Serie Teil 11

Baustopp und Klagen – nichts geht mehr in der Elphi

Die Baustelle Elbphilharmonie 2010 mit Blick in den noch unfertigen Großen Saal, dahinter wachsen die Wohnungen in die Höhe. Um das Absenken des Saaldachs gab es ein Jahr später einen erbitterten Konflikt

Die Baustelle Elbphilharmonie 2010 mit Blick in den noch unfertigen Großen Saal, dahinter wachsen die Wohnungen in die Höhe. Um das Absenken des Saaldachs gab es ein Jahr später einen erbitterten Konflikt

Foto: Marcelo Hernandez

2011–2012: Die Elbphilharmonie – vom Jahrhundertprojekt zum Albtraum und wieder zurück.

Hamburg. Während die Bürgerschaft im Frühjahr 2011 erneut einen Untersuchungsausschuss zur Kostenexplosion beim Bau der Elbphilharmonie einsetzt, tauchen Gerüchte auf, dass Hochtief 100 Millionen Euro mehr will – ein Vielfaches der offiziell vorliegenden Forderungen. Zum x-ten Mal suchen Johann C. Lindenberg, Aufsichtsratschef der städtischen Bau KG, und Hochtief-Chef Henner Mahlstedt eine Lösung. Am 19. April einigen sie sich auf eine Neuordnung, die auch ein Schiedsverfahren beinhaltet.

Schon kurz darauf will der Baukonzern davon nichts mehr wissen: Wenn die Stadt glaube, Hochtief baue erst zu Ende, um sich anschließend in einer juristischen Auseinandersetzung das Geld zu erstreiten, habe sie sich geirrt. Lindenberg kontert: „Und Sie glauben doch nicht, dass wir noch einmal einen pauschalen Nachtrag abschließen? Wir gehen vor Gericht, und da werden Sie unterliegen!“

Bundespräsident Christian Wulff inspiziert die Baustelle

Die gleichen Differenzen tragen parallel auch ReGe-Chef Heribert Leutner und der Hamburger Hochtief-Leiter Thomas Möller aus. Der erzählt dazu die Anekdote, wie er die Vorstellungen der Stadt in der Realität getestet hat, morgens beim Bäcker. Nach dem Brötchenkauf habe er zu der Verkäuferin gesagt: „Wie viel Geld Sie dafür bekommen, meine Liebe, das lassen wir von einem Schiedsgericht klären.“ Die Dame habe sich verschaukelt gefühlt, so Möller.

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Also steuert alles auf den großen Knall zu. Anfang Juni teilt Hochtief der Stadt mit, dass der derzeitige Verzug von 15 Monaten noch zunehmen und das Gebäude wohl erst im April 2014 fertig werde – zweieinhalb Jahre später als vereinbart. Die Stadt bereitet sich ihrerseits auf eine Trennung vor: Am 29. Juni präsentiert die ReGe dem Aufsichtsrat der Bau KG eine 22-seitige Vorlage zum Kündigungsszenario. Darin finden sich juristische Einschätzungen und eine Grobschätzung der Zusatzkosten für den Fall, dass die Stadt ohne Hochtief weiterbaut.

Kurz darauf inspiziert Bundespräsident Christian Wulff die Baustelle. Barbara Kisseler stellt ihm die Elbphilharmonie mit ernüchternden Worten vor: „Sie ist uns lieb und teuer. Die Reihenfolge ist im Moment beliebig.“ Die Kultursenatorin schaltet sich nun aktiv ein und bittet die Hochtief-Chefs Mahlstedt und Möller zum Gespräch in die Behörde. Es wird vereinbart, dass der Baukonzern Vorschläge zur Lösung der Probleme vorlegen soll.

„Keine Spielchen mehr, Hochtief!“

Am 13. Juli schickt Mahlstedt Kisseler das geforderte Papier. In seinen „Handlungsoptionen“ erwähnt er seinerseits erstmals eine Trennung. Ein „Weiter so“ komme für Hochtief nicht infrage, denn das Konfliktpotenzial „wird weiter rasant wachsen“. Stattdessen schlägt der Vorstandschef eine Neuordnung vor: Hochtief übernimmt die gesamte weitere Planung von den Architekten, denen nur noch eine künstlerische Oberleitung eingeräumt werde. Zu einer Neuordnung gehöre natürlich „auch die Vereinbarung eines neuen Preises und eines verbindlichen Termins“, so Mahlstedt. Für beides würde Hochtief dann auch die Verantwortung übernehmen.

Diese Vorschläge liegen schon recht nah an dem, was man eineinhalb Jahre später tatsächlich vereinbaren wird. Die Tür für eine Einigung steht also offen, aber niemand traut sich hindurch. Im Gegenteil, sie wird zugeschlagen.

Die inoffizielle Antwort der Stadt gibt Kisseler am 23. August in der Bürgerschaft: „Keine Spielchen mehr, Hochtief!“, droht sie dem Baukonzern. Was sie damit vor allem meint, wird kurz darauf klar: Hochtief zieht nun seinen Joker – Baustillstand. Der ist dem Konzern laut Vertrag zwar selbst im Streitfall untersagt. Doch wenn er nachweisen könnte, dass Gefahr für Leib und Leben besteht, würde dieser Passus nicht ziehen. Und so entsteht der wohl erbittertste Einzelkonflikt in diesem Projekt – der Kampf ums Saaldach.

Die Geschichte eskaliert

Um den zu verstehen, muss man sich die Dimensionen verdeutlichen. Das Dach über dem Großen Saal ist eine zeltartige Konstruktion ohne störende Stützen und allein schon 2000 Tonnen schwer. Tragen muss es zudem die rund 8000 Tonnen schwere Haustechnik, vor allem die riesigen Lüftungskanäle. Im Interesse der Besucher und Musiker, die einmal darunter Platz nehmen werden, sollte man sich an dieser Stelle lieber nicht verrechnen. Doch nach Meinung von Hochtief ist genau das geschehen, oder zumindest nicht auszuschließen. Daher weigert sich der Konzern beharrlich, das noch abgestützte Dach endgültig auf das Gebäude abzusenken.

Im Sommer 2011 schwelt dieser Konflikt schon seit zwei Jahren: Hochtief hatte schon gegen die ersten Berechnungen des Schweizer Statikers Heinrich Schnetzer Bedenken angemeldet. In der Folge entsteht Gutachten um Gutachten, immer mit den gleichen Aussagen: Hochtief hat Bedenken – Architekten, ReGe und ein von der Baubehörde beauftragter Prüfstatiker halten das Dach für sicher. Sie weigern sich aber, Hochtief ihre Berechnungen zu zeigen, aus Sorge, der Konzern wolle das nur zu seinen Zwecken nutzen.

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Die Geschichte eskaliert. Am 20. September 2011 teilt der Baukonzern der Stadt mit, dass man die Arbeiten am Saaldach Mitte Oktober einstellen werde, da es bei dem Absenken zu einer Überlastung einzelner Bauteile kommen könnte. Eine „Gefahr für Leib und Leben“ könne nicht ausgeschlossen werden. Am 30. September teilt der Konzern zudem mit, dass er seinen Teil der Planung einstellen werde. Der Bau steht jetzt still.

Auch die Kostenentwicklung ist desolat

Ende Oktober erfährt auch die Öffentlichkeit, wie dramatisch es um Hamburgs Vorzeigeprojekt steht. Der erste Sachstandsbericht des neuen SPD-Senats liest sich wie eine Kapitulation: „Konflikte, die über das übliche Maß hinausgehen“, würden das Projekt prägen. Von 9000 entdeckten Mängeln ist die Rede, 5700 davon noch nicht beseitigt.

Aufgezählt werden vier Knackpunkte: der Streit um die Dach-Sicherheit und die Auseinandersetzung darüber, wer wem welche Pläne schulde. Drittens ein absurder Konflikt um die Tube, jene Röhre, durch die die Besucher mit der Rolltreppe auf die Plaza gelangen. Die Architekten wollen die 80 Meter lange, gebogene Röhre unbedingt fugenlos mit einem aufwendigen Glaspaillettenputz versehen. Hochtief hatte gewarnt – und es dann doch versucht. Das Ergebnis sind Hunderte Risse im Putz und die Frage: Wer ist daran nun wieder schuld? Die Planer? Oder die Baufirma? Und viertens geht es um die Schäden an der historischen Backsteinfassade.

Auch die Kostenentwicklung ist desolat: Hochtief hat allein wegen ständiger Änderungen des Bausolls Mehrkosten von 58 Millionen Euro angemeldet. Wenn der Konzern auch noch die Kosten aus der Bauzeitverlängerung geltend mache, werde die Forderung sicher die 100-Millionen-Grenze überschreiten, heißt es in der Drucksache.

Für die Elbphilharmonie ist es fünf vor zwölf

Obwohl der Senat offen von einem „Dilemma“ spricht, verschweigt er doch einiges. Erstens die Tatsache, dass die ReGe bereits eine Kündigung durchspielt. Gezielt werden schon die Subunternehmer des Baukonzerns angesprochen, ob sie nach einer Kündigung direkt für die Stadt arbeiten würden. Das geschieht so offen, dass es in der Branche registriert wird – so will die Stadt den Druck auf Hochtief erhöhen.

Zweitens geht aus dem Senatsbericht nicht hervor, dass der Bau seit Monaten praktisch stillsteht. Als das Hamburger Abendblatt am 4. November über den „Baustillstand an der Elbphilharmonie“ berichtet, ist die Aufregung groß.

Ausgerechnet in dieser Phase muss Pierre de Meuron am 17. November im neuen Untersuchungsausschuss aussagen. Zur aktuellen Lage meint er: „Derzeit stagnieren Planung und Bau. Es wird mehr geschrieben – damit meine ich nicht in der Presse, sondern projektintern – als gebaut. Annähernd 20.000 Schreiben, allein nach Abschluss des Nachtrags 4, belegen dies deutlich.“

Für die Elbphilharmonie ist es fünf vor zwölf: Hochtief korrigiert den Fertigstellungstermin abermals nach hinten, von April auf November 2014. Im Gegenzug fordert die Stadt nun 40,6 Millionen Euro Strafe von Hochtief, weil der Konzern Termine nicht eingehalten habe – und dafür darf sie laut Vertrag pro Tag Verzögerung 200.000 Euro in Rechnung stellen.

Ausgangslage für 2012 ist so desaströs wie nie


Die Ausgangslage für 2012 ist so desaströs wie nie: Der Bau steht still, und die Verantwortlichen kommunizieren nur noch über böse Briefe. Eine Seite muss sich bewegen – oder es wird zur Trennung kommen. Das Jahr der Entscheidung, so oder so.


Wie schon in der Anfangsphase des Projekts vor mehr als zehn Jahren wird auch 2012 von zwei Geschichten geprägt, die zeitweise parallel verlaufen. In der ersten, der offiziellen, haben die Hardliner das Wort. Am 16. Januar 2012 droht die ReGe Hochtief schriftlich mit dem Entzug der Planung für die Gebäudetechnik, wenn diese nicht bis zum 28. Februar vorliege: „Es ist uns nicht zuzumuten, noch weiter abzuwarten, ohne dass Sie auch nur konkrete Termine benennen.“ Das erste von diversen Ultimaten.

Die Antwort kommt am 24. Januar von Rainer Eichholz, dem Nachfolger von Henner Mahlstedt als Vorstandschef des Hochtief-Europageschäfts. Er schreibt an Kisseler und bietet Verhandlungen an. Ihm dränge sich aber der Eindruck auf, „dass Sie an einer solchen Lösung kein Interesse (mehr) haben“. Erbost zeigt er sich, dass Senatsvertreter im Ausschuss „massive Vorwürfe und falsche Tatsachenbehauptungen“ erhoben hätten. Hochtief werde nun seinerseits klagen, um feststellen zu lassen, dass die Stadt nicht berechtigt sei, eine Vertragsstrafe zu fordern.

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Eine gute Woche später hat Ole von Beust noch einmal einen großen Auftritt. Am 2. Februar um Punkt 16 Uhr betritt der 56-Jährige das Rathaus, um vor dem Untersuchungsausschuss auszusagen. Im Blitzlichtgewitter nimmt er seinen Kritikern sofort den Wind aus den Segeln: „Ich übernehme die politische Verantwortung für alles, was in meine Zeit als Bürgermeister fällt.“ Ob er sich schuldig fühle angesichts des Desasters? Nein, sagt Beust: „Schuld setzt Vorsatz voraus, und den schließe ich aus.“

Kein Spiel, sondern unerbittliches Ringen

Damit ist eigentlich alles gesagt. Beust zeigt wenig Neigung, allzu sehr in Details einzusteigen. „Ich habe manchmal das Phänomen, dass ich mich schon nach 14 Tagen nicht mehr an Termine erinnere.“ Es wird bissig. Ole Thorben Buschhüter (SPD) fragt, welche Entscheidungen nicht er, sondern andere getroffen hätten. „Wie meinen Sie das?“ Welche grundlegenden Entscheidungen nicht der Bürgermeister getroffen habe, wiederholt der Vorsitzende. „Was ist denn grundlegend?“, fragt Beust. Buschhüter: „Was meinen Sie denn?“ Beust: „Wir machen doch kein Quiz hier!“

In der Tat ist das kein Spiel, sondern ein unerbittliches Ringen – und das geht abseits der Scheinwerfer weiter. Das Landgericht beschäftigt sich mit der Schadenersatzklage der Stadt, Hochtief und die Behörden streiten um die Saaldach-Sicherheit – und die ReGe denkt über Kündigung nach. Am 12. April setzt die Stadt ein zweites Ultimatum und droht erstmals mit Kündigung – für den Fall, dass das Dach nicht bis Ende Mai abgesenkt wird. Hochtief ringt sich im letzten Moment zu der Zusage durch, den Weiterbau des Saaldachs „vorzubereiten“. Am 13. Juni um 18.46 Uhr geht im Hause der Senatorin ein Fax von Hochtief-Vorstand Eichholz ein, in dem er das zuvor Vereinbarte wieder infrage stellt, das Thema Dachabsenkung plötzlich ausklammert und eigene Neuordnungsvorschläge macht.

Das für den 14. Juni angesetzte Treffen in der Kulturbehörde hätte man sich danach sparen können. Das Büro der Senatorin an den Hohen Bleichen ist ein heller, einladender Raum. Das kann nichts daran ändern, dass die Stimmung schon zum Auftakt um 11 Uhr auf Konfrontation steht. Auf der einen Seite: Kisseler, Staatsrat Nikolas Hill, der Jurist Jochen Margedant und ReGe-Chef Leutner, auf der anderen Hochtief-Chef Eichholz. Einen seiner Fachleute bringt er nicht mit, sondern nur einen Anwalt.

Wie die Besprechung verläuft, geht aus dem Brief hervor, den Eichholz im Nachgang schreibt: „Sehr geehrte Frau Senatorin, der Verlauf des Treffens am 14. Juni hat uns sehr enttäuscht.“ Hochtief tue alles, um die Elbphilharmonie fertigzustellen, allein zehn Ingenieure würden an der Saaldachthematik arbeiten. „Bitte machen Sie Ihren Einfluss geltend, dass alle Projektbeteiligten, einschließlich der ReGe, an einem Strang ziehen.“

Eckpunkte für eine Neuordnung

Bei der ReGe ist man erbost. Die Hochtief-Vorschläge seien „völlig inakzeptabel“ und sollten „nur dazu dienen, uns länger hinzuhalten“, schreiben die Geschäftsführer an Eichholz. Hochtief bekomme „letztmals“ die Gelegenheit, die Ende Mai vereinbarten Punkte bis zum 28. Juni zu unterzeichnen. Andernfalls betrachte die Stadt „die Verhandlungen als endgültig gescheitert“.

Dieses dritte Ultimatum geht am 21. Juni um 19.20 Uhr bei Hochtief ein. Vier Tage später bettelt der Baukonzern bei der Senatorin um eine Fristverlängerung bis zum 5. Juli. Kisseler gewährt diese und schreibt an Eichholz: „Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, dass die Freie und Hansestadt Hamburg am 5. Juli 2012 ihre definitive Entscheidung treffen wird und keine weiteren Verhandlungen beabsichtigt.“

Tatsächlich werden an diesem 5. Juli Eckpunkte für eine Neuordnung vereinbart: Hochtief senkt das Saaldach ab; Architekten und Hochtief planen künftig gemeinsam, und zwar noch ein Jahr; danach wird der Bau in 24 Monaten bis Mitte 2015 fertiggestellt; über strittige Kostenfragen entscheidet ein Schiedsgericht. In einem kurzen Statement lobt Kisseler die „neue Verhandlungskultur“. Tatsächlich wird auch dieses Eckpunktepapier keinen Bestand haben, Kisselers Bemerkung über die neue Verhandlungskultur ist aber ein Hinweis darauf, was sich hinter den Kulissen noch abgespielt hat. Die zweite Geschichte. Ein neuer Akteur ist aufgetreten, sehr diskret, sehr einflussreich. Und er wird schließlich für die Wende sorgen.

Diese Geschichte beginnt in Spanien, wo Florentino Perez seit Ende der 90er-Jahre aus der Firma ACS durch Zukäufe den größten Baukonzern des Landes und einen der größten der Welt geschmiedet hat. International bekannt wird er als Präsident von Real Madrid und seine dortigen Personalzukäufe: Zidane, Ronaldo, Beckham. Seine rechte Hand bei ACS ist Marcelino Fernández Verdes, den er 2003 zum Chef der aufgekauften Baufirma Dragados macht. Sie errichtet unter anderem das spektakuläre „Forum 2004“ in Barcelona. Architekten: Herzog & de Meuron, verantwortlich: David Koch. Der deutsche Architekt, Jahrgang 1967, und der erfahrene spanische Ingenieur, Jahrgang 1955, verstehen sich auf Anhieb. Kochs Frau ist Spanierin, er und Fernández sprechen eine Sprache, auch im übertragenen Sinn. Zwei sachliche, zurückhaltende Männer. Das für die Baubranche typische Imponiergehabe haben sie nicht nötig. „Wir schätzen uns“, sagt Fernández. Und Koch sagt über den Spanier einen Satz, der in aller Schlichtheit als größtmögliches Lob zu verstehen ist. „Er will einfach nur bauen.“ Sie bleiben auch über das Berufliche hinaus in Kontakt.

Öffentlichkeit erfährt von den Vorgängen nichts

Im Frühjahr 2012, ACS hat sich auch die Mehrheit an Hochtief gesichert, schickt Perez seinen besten Mann nach Essen: Marcelino Fernández Verdes soll den zweifelhaften Ruf von Hochtief, in der Branche mitunter als „Anwaltskanzlei mit angeschlossener Bauabteilung“ verspottet, aufpolieren. Fernández wird im April Vorstandsmitglied der Hochtief AG. Als Chief Operating Officer (COO) bekommt er die Aufgabe, sich um die Risiken des Konzerns zu kümmern – allen voran die Elbphilharmonie. Denn die Entwicklung in Hamburg wird als massiv imageschädigend wahrgenommen.

Anfang Mai treffen sich Fernández und Koch in Hamburg. Der Spanier erkennt rasch den „Leidensdruck auf allen Seiten“. Das liege weniger an den technischen Herausforderungen, sondern an den handelnden Personen. „Mit gegenseitigen Schuldzuweisungen kommt man nicht weiter.“ Er fragt: „Was muss passieren, damit dieses Projekt erfolgreich fertiggestellt werden kann? Wie können wir wieder Vertrauen aufbauen?“ Koch stellt den Kontakt zur Politik her und rät, sich mal mit dem konstruktiven Spanier zu unterhalten, der werde bei Hochtief bald das Sagen haben.

Am 1. Juli ruft Fernández bei Kisseler an und stellt sich vor. Man unterhält sich auf Englisch und vereinbart ein Treffen. 3. Juli 2012, im Büro der Kultursenatorin: Kisseler spricht zunächst unter vier Augen mit Fernández. Sie finden schnell einen Draht zueinander. Ihr gefällt, dass er sich selbst nicht so wichtig nimmt, sondern klar ein Ziel formuliert: Die Elbphilharmonie sei enorm wichtig für das Renommee von Hochtief, man wolle sie unbedingt ordentlich fertigstellen. Nach einer halben Stunde ist die Stimmung so gelöst, dass die beiden auch über andere Dinge parlieren, Städte und Menschen. Schließlich stoßen auch Hill, Margedant und Koch dazu. Diese Runde wird sich noch oft treffen.

Die Öffentlichkeit erfährt von diesen Vorgängen nichts. Am 21. August legt der Senat einen Sachstandsbericht vor, der den Eindruck vermittelt, dass sich nicht viel tut. „Seit Herbst 2011 besteht in weiten Bereichen ein faktischer Baustillstand.“ Hochtief fordere derzeit allein wegen Projektänderungen 55,6 Millionen Euro mehr, zudem müsse man mit Forderungen wegen des enormen Zeitverzugs von 20 Monaten rechnen.

Dieser Text ist eine aktualisierte Fassung unseres großen Abendblatt-Dossiers von 2013.