Hamburg

Mittlerweile 150 Konzerte gegen den Corona-Blues

| Lesedauer: 6 Minuten
Juliane Lauterbach
Juan Luis Merinero veranstaltet seit Pandemie-Beginn Corona-Konzerte in Eimsbüttel.

Juan Luis Merinero veranstaltet seit Pandemie-Beginn Corona-Konzerte in Eimsbüttel.

Foto: Michael Rauhe

Seit dem ersten Lockdown singt Juan Luis Merinero für seine Nachbarn in Eimsbüttel. Das gefällt – fast allen.

Hamburg. Das erste Mal war an einem kalten Märztag. Der erste Lockdown hatte gerade begonnen, die Stimmung war bedrückend und Möglichkeiten der Zerstreuung gab es kaum. An diesem Abend entschied Juan Luis Merinero, dass er dem Ganzen etwas entgegen setzen möchte, setzte sich auf den Balkon in der Eichenstraße und begann zu singen. „Ich hab einfach gespielt, was mir einfiel“, sagt der 49-Jährige, der schon seit der Kindheit Gitarre spielt und in den vergangen Jahren auch schon auf dem Hafengeburtstag oder der „Travemünder Woche“ aufgetreten ist.

Auf Publikum musste er nicht lange warten, schnell öffneten sich Fenster und Balkontüren Und weil es gut ankam, stellte sich Merinero auch am nächsten Tag wieder auf den Balkon und am Tag drauf auch und so weiter. Und jetzt, mitten im zweiten Lockdown steht der er immer noch da – nicht mehr jeden Tag – aber doch verlässlich an zwei Abenden pro Woche. So auch heute, an einem Donnerstagabend im Advent.

Im Video: Balkonkonzerte in Hamburg

Hamburg: Nachbarschaftskonzerte im Generalsviertel gegen den Corona-Blues
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Während Merinero oben im dritten Stock die Gitarre stimmt und letzte Vorbereitungen trifft, öffnen sich rund um sein Wohnhaus die ersten Fenster und unten auf der Straße trudeln ein paar Menschen ein, einige haben sich Glühwein mitgebracht, andere haben Mappen mit Songtexten dabei und warten darauf, dass Juan die Saiten zum Klingen bringt. Aber auch Zerstreuung, auf eins der wenigen kulturellen Momente, die es im Moment gibt, vielleicht auch auf so etwas wie Adventsstimmung.

"Hallelujah" von Leonhard Cohen in der Corona-Version

Was aber treibt ihn dazu an, sich nach langen Arbeitstagen immer wieder rauszustellen egal, ob es friert oder stürmt oder ob unten nur fünf Leute im Regen stehen? „Es ist einfach ein schönes Gefühl zu sehen, dass die Menschen gerne zuhören und mitsingen und immer wieder zu spüren, dass es in diesen besonderen Zeiten gut tut, ein gemeinsames Erlebnis zu haben.“

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Nach und nach entwickelte sich das abendliche Singen zu einem festen Ritual in der Eichenstraße. Nachbarn druckten Songtexte aus und vernetzten sich in Chatgruppen, entwickeln gemeinsam eigene Ideen. So singen sie jedes Mal als Abschluss „Der Mond ist aufgegangen“ und „Hallelujah“ von Leonard Cohen – allerdings in einer abgewandelten Corona-Version. Das Repertoire wuchs immer weiter. Merinero spielte nahezu alles, was sich auf sechs Saiten begleiten lässt: Beatles, Ärzte, Simon & Garfunkel, spanische Lieder, Spirituals, Lagerfeuermusik. Die Top drei aus rund 150 Konzerten: „Angels“ von Robbie Williams, „Blowing in the wind“ von Bob Dylan und „Hey Jude“ von den Beatles.

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Balkonkonzerte: Irgendwann kamen böse Nachbarn und die Polizei ins Spiel...

Doch das tägliche Konzert vor den Wohnungsfenstern kommt nicht bei allen gut an. Irgendwer rief jedenfalls wegen Lärmbelästigung irgendwann die Polizei. Deswegen und auch, weil die Regelungen dank der sinkenden Fallzahlen immer lockerer werden, zog Merinero im April mit der Sängergemeinde um. Fortan trafen sie sich im nahe gelegenen Park am Weiher, wo sie an zwei Abenden pro Woche auf Abstand sangen.

Das klappte ein paar Monate lang ganz gut, es kamen immer mehr Menschen, die Texte mit den Liedern wurden eifrig kopiert und verteilt. Doch bekanntlich änderte sich die Lage im Herbst wieder. Mit der Verschärfung der verordneten Corona-Maßnahmen im Herbst, musste Merinero sein Konzept ändern. „Ich begann also, die Kontaktdaten aller Teilnehmer zu erheben und verschickte die Liedtexte nur noch elektronisch.“

Corona-Blues: Gibt es eine "Exit-Strategie"?

Doch Ende November kamen nicht nur wieder viele Sänger – sondern auch die Polizei und die entschied: Die Konzerte am Weiher sind nicht mit den Corona-Verordnungen kompatibel. Sollte er nochmals dort ein gemeinschaftliches Singen organisieren, würden für ihn als Veranstalter 1000 Euro fällig werden. Und so blieb Merinero nichts anderes übrig, als da weiter zu machen, wo alles angefangen hat. Auf seinem Balkon in der Eichenstraße. Und sein Publikum ist auch dieses Mal wieder mitgewandert und schmettert inzwischen ziemlich textsicher mit.

Und auch die Nachbarschaft ist inzwischen auf die Konzertzeiten eingetaktet. Während Merinero oben „El Condor Pasa“ spielt, tanzt eine Mutter mit ihren zwei Kindern auf dem Balkon im Nebenhaus, eine Frau auf dem Nebenbalkon schunkelt versunken mit. Andere aber – das gehört auch dazu – verschließen dann die Fenster. „Ich weiß, dass es nicht allen gefällt“, sagt Merinero. „Aber ich glaube, zwei Stunden pro Woche sind vertretbar.“ Und so macht er erstmal weiter. Zwei Abende pro Woche, immer fünf bis sechs Lieder. Genau mitgezählt hat Merinero nicht, aber er schätzt, dass er bis heute etwa 150 Konzerte seit der Premiere im März gegeben hat.

Aber wie soll es weitergehen? Gibt es eine „Exit-Strategie“? Was, wenn Corona irgendwann vorbei ist und die Leute auch wieder auf „normale“ Konzerte gehen können? Merinero zuckt nur mit den Schultern und sagt: „Solange es den Menschen gefällt, werde ich weitermachen.“

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