Blankenese

„Wir dürfen unseren guten Ruf nicht verspielen“

Das Kreuzfahrtschiff „Queen Mary 2“ vor Blankenese

Das Kreuzfahrtschiff „Queen Mary 2“ vor Blankenese

Foto: Klaus Bodig / HA

Brennende Autos, Baustopp für ein Flüchtlingsheim, aufgebrachte Bürger. Blankenese steht derzeit bundesweit am Pranger. Ein Ortsbesuch.

Die Vorfälle rund um die geplante Flüchtlingsunterkunft am Björnsonweg haben einen ganzen Stadtteil ins Gerede gebracht: „Blankeneser machen Front gegen Flüchtlinge“ schreiben sogar überregional erscheinende Zeitungen – oder auch: „Was ist bloß in Blankenese los?“ Nun brannten dort sogar Autos – Zustände, die man vor Ort nie für möglich gehalten hätte.

„In vielen Berichten erkenne ich unseren Stadtteil nicht wieder, da wird so viel aufgebauscht“, klagt Sabine Möller, Inhaberin der Bäckerei Körner und Blankeneserin in der vierten Generation. Und Rolf Krieger, der eine Galerie an der Bahnhofstraße betreibt und im Treppenviertel wohnt, sagt: „Die Blankeneser sind eigentlich sehr offen, und so wird es bleiben. Ärger macht hier höchstens eine Minderheit.“ Eine vorbeigehende Frau mischt sich ein und spricht aus, was hier zurzeit viele denken: „Wir dürfen unseren guten Ruf nicht ruinieren.“

Kommentar: Her mit den Vorurteilen!

In der vergangenen Woche war der Streit um die geplante Flüchtlingsunterkunft am Björnsonweg eskaliert. Anwohner parkten die Straße so zu, dass die mit den Vorarbeiten beauftragten Firmen wieder abrücken mussten. Unbekannte hatten zudem mit falschen Markierungen dafür gesorgt, dass nicht mehr erkennbar war, welche der rund 200 Bäume offiziell gefällt werden durften und welche nicht.

Was ist wirklich los in Blankenese?

Mit Interpretationen waren Außenstehende schnell bei der Hand: Da sorgt sich eine Gruppe wohlhabender Leute um den Wiederverkaufswert ihrer Häuser und wohl auch um ihre eigene Sicherheit. Um ihr vermeintliches Recht durchzusetzen, würden diese Menschen so vorgehen, wie sie es aus ihrem Alltag gewohnt seien: mit Druck. Typisch sei das für das wohlhabende Blankenese, wurde vielfach suggeriert. Eine Flüchtlingsunterkunft soll gebaut werden – und schon machen die Reichen Ärger. Doch stimmt das überhaupt? Ticken die Menschen hier wirklich anders als in der restlichen Stadt? Was ist wirklich los in Blankenese?

Der Stadtteil ist aufs Ganze gesehen wohlhabend, das kann niemand bestreiten. Das Durchschnittseinkommen liegt hier laut Statistik bei mehr als 100.000 Euro pro Jahr. Und während im Landesdurchschnitt mehr als zehn Prozent staatliche Leistungsem­pfänger sind, liegt die Zahl in Blankenese bei ungefähr 1,1 Prozent.

Trotzdem: Den Blankeneser gibt es nicht, die einzelnen Quartiere sind eher heterogen. Wer sich zum Beispiel in den kleinen Straßen östlich des Bahnhofs umsieht – egal, ob nun in der Witts Allee, der Hasenhöhe oder der Dockenhudener Straße findet neben schicken Villen jede Menge Häuser, die ihre Glanzzeit hinter sich zu haben scheinen. Hier gibt es noch Werkstätten und kleine Gewerbehöfe, an einigen Fenstern kleben Bekenntnisse gegen Atomkraft.

Im Treppenviertel ist jeder per Du

Auch im angeblich so schicken Treppenviertel stehen viele Häuschen, an denen man andernorts achtlos vorbeigehen würde: Sie sind klein, sehr einfach gebaut, haben keinen Garten – und häufig auch nicht den berühmten Elbblick. Diese Ecken repräsentieren das alteingesessene Blankenese, in dem man seinen Wohlstand nicht zur Schau stellt, sondern eher auf eine harmonische Nachbarschaft setzt. Hier geht es noch ohne elektrisches Gartentor und Flutlicht – in anderen Straßen schon lange nicht mehr. Blankenese-Kenner Eigel Wiese, der gerade ein Buch über den Stadtteil geschrieben hat, erklärt dieses Lebensgefühl mit einem Gleichnis: Wer einen Blankeneser besuchen will und den Weg nicht findet, muss Passanten nicht nach der Straße fragen, sondern einfach den Namen des Gesuchten nennen – „funktioniert immer“. Beim morgendlichen Kaffee sieht Wiese regelmäßig Kapitäne und Unternehmer – „Namen spielen keine Rolle“. Jeder ist per Du, niemand spricht übers Geld.

Solche Geschichten erzählen sie gerne in Blankenese – und zum Teil stimmen sie auch. Doch die Gentrifizierung hat vor dem Stadtteil nicht halt gemacht, auch wenn Menschen wie Eigel Wiese sagen: „Angeber wollen wir hier nicht.“ Sabine Möller von der Bäckerei Körner weiß: „In Blankenese gibt es inzwischen etliche Neureiche, das ist gar keine Frage. Aber ich kenne auch solche, die sehr viel Geld haben und sich bei meinen Angestellten mit Handschlag für den Service bedanken.“

Laut Möller und Wiese seien die „allermeisten“ Blankeneser Flüchtlingen gegenüber aufgeschlossen, viel wird berichtet von großzügigen Spenden, Einladungen und unzähligen ehrenamtlichen Helfern. Das sei Tradition in Blankenese, wo man sich welt­offen gibt. Und wo man Menschen, die in Not sind, nicht vertreibt. Manche glauben bereits, dass ein Riss durch den Stadtteil gehe. Auf der einen Seite die Alteingesessenen als „Gute“, auf der anderen die Neureichen, die wenig Herz haben – für Flüchtlinge. Doch so einfach ist das nicht. Oft täuscht der erste Eindruck „im Dorf“. Wer teuer und schick gekleidet ist, muss nicht stieselig sein; wer ein dickes Auto fährt, hilft trotzdem, wenn jemand eine Panne hat. Der Ton in vielen kleinen Läden ist locker – man grüßt freundlich, dankt beflissen, verabschiedet sich fröhlich. Gut möglich, dass das erst gelernt werden musste. Davon berichtet Jürgen Philipp, als Stadtteilführer und Fotograf bestens mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut. „Zugezogene werden nicht automatisch mit offenen Armen aufgenommen“, so Philipp. „Wer arrogant daherkommt, wird erstmal eingenordet, bis er die Blankeneser Spielregeln versteht.“ Philipps Fazit: „Wir sind weit weg von vielem, aber nicht abgehoben, nicht besser – aber anders.“

Bodenständig und heimatverbunden

Fakt ist, dass man in Blankenese anders tickt, auch wenn es bis zur City nur 13 Kilometer sind. Bahnhof, Marktplatz, Kirche, Fluss, Berge und Bahnhofstraße – das wirkt wie eine kleine Stadt für sich, oder wie das immer wieder gerne zitierte „Dorf mit Weltstadtflair“. Die Aussage „Ich bin Blankeneser“ (statt Hamburger) drückt etwas von dieser Distanz aus. Bodenständig und heimatverbunden sind etliche Blankeneser, viele waren wahrscheinlich seit Monaten nicht mehr „in Hamburg“. Sie sprechen Klartext und sind eigensinnig – auch am Björnsonweg.

Die kleine Straße am westlichen Ende des Stadtteils hat nichts von einer Villengegend. Die meist neuen Häuser könnten auch in Hummelsbüttel oder Alsterdorf stehen, viele junge Familien leben hier. „Ich bin in Eimsbüttel sozialisiert“, erzählt eine Anwohnerin, mehrfache Mutter. Sie möchte ihren Namen nicht nennen, weil sie nicht als „Rechte“ angeprangert werden will. „Wir haben stets angeboten, eine den örtlichen Gegebenheiten angemessene Unterkunft zu unterstützen und dafür auch Konzepte erarbeitet.“ Abgebügelt worden sei man von der Stadt, aber weiter gesprächsbereit.

Aktuell prüft das Verwaltungs­gericht, ob mit der Baugenehmigung gegen Umweltrecht verstoßen wurde. Mit dem Eilantrag hatte ein Anwohner von seinem Recht Gebrauch gemacht. Das darf man – auch in Blankenese. Nachfragen, Streit und rechtliche Prüfungen gab und gibt es auch in anderen Hamburger Stadtteilen – so in Groß Borstel, Neugraben-Fischbek und an der Sophienterrasse in Harvestehude.