Hamburg

Der ETV streitet um sein neues Sportzentrum

So soll das neue Sportzentrum des Eimsbütteler Turnverbandes am Lokstedter Steindamm aussehen.

So soll das neue Sportzentrum des Eimsbütteler Turnverbandes am Lokstedter Steindamm aussehen.

Foto: ETV Hamburg

Tennisabteilung wehrt sich gegen Millionenpläne des Vereinsvorstands für einen Neubau, dem auch viel Grün zum Opfer fallen soll.

Hamburg. Im Sommer sollen am Lokstedter Steindamm die Bagger anrollen, wenn nach drei Jahren Planung die Bauarbeiten für das neue Sportzentrum des Eimsbütteler Turnverbandes (ETV) beginnen. 18,7 Millionen Euro kostet die neue Visitenkarte des ETV, drei Millionen Euro gibt die Stadt dazu, 400.000 Euro die Bezirke Eimsbüttel und Nord. Kein Hamburger Breitensportverein investiert aktuell mehr in seine Zukunft.

„Wenn wir im Wettbewerb mit anderen Clubs und vor allem mit den kommerziellen Einrichtungen bestehen wollen, müssen wir neue Möglichkeiten schaffen. Wir stoßen sonst an die Grenzen unserer räumlichen Kapazitäten“, sagt der Vorsitzende Frank Fechner. Mit mehr als 15.000 Mitgliedern ist der ETV hinter den Fußballclubs HSV (82.000) und FC St. Pauli (28.000) sowie Sportspaß (67.000) Hamburgs größter Sportverein.

Kritik am Expansionsdrang des ETV in den eigenen Reihen

Doch nicht alle im Club stehen noch bedingungslos hinter diesem Expansionsdrang. In der Tennis- und Hockeyabteilung (1100 Mitglieder), auf hauptsächlich deren Gelände das neue Sportzentrum samt Fitnessstudio, Kindertagesstätte, Büroräumen, Gastronomie und Tiefgarage entstehen soll, regt sich seit geraumer Zeit Widerstand.

„Prinzipiell stehen wir diesem Vorhaben positiv gegenüber. Aber eine Nummer kleiner hätte auch gereicht. Jetzt drohen Tennis- und Hockeyspieler zu den Verlierern dieses Prestigeprojekts zu werden“, klagt Stefan Melchior, Vorstandsmitglied der Abteilung. Kommt 2020 das neue Sportzentrum, verlieren die Tennisspieler etwa 2000 Quadratmeter ihrer bisherigen Bestandsfläche von 12.225 Quadratmetern.

Tennis-Clubhausdes ETV steht vor Abriss

Seit 94 Jahren wird am Lokstedter Steindamm Tennis gespielt, die innerstädtische ETV-Anlage gilt als eine der schönsten Hamburgs mit hoher Aufenthaltsqualität. Das Clubhaus, das nun abgerissen werden soll, lud mit seiner großzügigen Terrasse zum Verweilen ein. Bei der beabsichtigten Umgestaltung und Neuordnung des Areals gehen viele Grünflächen und der Großteil des alten Baumbestandes verloren. Die Sportflächen mit technischen Belägen rücken aneinander.

Als Kompensation habe der ETV-Vorstand Flutlicht auf allen zwölf Plätzen versprochen, dazu den Bau einer Traglufthalle über drei Courts für den Spielbetrieb in der kalten Jahreszeit in Aussicht gestellt, sagt Melchior. Das sei jetzt der Kristallisationspunkt des Konflikts. Das Flutlicht kommt, die Traglufthalle vorerst nicht. „Die Traglufthalle war nie Teil der Planung und unserer Kalkulation“, sagt ETV-Chef Fechner. „Das Angebot des Vorstands war, die bautechnischen Voraussetzungen zu schaffen, sodass die Traglufthalle relativ kostengünstig aufgebaut werden kann, wenn die Finanzierung dafür steht.“

"Wir müssen jetzt um jede Kleinigkeit kämpfen"

Fechner fordert, dass die Abteilung die erforderlichen 250.000 Euro aus eigenen Mitteln bestreitet. Die erwirtschafteten Liquiditätsreserven der Tennis- und Hockeyspieler von rund 300.000 Euro flossen aber in den Gesamtetat des ETV. Das Geld fehlt jetzt für den Bau der Traglufthalle. „Die Tennisabteilung ist die einzige im Verein, die über eigene ,Investitionsrücklagen’ verfügt. Dass diese Gelder Teil des Gesamtetats sind, war schon immer so und ist betriebswirtschaftlich begründet“, sagt Fechner.

Bis zu der im Sommer 2018 von der Stadt erteilten Baugenehmigung für das Sportzentrum sei die Abteilung im konstruktiven Dialog mit dem Vorstand gewesen, sagt Melchior. „Danach begann der Stress. Plötzlich wurden Zusagen nicht mehr eingehalten oder behauptet, dass sie nie gemacht worden sein. Wir müssen jetzt um jede Kleinigkeit kämpfen.“ Fechner bestreitet das.

Widerstand gegen die "Betonmöblierung der städtischen Landschaft"

Melchior ist kein Rebell. Er sieht die Notwendigkeiten und Chancen für den Verein, ist auch bereit Zugeständnisse zu machen. Was aber derzeit beim ETV im Kleinen geschehe, stehe für die Probleme der sogenannten Nachverdichtung in der gesamten Stadt: Beton statt Bäume, auch am Lokstedter Steindamm werden die für den Neubau gefällten Altbäume nicht komplett von Neupflanzungen, sondern zum Teil mit Geldzahlungen ausgeglichen.

Melchior, promovierter Bodenkundler und als beratender Ingenieur tätig, nennt das die „Betonmöblierung der städtischen Landschaft“ und mahnt, mit dem Kahlschlag von Grünflächen nicht noch mehr Lebensqualität zu opfern. Im konkreten Fall erinnert er sich an Sätze des ehemaligen Hamburger Oberbaudirektors Prof. Jörn Walter bei einer Veranstaltung des ETV. „Was wir in Hamburg nicht brauchen, sind noch mehr Fitnesscenter auf Freiflächen – dafür gibt es genügend Leerstand in Gewerbeimmobilien“, sagte Walter.

Städtebauliche Verdichtung im Sportverein

„Wir bestreiten nicht, dass durch dieses Projekt Sportflächen verdichtet werden. Letztlich geht es um eine bessere Nutzung und Optimierung des vorhandenen Raumes in einem wachsenden Quartier mit gesteigerter Nachfrage nach Bewegungs- und Sportmöglichkeiten“, sagt Fechner. „Angesichts der Verdichtung in der Stadt führen wir im Sportverein dieselben Diskussionen, die auch bei anderen Verdichtungsprojekten geführt werden. Wir müssen das Wachstum der Stadt positiv gestalten. Dafür halten wir die vorliegende Planung für sehr geeignet.“

„Die Zukunft in Lokstedt“, wie der ETV seine Pläne in der Vereinszeitung bewirbt, sehe jedoch anders aus, als es die Hochglanzanmutungen in der Broschüre vermuten lassen, sagt Melchior. Von einem Parkcharakter mit hoher Aufenthaltsqualität und Campus-Flair ist dort die Rede. „In Wirklichkeit wird die Anlage hoch verdichtet und viel Bestandsgrün vernichtet“, sagt Melchior. Themen wie Lärmschutz, zusätzliches Verkehrsaufkommen auf der viel befahrenen Ausfallstraße Lokstedter Steindamm und die Parkplatzsituation seien nicht befriedigend geklärt.

Bisher stünden 2300 Mitgliedern der Sparten Fußball, Tennis und Hockey 66 Stellplätze auf der Anlage zur Verfügung, künftig aber nur zehn mehr, obwohl das Fitnessstudio 1500 neue Mitglieder erwartet und in der Kita täglich 120 Kinder betreut werden sollen. „Wir bauen ein Sportzentrum und kein Parkhaus. Es werden so viele Stellplätze in einer Tiefgarage geschaffen wie baurechtlich gefordert“, sagt Fechner.

Der Tennis-Vorstand bleibt bei seinen Vorschlägen

Melchior bleibt aber bei seinem Vorschlag: Die Kita auf 60 bis 80 Kinder, den Grundriss des neuen Gebäudes auf die Fläche des jetzigen Parkplatzes verkleinern, mehr Naturrasen statt Kunstrasen, dann wäre die Aufenthaltsqualität auf dem Gelände „weiterhin sehr hoch“.

Große Hoffnungen, dass grundlegende Änderungen der Gebäudegröße oder Flächenaufteilungen im Außenbereich noch möglich wären, hegt Melchior nicht. Aktuelle Entwicklungen deuten aber zumindest an, dass viele Details noch positiv gestaltet werden können. „Die Bauplanung ist noch nicht abgeschlossen“, sagt er. Noch sei im wahrsten Sinne nicht schon alles in Stein gemeißelt.