Konzerthaus

Ein Oratorium nur für die Elbphilharmonie

Komponist Jörg Widmann vor der Elbpilharmonie. Er hat ein Stück für das erste Konzert der Philharmoniker mit Kent Negano geschrieben

Komponist Jörg Widmann vor der Elbpilharmonie. Er hat ein Stück für das erste Konzert der Philharmoniker mit Kent Negano geschrieben

Foto: Andreas Laible

Kent Nagano beauftragte den Komponisten Jörg Widmann mit einem Stück eigens für das neue Konzerthaus. Am 13.1. wird es uraufgeführt.

Hamburg.  Es ist schon einige Jahre her, und es war in München. Damals war Kent Nagano noch nicht Generalmusikdirektor an der Elbe, sondern an der Bayerischen Staatsoper, Hamburg war erst der nächste Job an seinem Dirigenten-Karriere-Horizont. Nagano hatte bei Widmann, die beiden kennen sich seit vielen Jahren, die Oper „Babylon“ in Auftrag gegeben. Das Libretto kam vom Philosophen Peter Sloterdijk, die Musik war typisch Widmann, vielschichtig, virtuos und brillant riskant, alle Möglichkeiten ausreizend.

Damals also, nach einem „Babylon“-Abend, bat Nagano den Komponisten (der übrigens auch als Klarinettist zu den Besten zählt) um ein ganz besonderes Stück für die Elbphilharmonie, die damals vor allem ein 110 Meter hoher Krisenherd war. Inzwischen sind beide vollendet, Werk und Gebäude. Es ist bald soweit. 13. Januar 2017, 20 Uhr, Großer Saal. „Arche“. Ausverkauft, längst, natürlich.

Großer Saal war entscheidende Inspiration

Jahre nach dieser Bestellung sitzt Widmann in Hamburg bei einem Teller Pasta in Binnenalsternähe, und die Nudeln werden kalt, weil das Thema so enorm umwerfend groß ist. Mit kleinem Denken hält sich der 43-Jährige auch gar nicht erst auf. Die Elbphilharmonie ist für den Klang-Architekten Widmann nicht nur ein epochaler Berg Baumaterial, „das ist eine Kultur-Arche, wo wir Menschen mit unserem Glück, aber auch mit unseren Nöten – gerade in dieser sehr bewegten, heftigen Zeit – einen Zufluchtsort finden. Wo Kunst stattfindet, wo Musik stattfindet. Eine Arche in politisch stürmischster See. Ich find‘s fantastisch, dass das gebaut wurde. Es hat auch etwas Sakrales.“

Der kathedralige Charakter des Großen Saals, der Herzkammer der Elbphilharmonie, war offenbar auch die entscheidende Inspiration für den Komponisten in ihm. „Das ging gar nicht anders. Dass das Stück ,Arche‘ heißt und in diese Richtung geht, das wusste ich wirklich erst da, in dem Moment“, erinnert er sich an die Baustellenbegegnung mit Notenpapier. „Ach, das war unglaublich ... Man geht in diesen Raum hin­ein und merkt, dass er für die Musik gedacht ist.“

„Arche“ für große Besetzung komponiert

Der Name seiner Auftragsarbeit, klar, ist kein Zufall. Ein Wasserstück sollte es sein für Hamburg, erklärt Widmann, eines, das mit der Stadt zu tun hat. Damit liegt er, das Wortspiel bietet sich an, auf einer Wellenlänge mit seinem ehemaligen Kompositionslehrer und kollegialem Freund Wolfgang Rihm, der zwei Tage vor Widmann mit der Uraufführung von „Requiem“ bei der Eröffnungsgala andere Betonungen setzen wird. „Ich wollte auf mannigfaltige Weise ein Stück mit und über Hamburg schreiben“, sagt Widmann. „Ohne diesen Anlass wäre das Stück komplett anders.“ Und welche Tonart hätte Hamburg in seinem inneren Ohr? „Oh, das wäre ein Cluster, ein Mischklang, wunderbar aufgefächert, vielstimmig, herrlich.“

„Arche“ ist das erste abendfüllende Stück, das für diesen Konzertsaal komponiert wurde. Mächtig groß besetzt, vierfache Bläser, Chöre, Solisten, die Orgel, etwa ein Dutzend Textquellen, die Bibel, Michelangelo, Schiller – alles, was geht, ganz großes Ohrenkino. Könnte man zumindest meinen. Doch Widmanns Kompositionsbeschreibung wirkt gleichzeitig auch so, als ob dieses Stück auf engstem Raum Ängste, Sehnsüchte und Hoffnungen komprimiert. Bereits die kurze Führung durch die Struktur zeigt, wie sehr sich Widmann, als Viellieferer und -schreiber längst ein Profi, bei seinem ersten Oratorium eine Extra-Portion Mühe verordnet hat. Denn der Bauplan hat etwas von der beängstigenden Komplexität der Elbphilharmonie. Für ein derart „monströses Projekt“ musste er ein, zwei Jahre lang anderes absagen.

Im dritten Teil geht es um Liebe

Mehrere ineinander fließende Abschnitte, etwa anderthalb Stunden. Der erste Teil, sehr klassisch, sehr biblisch: „Fiat lux“, es werde Licht. „Da wird eine Welt geschaffen.“ Anschließend wird sie wieder verwüstet. „Das lässt mich nicht los“, sagt Widmann, „weil es sich mit unserem Verhältnis zu Gott beschäftigt: Die Sintflut. Wenn Gott uns nach seinem Bilde geschaffen hat, warum wollte er uns dann gleich wieder vernichten? Dass alles Lebendige sterben musste, außer die um Noah auf der Arche versammelten Paare, ist schon eine Art terroristischer Akt Gottes gegen uns.“

Im dritten Teil geht es bergauf, denn jetzt geht es um die Liebe, „das, was uns Menschen am meisten prägt, auch mit allen dunklen Facetten“; eine Überleitung zum „Dies irae“-Abschnitt, dem Tag des Zorns, „mit aller archaischer Wucht und allem Dunklen“.

Einige Textpassagen hat Widmann beim Dichter Matthias Claudius geborgt, den er bei diesem Stück für sich entdeckt hat. „Das hat eine Schlichtheit und Wahrheit, die mich mitten ins Herz trifft.“ Er vertont Choräle, Gedichte über Liebe, Tod, den Menschen. „Das hat mich besonders angerührt.“ Ohnehin scheint „Arche“ auch emotional nah ans Wasser gebaut zu sein. „Es klingt kitschig, wenn wir hier sitzen und es in Worten sagen – aber ich empfinde das ,Dona nobis pacem‘ (Gib uns Frieden) wie einen Segensspruch und in unserer Welt gerade sehr vonnöten. Auch das hat der Raum angeregt. Er erschlägt einen nicht damit, dass er schon alles sagt. Er ist offen. Er ermöglicht.“

Widmann muss "Fülle der Ideen bändigen"

Wo so viel möglich sein kann, erleichtert das nicht automatisch den Umgang mit diesen Einfalltoren für musikalische Beliebigkeit. Widmann ist offenkundig kein Grübler, der vier Ideen notiert, um am Ende der Kreativ-Schicht fünf zu streichen. Bei ihm sei nicht das Problem, ratlos vor einem leeren Notenblatt zu sitzen, berichtet er. „Ich muss eher die Fülle der Ideen bändigen und Formen dafür finden. Das bleibt ein Lebensthema für mich.“

Angst vor dem Selbstzitat hat er nicht. „Das ist so, als ob ich mich in einen Raum zurückträume. Beim nächsten Mal wird er schon wieder anders sein.“ Bei der Rückblende an den Bau seiner „Arche“ („Von der Komposition her hat es mich oft an physische Grenzen gebracht“) klingt dann aber auch geradezu alttestamentarische Schicksalsfügung an. „Ein Takt am Ende, für drei Chöre und großes Orchester, daran schreiben Sie absurde drei Nächte. Ist so. Da fragt man sich schon: Was mache ich da eigentlich? Macht das Sinn? Aber es macht Sinn. Und in der nächsten Nacht ist man noch tiefer drin.“

Als das Gespräch auf Beethovens „Missa ­solemnis“ kommt, erwähnt Widmann das berühmte Motto „Von Herzen – möge es wieder zu ­Herzen gehen“ und meint: „Obwohl wir angesichts solcher Genies alle unsere Stifte hinlegen müssten – dieses ,Von Herzen – möge es wieder zu Herzen ­gehen‘ würde ich mir mit der ,Arche‘ auch wünschen.“

Auch „Sonatina facile“ stammt von Widmann

Bei dieser Gelegenheit – die Pasta wirkt schon sehr erkaltet – entkräftet Widmann auch gleich die Vorstellung, ein Komponist könne nur in Idealbedingungen die Küsse der Muse genießen und zum Stift greifen. Er kann auch anders: Taiwan, ein Hotelzimmer und ein E-Piano, das er sich bei dem Orchester organisierte, mit dem er dort zu tun hatte. Zweck dieser Anstrengung war das in vieler Hinsicht genaue Gegenteil des oratorischen Schwergewichts, eine kleine, feine „Sonatina facile“ für die Pianistin Mitsuko Uchida, die dieses Stückchen fünf Tage nach der Premiere von „Arche“ uraufführen wird, ebenfalls im Großen Saal der Elbphilharmonie.

„Ich hatte Riesenlust, eine Studie über die Leichtigkeit zu schreiben“, kommentiert Widmann das Kontrastprogramm. „Eigentlich ist der Titel eine Provokation, weil das Stück alles andere als facile ist. Es hat mich über Monate verfolgt.“ Zwei derart gegensätzliche Uraufführungen in einem Saal, innerhalb weniger als einer Woche: Mit dem Komponisten Jörg Widmann fängt die erste Elbphilharmonie-Saison schon mal spektakulär an.

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