Tierpark Hagenbeck

Kalle & Grobi sind schwul – und das ist gut so

| Lesedauer: 5 Minuten
Nico Binde
Es muss Liebe sein:
Die Zuneigung
von Kalle und Grobi
hat auch den
Umzug der Pinguine
von Berlin nach
Hamburg
überdauert

Es muss Liebe sein: Die Zuneigung von Kalle und Grobi hat auch den Umzug der Pinguine von Berlin nach Hamburg überdauert

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Zwei Königspinguine bei Hagenbeck machen wenig Hoffnung auf Zuchterfolg, haben im Gruppengefüge aber andere Qualitäten.

Stellingen.  Zunächst haben Stan und Olli neue Namen bekommen, sie heißen jetzt Kalle und Grobi. Dann mussten sie sachgerecht eingewöhnt werden. Und am Ende blieb auch noch Zeit, ihre sexuelle Orientierung unter die Lupe zu nehmen, nur zur Sicherheit. Dabei ist beim Alten geblieben: Die beiden Königspinguine hängen immer noch zusammen ab, genau genommen hängen sie nur zusammen ab. Das heißt: Sie legen immer mal wieder synchron ihre Köpfe in den fleischigen Nacken, um sie ebenso synchron wieder nach vorn zu werfen. Balzrituale, eindeutig – es ist also immer noch Liebe. Und das ist doch erfreulich, nachdem kurzzeitig an der innigen Männerbeziehung von Kalle und Grobi gezweifelt wurde.

Schwul oder nicht schwul? Das war die Frage, nachdem die Pinguin-Männchen vor zwei Monaten aus dem Berliner Zoo nach Hamburg gekommen waren. Zumal die nicht mehr ganz taufrischen Protagonisten – Kalle ist 28 Jahre alt, Grobi 18 – mit klarer Präferenz empfohlen wurden. „Die sind schwul, soweit wir wissen“, sagte seinerzeit Berlins Zoo-Sprecherin Christiane Reiss. „Schwer zu sagen“, schätzte dagegen Hagenbeck-Tierärztin Adriane Prahl nach der ersten Inaugenscheinnahme.

Einer, der den beiden Vögeln seither annähernd täglich auf die Flossen gewordenen Flügel schaut, ist Tierpfleger Sebastian Behrens, 30 Jahre alt und ein Freund „von allem, was Federn hat“. Inzwischen hätten sich die beiden Pinguinmänner ordnungsgemäß eingelebt, stünden morgens um 6 Uhr auf, gingen abends gegen 19 Uhr zusammen schlafen und verbringen den Rest der Zeit eigentlich auch gemeinsam oder damit, potenzielle Nebenbuhler „wegzubeißen“. Ihr Kontakt sei jedenfalls so eng, dass sich kein anderer Königspinguin zwischen sie drängen könnte. „Die sind schwul. Kein Zweifel“, sagt Behrens. Wobei man hinzuwowereiten könnte: Und das ist gut so.

Bei mehr als 1500 Tierarten ist gleichgeschlechtliche Liebe mittlerweile nachgewiesen. Orcas, Zwergschimpansen und Grauwale neigen ebenso dazu wie Kakadus, bei denen die Schwulen-Quote bei 40 Prozent liegen soll. Das Naturhistorische Museum in Oslo hatte dem Phänomen vor einigen Jahren eine viel beachtete Ausstellung gewidmet. Dass sich Tiere nur zu Zwecken der Fortpflanzung annäherten, sei dabei eine überholte Vorstellung. Ohne es genau zu wissen, gehen Forscher davon aus, dass die pure Freude am Sex auch bei Tieren verbreitet sei.

Kalle und Grobi sind ein willkommener Ruhepol

Bei Hagenbeck sei das homosexuelle Paar sogar ein Glücksfall für die tierparkeigene Männer-Gruppe der Königspinguine. Neun Junggesellen teilen sich inzwischen mit 25 Eselspinguinen den Felsen im Eismeer. „Und wenn sich innerhalb dieser Bachelors bereits ein Paar gefunden hat, machen diese beiden schon mal keinen Ärger mehr, wenn das erste Weibchen dazustößt“, erklärt Tierpfleger Behrens. Dann könne es nämlich sehr schnell sehr rau werden unter den liebestollen Scharfschnäblern. Insofern seien Kalle und Grobi ein willkommener Ruhepol für die angestrebte Zucht der weltweit zweitgrößten Pinguinart. „Die Vermehrung ist relativ anspruchsvoll bei Königspinguinen“, sagt Behrens. Denn es kommen keine Höhlen oder Nester zum Einsatz. Stattdessen fallen den Eltern vor dem 14 Monate dauernden Brutzyklus die Beinfedern aus, damit sich Ei und Jungtier in einer Hautfalte entwickeln.

Dass es bisher nur für einen Herrenklub bei Hagenbeck gereicht hat, ist unterdessen dem Männerüberschuss im Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) geschuldet. Da sich der Hamburger Tierpark erst seit der Fertigstellung des neuen Eismeeres im Jahr 2012 daran beteiligt, hatte er zunächst zugesagt, eine männliche Königspinguingruppe aufzubauen. Die überzähligen Tiere anderer Zoos landen seither bei Hagenbeck. Maßgeblich dafür ist der Koordinator des Programms im schottischen Edinburgh: Er legt fest, welcher Pinguin wann wohin wechselt. „Wir würden gern züchten und hoffen, dass uns bald weibliche Königspinguine zugeteilt werden“, sagt Sebastian Behrens. Neben Berlin und Hamburg halten auch Zoos in Basel, München, Wien, Wuppertal oder Zürich die Tiere. Zwei Millionen Exemplare gibt es in freier Wildbahn rund um die Antarktis, in Brutkolonien, die bis zu 300.000 Vögel zählen.

Die äußeren Bedingungen für die Zucht im Eismeer würden stimmen, sagt Behrens. Im lichtarmen Kühlschrank des Tierparks wird es nie wärmer als sieben Grad – ganz so, wie es die exzellenten Taucher (bis zu 300 Meter tief) mögen. Ein eigenes Brutséparée stünde zur Verfügung, wurde allerdings schon von den Eselspinguinen verschmäht. Und sogar der jahreszeitliche Rhythmus kann simuliert werden – wobei die Pinguine als Bewohner der Südhalbkugel inzwischen auf den nördlichen Zyklus umgestellt wurden.

Kalle und Grobi, sagt Tierpfleger Behrens, hätten indes mehr mit sich zu tun, seien sich oft nicht einig, „wer die Frau sein soll“. Dafür befänden sie sich in bester Gesellschaft. Nebenan, bei den Humboldt-Pinguinen, habe sich zwar ein homosexuelles Paar gerade getrennt (so viel zu monogamen Pinguinen), aber auf dem Felsen im Innern des Eismeeres gebe es noch zwei lesbische Eselspinguine. Wenig zielführend bei der Zucht, aber gut für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

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