Barclaycard Arena

Bob Dylan tritt in Hamburg auf – und singt Sinatra

US-Sänger Bob Dylan trat am Dienstagabend in der Barclaycard Arena in Hamburg auf (Archivbild)

US-Sänger Bob Dylan trat am Dienstagabend in der Barclaycard Arena in Hamburg auf (Archivbild)

Foto: picture alliance / dpa

Beim Konzert in der Barclaycard Arena wagte sich der Altmeister an die Klassiker, die eigenen und die fremden.

Hamburg. Als Gesamtkunstwerk mit höchster Preisveredelung ist Bob Dylan mittlerweile ohnehin unantastbar. Es würde also niemand ernsthaft auf die Idee kommen, dem Meister ans Bein zu pinkeln, nur weil er sich wider besseres Wissen als Crooner versucht. Seit einigen Jahren ist Dylan ja jetzt als Americana-Historiker unterwegs. Auch auf seinem aktuellen Album „Triplicate“ covert Dylan mehr rechtschaffen als genialisch die Klassiker aus dem Songbook der amerikanischen Populärmusik.

Beim Konzert in der Barclaycard Arena wird schlagartig deutlich, warum dieser Griff in die fremde Retrokiste eine beinah anrührende Angelegenheit ist: Wenn Dylan auf spärlich beleuchteter Bühne Sinatra singt, wenn Dylan mit Sinatra kämpft, dann erweist der Größte einem anderen Größten die Ehre, indem er etwas tut, was er ganz eindeutig einfach nicht kann. Populäre Musik war schon immer viel mehr als Könnerschaft und Exzellenz. Der Swing-Dylan auf der Bühne hat den Dylan-Swing, auch wenn bei den Coversongs die Stimmgewalt eines Sinatras als abwesende Grandezza immer, nun ja, mitschwingt.

Dylan streut die Stücke der anderen immer mal wieder ein, sie runden diesen Abend vor nahezu ausverkaufter Halle auf gewisse Weise ab – Nostalgie ist immer ein Faktor, wenn ein 75-Jähriger auf der Bühne steht bzw. sitzt (am Piano). Wobei der zwischen den Songs gänzlich schweigsame Dylan als unablässig tourender Fahrensmann ein immer schon abgeklärter Bühnenkünstler gewesen ist. Kunst ist auch Handwerk.

„Things Have Changed“ zur Eröffnung

Die Fans applaudieren freundlich bis enthusiastisch, und sie bekommen manch ganz Altes zu hören („Highway 61 Revisited“, „Desolation Row“, „Tangled Up In Blue“), auch viele Songs aus dem Spätwerk („Love sick“, „Pay In Blood“). Eröffnet wird das Konzert übrigens mit dem Oscar-prämierten Stück „Things Have Changed“ – sein Leben nach der Literatur-Nobilitierung wird er damit kaum meinen.

Nach welchen Kriterien wählt ein Song-Gigant wie Dylan eigentlich seine Setlist aus? Eine gewisse Launenhaftigkeit könnte er sich angesichts der schieren Menge des Materials immer erlauben – und weil er Bob Dylan ist, der Unnahbare, verzeiht ihm das Publikum auch stets, wenn er nicht die Hits spielt.

Publikum frisst Dylan aus der Hand

Apropos Publikum: Dylan hat auf seiner Never Ending Tour zuletzt auch in Hamburg mal vor kleineren Auditorien gespielt, diesmal sind es mit 7000 (bei kompletter Bestuhlung) mehr als sonst – Nobelpreise machen die Leute munter. Der Fan-Adel ist natürlich da, der männlich ist und oft beinah so gut gereift wie His Bobness selbst. Der Dylanfan nimmt auch seine Frau gerne mal mit. Im optimalen Fall hat Opa (gerne im Grateful-Dead-Shirt) aber auch seinen Sohn oder Enkel dabei, weil Dylans Musik in Wirklichkeit natürlich alterslos ist.

Aber von Musikern dargereicht wird, denen das Alter durchaus anzusehen ist: Dylans Begleitband ist eine hochprofessionelle Vereinigung mittelalter Männer, die Bewegungsarmut mit absoluter Lässigkeit paart. Wenn einem die Vokabel „gut abgehangen“ in den Sinn kommt, täuscht das nicht darüber hinweg, dass eine Legende wie Dylan trotzdem immer noch eine Ereignishaftigkeit an den Tag legt, wie sie selten ist. Das Programm wird wie aus einem Guss bewältigt, der Meister am Ende zufrieden sein – die Leute fressen ihm längst aus der Hand. Sie lassen fast alle sogar das Fotografieren sein, was sich Dylan grundsätzlich ausbedingt.