Elbvororte

Siegfried Lenz’ Wohnhaus in Othmarschen verfällt

Das Haus des verstorbenen Schriftstellers Siegfried Lenz in Othmarschen

Das Haus des verstorbenen Schriftstellers Siegfried Lenz in Othmarschen

Foto: Roland Magunia

2014 starb Lenz. Nachbarn und Fans sind nun in Sorge wegen seiner Villa. Noch ist völlig unklar, was aus dem Gebäude werden soll.

Othmarschen.  Auch anderthalb Jahre nach seinem Tod ist der Schriftsteller Siegfried Lenz unvergessen. Sein posthum erschienenes Buch „Der Überläufer“ behauptet sich seit Wochen erfolgreich in den Bestseller­listen, und täglich erhalten die Mitarbeiter der Siegfried Lenz Stiftung Anfragen zu seinen Werken – oft aus den entlegensten Winkeln der Erde.

Doch Lenz’ Haus an der Preußerstraße in Othmarschen, in dem er viele seiner Bücher schrieb, bietet ein Bild des Verfalls. Die beige gestrichene kleine Villa steht schon lange leer, Lenz hatte sie zuletzt nur noch sporadisch bewohnt. Überall blättert die Farbe ab, der Garten ist verwildert, ein umgestürzter Obstbaum liegt auf dem Rasen.

In der kleinen Straße gibt es Gerüchte: Dass der Abriss beschlossene Sache sei, behaupten die einen, dass Lenz’ Stiefsohn hier einziehen will, wollen andere gehört haben.

„Wir hoffen sehr, dass das Haus nicht sang- und klanglos abgerissen wird und hier irgendwann ein Klotz steht“, sagt Christoph Beilfuß, der gegenüber der Lenz-Villa wohnt. „Davon haben wir in dieser Gegend wahrlich schon genug.“ Den Zustand des Hauses, das Siegfried Lenz mit seiner ersten Ehefrau Liselotte (Lilo) schon 1963 bezogen hatte, bezeichnet Beilfuß als „bedauerlich und auch unwürdig“.

Günter Berg, Vorstand der Siegfried Lenz Stiftung, mahnt zur Geduld. Für die Zukunft der Preußerstraße gebe es derzeit verschiedene Optionen, die jetzt durchgespielt würden. Berg, selbst langjähriger erfolgreicher Verleger, war persönlich von Lenz mit der Betreuung von Werk und Stiftung beauftragt worden. Er weiß: „Die Familie von Siegfried Lenz ist sich der Bedeutung des Ortes durchaus bewusst.“ Entsprechend solle jetzt auch nichts „übers Knie gebrochen“ werden.

Allerdings ist nicht zu übersehen, dass sich das Haus nicht nur äußerlich in einem schlechten Zustand befindet. Siegfried Lenz, der für seine unprätentiöse Lebensführung bekannt war, hatte in die unscheinbare kleine Villa über viele Jahre so gut wie nichts investiert. Das Haus, so viel ist deutlich erkennbar, hat auch keinen hohen architektonischen Wert. Dunkel und feucht sei es drinnen, berichtet ein Nachbar, die Ausstattung „unglaublich einfach“.

Nach der Heirat mit seiner zweiten Frau Ulla Reimer hatte Lenz im Sommer stets einige Wochen in deren Haus auf der dänischen Insel Fünen gelebt. In das Haus an der Preußerstraße, in dem die meisten seiner großen Romane entstanden sind, kam er jedoch zum Arbeiten gerne zurück. Auch dann noch, als das Ehepaar Lenz sich zusätzlich eine kleine Wohnung in einer Seniorenresidenz an der Elbe gemietet hatte.

Wunsch nach Museum oder Gedenkstätte

Eine Gedenkstätte oder ein Museum, wie von manchem favorisiert, wird es in dem Haus wohl nicht geben. Denn der literarische Nachlass des Schriftstellers ist in den letzten Monaten komplett an das Deutsche Literaturarchiv Marbach gegangen, darunter seine umfangreiche Korrespondenz, wichtige Teile seiner Bibliothek und die von seiner ersten Ehefrau Lilo geschriebenen Typoskripte seiner Werke. Die Mitarbeiter der Stiftung kümmern sich aktuell intensiv um eine Neu­edition des Gesamtwerks. Günter Berg: „Über die Zukunft des Hauses an der Preußerstraße entscheiden beizeiten und ohne jede Eile die Erben des Dichters.“

Siegfried Lenz hatte über viele Jahre ein eher ambivalentes Verhältnis zu seiner Wohnadresse, der er in seinem Werk „Meine Straße“ ein bleibendes Denkmal gesetzt hat. Gleich am Anfang heißt es dort: „Nein, in diese Gegend wollten wir nicht ziehen. (...). Uns wäre jede Gegend in Hamburg recht gewesen – ausgenommen der Stadtteil, in dem wir heute wohnen.“ Zwänge seien es gewesen, die er und seine Frau damals fürchteten, so der Erzähler – „Zwänge des Verhaltens, die man der hier wohnenden Gesellschaft nachsagt“. Mit feiner Ironie beschreibt Lenz die lange Eingewöhnungsphase vor Ort: „Sicher, wir sahen regelmäßig Persianermäntel vorbeigehen, beobachteten die morgendliche Abfahrt zigarrenrauchender Männer vorgerückten Alters, die von Chauffeuren weggekarrt wurden; (...) – doch wer unsere Nachbarn wirklich waren, das erfuhren wir lange nicht.“

Lenz fühlte sich in Othmarschen heimisch

Und den Weg durch die Waitzstraße und zurück nach Hause bezeichnete Lenz „ganz für mich, mein kleines Idiotendreieck“.

Der FDP-Politiker Lorenz Flemming, der jahrzehntelang Lenz-Nachbar an der Preußerstraße war, und dessen „sahnefarbener, prestigefördernder Senatorenbunker“ in der Geschichte ebenfalls verewigt wurde, ist sicher: „Man kann sagen, dass Siegfried Lenz dort lange Zeit innerlich nie wirklich angekommen ist.“ Wenig bekannt ist, dass es sich bei der in dem Text erwähnten „überaus reizenden dänischen Frau eines hervorragenden Müllverbrennungsspezialisten“ um Lenz’ zweite Ehefrau Ulla Reimer handelt, die er – nach langer Freundschaft – 2010 geheiratet hatte.

Erst nach vielen Jahren war das großbürgerliche Othmarschen dem Schriftsteller schließlich vertraut geworden. Lenz abschließend: „Viele Jahre wohnen wir jetzt hier, und in dieser Zeit haben wir uns aneinander gewöhnt, meine Straße und ich. Ja, es ist sogar mehr als Gewöhnung entstanden, das Gefühl nämlich, zu Hause zu sein.“