurden versöhnlichere Töne angeschlagen. Sowohl die Wohnungsgenossenschaft als auch das Hamburger Denkmalschutzamt signalisierten Gesprächsbereitschaft. Zu einem Gespräch ist es bislang nicht gekommen. Zwar erhielten die Wienkes Post von der Saga, aber nur ihnen wurde ein Gespräch angeboten. Das lehnt die Familie ab. „Nur weil wir den Mut hatten, uns zu wehren, bekommen wir jetzt ein Einzelgespräch?“, kritisiert Nathalie Wienke. Sie wünscht sich eine transparente Kommunikation und eine Lösung für alle Mieter. „Wir möchten die alte Gartenordnung zurück“, fordert sie.

„Traditioneller Baustil der 20er-Jahre"

Pflanzvorschriften? Vorgeschriebene Heckenhöhen? Verbotene Spielgeräte? Davon hört Juan Romero zum ersten Mal. Dabei wohnt er ebenfalls in einem Saga-Wohnhaus, das zur denkmalgeschützten Luftgau-Siedlung gehört. Er ist so etwas wie der Sprecher der dortigen Nachbargemeinschaft. Allerdings liegt sein Zuhause fast einen Kilometer entfernt vom Arnimviertel. Das macht anscheinend einen Unterschied. Denn ansonsten ist nicht viel anders.

Die Gebäude entlang der Tietze-straße bis zum Bockhorst wurden wie die Häuser im Arnimviertel ab 1939 als Wohnraum für Luftwaffenoffiziere errichtet. Verantwortlicher Architekt: Klophaus. Auch das Denkmalschutzamt bewertet die Gebäude als Einheit. „Die Luftgau-Siedlung steht architektonisch für den traditionellen Baustil der 20er-Jahre und hat als reine Offizierssiedlung in dieser Bauweise Seltenheitswert,“ erklärt Hamburgs Denkmalamtschef Andreas Kellner. „Die Gebäude wurden deshalb am selben Tag wie das Ensemble Arnimstraße – nämlich bereits am 3. November 1998 – in die Denkmalliste eingetragen.“

„Wenn Sie sich einmal bei uns umsehen, dann werden Sie gleich merken, dass bei uns offensichtlich andere Maßstäbe gegolten haben als jetzt in der Arnimstraße“, stellt aber Romero fest.

Denkmalamtschef zeigt Verständnis

Und genauso ist es auch – wie Kellner bestätigt. Grund: „Die Abstimmung der Sanierungsmaßnahmen fand im Laufe des Jahres 1998 vor beziehungsweise parallel zum Eintragungsverfahren statt“, so der Denkmalamtschef. Obwohl die Saga im Bereich der Tietzestraße so viel früher dran war, dauerte es noch einmal sieben Jahre, bis es mit der Modernisierung wirklich losging. Erst jetzt sind die Gebäude an der Arnim-straße dran. Andere Zeiten, andere Sitten? Klar ist, dass die Bewohner an der Tietzestraße Gartenfreiheiten genießen, um die die Anwohner im Arnimviertel nun mit allen Mitteln kämpfen müssen.

Familie Wienke lebt seit 14 Jahren in ihrer Erdgeschosswohnung. Sie hat ihr kleines Gartenparadies gehegt und gepflegt. Dass nun plötzlich die Hecke getrimmt, die Spielgeräte der Kinder weg müssen und der nicht heimische Bambus schon mal gar nichts mehr im Garten zu suchen hat, können sie nicht begreifen. Wollen sie auch nicht. Wienkes sammeln jetzt Unterschriften gegen die Gartendiktatur.

Die wollen sie dem Saga-Vorstand und Denkmalamtschef Kellner überreichen. Zumindest Letzterer zeigt Verständnis. Er betont, die Kompromissbereitschaft seiner Behörde in diesem Fall. „Größere Bäume, die von den Mietern gepflanzt wurden, wurden nicht angetastet“, verspricht er auf Abendblatt-Anfrage. Selbstverständlich seien auch der Beetgestaltung keine Grenzen gesetzt.