Tierpark Hagenbeck

Eisbärbaby erhofft – doch Victoria lässt den Neuen abblitzen

Mit Neuankömmling Kap soll die Eisbärin für Nachwuchs sorgen. Noch hat es nicht gefunkt. Warum es dennoch Hoffnung gibt.

Hamburg. Pünktlich um 9 Uhr betritt Eisbärin Victoria ihre Bühne: die Felsen im Eismeer-Gehege von Hagenbeck. Schnuppernd reckt sie die Schnauze in die Luft. Mehrere Blöcke aus gefrorenen Fisch sind auf dem Gelände verteilt. Sie sucht sich einen aus und fängt an zu fressen.

Zahlreiche Kameraobjektive sind auf die Eisbärin gerichtet, die 2002 in dem Tierpark zur Welt kam. Gleich wird sie zum ersten Mal öffentlich auf Kap treffen. Das in Moskau geborene Eisbär-Männchen ist zwei Jahre älter als Victoria und wurde vom Zoologischen Stadtgarten Karlsruhe ausgeliehen. Ebenso wie Victoria, die bislang kinderlos geblieben ist, besitzt auch Kap sehr gute Gene.

Eisbären in Hagenbeck sollen für Nachwuchs sorgen

Im Rahmen des Europäischen Erhaltungszucht-Programms, an dem sich der Tierpark Hagenbeck beteiligt, sollen die beiden für Nachwuchs sorgen. So können sie zum Erhalt ihrer gefährdeten Art beitragen.

Nach Schätzungen der Internationalen Gesellschaft für die Bewahrung der Natur (IUCN) gibt es weltweit nur noch 25.000 Eisbären. Durch die Erderwärmung schwindet deren Lebensraum unaufhörlich: Schon in 20 bis 30 Jahren könnte der Nordpol eisfrei sein.

Ein Corona-Tag im Leben eines Pflegers bei Hagenbeck

Tierpark Hagenbeck: Ein Corona-Tag im Leben eines Pflegers
Tierpark Hagenbeck: Ein Corona-Tag im Leben eines Pflegers

Nun kommt auch Kap nach draußen: groß und stattlich, ein Prachtkerl. Doch Victoria bleibt unbeeindruckt. Als Kap sich ihr nähert, knurrt sie ihn weg. Er gibt nach und angelt sich vorsichtig eine Eisbombe, die nur zwei Meter von der Bärin entfernt liegt. Mit langem Hals und vorgestrecktem Kopf versucht er dabei, möglichst Abstand von der ungnädigen Eisbärin zu halten.

Um sie auch wirklich nicht zu stören – oder um in Ruhe fressen zu können – schmeißt er den gefrorenen Fisch ins Wasser, springt hinterher und schiebt sein Mahl vor sich her in eine entlegene Felsspalte.

Paarungszeit bei Eisbären dauert von März bis Mai

„Eisbären sind Einzelgänger“, sagt Dirk Stutzki, der als Revierpfleger für das Eismeer zuständig ist. „Eigentlich verbringen sie nur die Paarungszeit zusammen, die von März bis Mai dauert.“ In der Arktis, ihrer ursprünglichen Heimat, hätten Eisbären genügend Raum, sich in der restlichen Zeit aus dem Weg zu gehen. Hier im Eisbären-Gehege ist das nicht so leicht. Und schaut man sich Kap an, will der das auch gar nicht.

Nachdem er seinen Fisch gefressen hat, schwimmt er wieder nach vorne – und in Victorias Blickfeld, sollte sie zufällig einmal den Kopf nach ihm drehen. Dafür tut er alles. Er planscht auf dem Rücken, taucht unter und schnellt wieder empor, schwimmt hin und her – den Blick immer auf Victoria gerichtet. Aber sie würdigt ihn keines Blickes.

Eisbärin Victoria ist hanseatisch kühl

„Victoria ist halt hanseatisch kühl“, sagt Stutzki. Und wer weiß: Vielleicht vermisst sie ja auch ihren „alten“ Mann Blizzard. Seit 2012 hatte sie mit dem in Italien geborenen Eisbären zusammengelebt. Doch Nachwuchs blieb aus, denn Blizzard ist zeugungsunfähig.

Und weil Victoria bereits fast 17 Jahre alt ist und damit etwa die Hälfte ihrer Lebenszeit hinter sich hat, hofft man, dass sie und Kap, der gegen Blizzard getauscht wurde, nun Kinder kriegen. Für die Zucht wäre das wichtig.

Wissenswertes zum Tierpark Hagenbeck:

  • Hagenbecks Tierpark wurde im Mai 1907 eröffnet
  • Er liegt im Hamburger Stadtteil Stellingen und umfasst eine Fläche von 19 Hektar
  • Im Tierpark gibt es mehr als 1850 Tiere aller Kontinente, darunter eine der größten Elefantenherden Europas
  • Alle Bereiche im Tropen-Aquarium und der Rundweg im Tierpark Hagenbeck sind behindertengerecht
  • Die Mitnahme von Hunden ist nicht erlaubt

Kap und Victoria passen vom Erbgut her gut zusammen

„Es geht darum, die Vielfalt zu erhalten“, erklärt Hagenbeck-Tierärztin Dr. Adriane Prahl. „Es soll nicht sein, dass nur wenige Eisbären viele Babys kriegen. Kap und Victoria stehen im genetischen Ranking ganz oben und passen von ihrem Erbgut her gut zusammen.“

Er hätte sich gewünscht, dass Kap schon im Februar eingetroffen wäre, sagt Stutzki, dann wären sich die beiden Eisbären gleich in der Paarungszeit näher gekommen. Zwischen März und Mai wären auch „Zicken“ wie Victoria verschmust und dem Partner wohlgesonnen.

„Dann zeigen sie ein wirklich niedliches Verhalten.“ Er sei sicher, dass sich auch Victoria spätestens im nächsten Frühjahr verändere. Und auch Kap dann mehr Sicherheit gewinne und sich der Eisbärin gegenüber behaupte.

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Sie beißen sich zaghaft – ist das ein guter Anfang?

Die ganze Zeit über hat Victoria Kap demonstrativ ihr Hinterteil zugewendet und ihren Platz nicht verlassen. Jetzt ist sie satt und trottet davon. Sofort klettert Kap aus dem Wasser. Tropfend und langsam nähert er sich der Stelle, wo die Eisbärin eben noch stand. Mit vorgestreckter Nase scheint er ihren Geruch förmlich in sich aufzusaugen. Genussvoll vertilgt er die Fischreste, die sie übrig gelassen hat.

Das passt Victoria offenbar nicht, denn sie kommt zurück. Kap verharrt regungslos, als sie sich nähert. Dann stehen sie einander das erste Mal an diesem Vormittag gegenüber. Stutzki hat zwischendurch erzählt, dass sich Eisbären in der Paarungszeit liebevoll beißen.

Auch Kap und Victoria schnappen nun nacheinander. Richtig böse sieht es aber nicht aus. Eher zaghaft. Nach ein, zwei Minuten wendet sich Victoria wieder ab. Vielleicht war das ja ein guter Anfang. Dann könnte im Dezember 2021 bei Hagenbeck ein Eisbärbaby zur Welt kommen.