Studierende Hamburg

Zwischen Studium und Muttersein im „Krachmacherhaus“

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Friederike Ulrich
Die Studentinnen Marie Nkemazon und Rosa Rosenbohm nennen ihr Zuhause auch gern das „Krachmacherhaus“.

Die Studentinnen Marie Nkemazon und Rosa Rosenbohm nennen ihr Zuhause auch gern das „Krachmacherhaus“.

Foto: Roland Magunia / Funke Foto Services

Ein Wohnheim nur für Mütter – das betreibt das Studierendenwerk in einem herrschaftlichen Altbau in Rothenburg. Wie es sich dort lebt.

Hamburg. Die helle Gründerzeitfassade ist geschmückt mit kunstvollen Stuckornamenten, die hohen Fenster von Säulen eingerahmt. Auch das Treppenhaus mit dem schönen Geländer und die hohen Decken zeigen: Das hier war einst ein hochherrschaftliches Mehrfamilienhaus. Heute wohnen in dem 1876 errichteten Gebäude an der Bornstraße junge Studentinnen, die neben dem Studium noch eine weitere Herausforderung zu bewältigen haben: Sie haben kleine Kinder, und die meisten von ihnen sind alleinerziehend.

Genau zu diesem Zweck hatte 1945 die damalige Eigentümerin das Haus an die Universität Hamburg vererbt. Doch die bot es zunächst auf dem freien Wohnungsmarkt an. Erst 1971 wurde das Haus – nach jahrelangem Bemühen des Akademikerinnenbunds Hamburgs – seiner testamentarischen Bestimmung zugeführt und von der Uni an Studentinnen vermietet. Mittlerweile werden Mietverträge nur noch an junge Mütter vergeben.

Studierende Hamburg: Hier wohnen nur Mütter, die studieren

Derzeit leben im Haus 22 Kinder und 17 Studentinnen, acht von ihnen mit Partner. Sie wohnen als Wohngemeinschaften mit ein bis zwei anderen Parteien zusammen – je nach Wohnungsgröße – und haben dort ihre eigenen „Teilwohnungen“, die aus zwei bis drei Zimmern und einem eigenen Badezimmer bestehen. Mit ihren Mitbewohnerinnen und deren Anhang teilen sie sich Küche und Flur, nur in wenigen Fällen auch das Bad.

Insgesamt sechs riesige Wohnungen liegen hinter weinrot gestrichenen Türen im Treppenhaus. Das Parterre nutzt eine Kita des Studierendenwerks. Ganz oben, im ausgebauten Dachboden, gibt es einen großen Gemeinschaftsraum zum Lernen, Feiern oder andere Zusammenkünfte und daneben den Toberaum für die Kinder: vor Kurzem erst neu eingerichtet, mit Rutsche, Spiel- und Kletterwand und liebevoll bemalten Wänden.

Wie ist es, mit Kind in einer Wohngemeinschaft zu leben?

Marie Nkemazon und Rosa Rosenbohm sind Haussprecherinnen und wissen über die Geschichte und die Besonderheiten dieses Projekts bestens Bescheid. Marie lebt hier seit zwei Jahren mit ihrem fünfjährigem Sohn und ihrem Partner. Sie hatten sich schon 2017 ein erstes Mal beworben, waren dann aber skeptisch dem Gedanken gegenüber, in einer Wohngemeinschaft zu leben.

„Dann haben wir uns das Haus noch mal angeschaut und die Bewohnerinnen kennengelernt – und dachten, es könnte doch passen“, sagt die 28-Jährige. Rosa ist 2017, bereits schwanger, eingezogen. Sie und ihr Partner hatten keine Bedenken wegen der Wohnform. „Mein Freund ist selber in ähnlichen Verhältnissen groß geworden und kennt das Konzept“, sagt die 23-Jährige, die mittlerweile ein zwei und ein vier Jahre altes Kind hat.

Mitbewohnerinnen werden per Los bestimmt

Die Mitbewohnerinnen werden per Los ausgesucht. Je nachdem, wie gut man sich versteht, wird dann auch mal gegenseitig auf die Kinder aufgepasst. Feste Absprachen gibt es aber auch: „Wir haben einen Putzplan – und bei der Küchennutzung ist klar festgelegt, welche Seite man benutzt und welche Schränke einem gehören“, sagt Marie. „Und wenn wir etwas kaufen möchten, wird darüber abgestimmt, was am besten reinpasst.“

Den von allen Kindern genutzten Toberaum unter dem Dach haben die Bewohnerinnen vor einem Jahr renoviert. „Das ist der Spielplatzersatz bei schlechtem Wetter“, sagt Rosa. „Es ist schön, sich dort treffen zu können und noch mal aus der eigenen Wohnung rauszukommen.“ Kinderlärm ist weder hier noch im Treppenhaus ein Problem. „Es gibt eine goldene Regel: Kinder dürfen Lärm machen“, sagt Marie. Und Rosa ergänzt lachend: „Wir nennen uns auch liebevoll ,das Krachmacherhaus‘.“

Wohnheim: Acht Euro Warmmiete pro Quadratmeter im Grindelviertel

Wie üblich in Wohnheimen ist auch das Studentinnenhaus selbstverwaltet. Mehrmals im Jahr organisieren die Haussprecherinnen Versammlungen, auf denen die Organisation und das Bezahlen von Feiern oder etwa der Renovierung des Toberaums besprochen werden. Das Geld dafür kommt aus der „Hauskasse“, in die aber nicht die Studentinnen Beiträge zahlen.

Das Geld kommt, einmal pro Semester, vom Studierendenwerk, das das Haus 1997 für 75 Jahre von der Universität gemietet hat. Auch die Feier des 50. Jahrestags in der vergangenen Woche wurde aus der Hauskasse bezahlt. Eingeladen waren viele ehemalige Bewohnerinnen, Vertreter aus dem Studierendenwerk – und auch Senatorin Katharina Fegebank war eingeladen. „Aber das war wohl zu kurzfristig“, sagt Marie. „Sie wäre aber gerne dabei gewesen.“

Tatsächlich wollten die Haussprecherinnen die Feier auch nutzen, um für ihr Projekt zu werben. „Das Haus ist recht unbekannt, und wir hatten sogar schon Leerstand“, sagen sie. Warum, können sie sich gar nicht vorstellen: Mit 8 Euro Warmmiete pro Quadratmeter ist das Wohnen im uninahen, sehr gefragten Grindelviertel schließlich sehr günstig.

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