Hamburg

Wo in Eimsbüttel Büro und Kita fusionieren

Mutter Leyla Oehlrich sitzt mit ihrem Sohn Jonas an ihrem Arbeitsplatz im Büro von Rockzipfel in Hamburg. In der Mischung aus Büro und Kita können Eltern dort arbeiten, wo ihre Kinder betreut werden

Mutter Leyla Oehlrich sitzt mit ihrem Sohn Jonas an ihrem Arbeitsplatz im Büro von Rockzipfel in Hamburg. In der Mischung aus Büro und Kita können Eltern dort arbeiten, wo ihre Kinder betreut werden

Foto: rm / Hamburger Abendblatt

Bei Rockzipfel können Mütter und Väter einen Arbeitsplatz mieten und gleichzeitig ihr Kind betreuen lassen. Und zwar unter einem Dach.

Eimsbüttel.  Vielleicht sollte man mit dieser Wortmeldung anfangen: „Das ist die Erfüllung aller Mutterträume! Guck mal, ich sitze hier und arbeite, ab und an kommt Jonas vorbei, trinkt was und zischt wieder ab. Ich meine, ich kann hier in Ruhe an meiner Promotion schreiben und weiß gleichzeitig, dass es meinem Kind gut geht, weil es nebenan spielt – und ganz ehrlich: Jonas hat hier noch nicht einmal geweint. Besser geht’s nicht. Bei aller Liebe fürs Kind kann man doch auch was für die Karriere machen, oder? Und hier kriege ich das gut geregelt – und Jonas begreift, wann ich für ihn und wann für die Arbeit da bin.“

Leyla Oehlrich, 36, muss man das Lob nicht aus der Nase ziehen. Die Doktorandin, die über Inklusion promoviert, ist von Rockzipfel restlos überzeugt. Denn Rockzipfel, das ist nicht nur ein Verein in einem schmucklosen Zweckbau am Eimsbütteler Marktplatz. Es ist auch die erste kindgerechte Bürogemeinschaft der Stadt. Co-Working mit Kind, eine Art Büro-Kita, in der sich Eltern einen Arbeitsplatz mieten und ihr Kind mitbringen können. Weniger einsam als arbeiten zu Hause, flexibler als der Firmenschreibtisch. Und ein Netzwerk könne man nebenbei auch aufbauen. Denn zwölf Frauen und zwei Männer teilen sich inzwischen regelmäßig die Arbeitsplätze – Journalisten, Grafiker, Übersetzer beispielsweise.

Es gibt stundengenaue, flexible Angebote

Das Konzept von Rockzipfel kommt aus Leipzig, wo der idealistische Leit­gedanke einer Elterninitiative lautete: „Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen“. Da aber zeitgenössische Eltern trotz technischen Fortschritts den Arbeitstag oft getrennt von ihren Kindern verbringen, wollten die Rockzipfeler dieses Dorfprinzip ins Büro holen, das sich alle teilen. Die einen arbeitend, die anderen spielend.

In Hamburg erweitert eine Tagesmutter das Konzept. Ein Halbtagsplatz für eine Fünftagewoche mit Kind ohne Tagesmutter und Kita-Gutschein kostet 180 Euro. Mit Kita-Gutschein ist der Vollzeitschreibtisch und die Betreuung durch eine Tagesmutter für 175 Euro monatlich zu haben. Daneben gibt es stundengenaue, flexible Tarife.

Arbeitsplatz und Kinderbetreuung im Großraum

„Wir wollen hier Eltern einen dritten Weg neben Kinderabgeben und Raus-aus-dem-Job bieten“, sagt Rockzipfel-Chefin Linda Heydrich-Liu. Kind oder Arbeit scheint hier nicht die Frage zu sein. Der saalartige Großraum gibt beides her: die nüchternen Arbeitsplätze im Kontrast zur grün-gelben Kinderarena. Beide Bereiche sind nur durch ein Sofa getrennt, wer gerade nicht arbeitet, hütet die Kinder oder schaut der eigens engagierten Tagesmutter über die Schulter. Separate Büros, ein Spielzimmer, Betten und eine Küche mit großem Esstisch für die Mittagspausen komplettieren die 380 Quadratmeter großen Räumlichkeiten.

An einem der Arbeitsplätze sitzt die Journalistin und Texterin Annett Habermann, 38. Mit dem Rockzipfel-Konzept bot sich für sie der Schritt in die Selbstständigkeit, und damit die Chance, länger mit ihrem Sohn Fiete zusammenzubleiben. Während sie am Laptop sitzt, bearbeitet ihr 18 Monate alter Sohn in Sichtweite das hauseigene Gummihüpftier. Seit 9 Uhr ist das Mutter-Kind-Duo da. „Produktiver als zu Hause“ sei Habermann hier, auf die Dienste einer Kita will sie noch nicht zurückgreifen. „Ich kann Fiete stillen, ihn zum Schlafen hinlegen, mit ihm essen. Und ich muss nur kurz aufschauen, um zu sehen, ob es ihm gut geht.“

Rockzipfel erhöht die Wahlmöglichkeit

Auch die Gemeinschaft mit anderen Schreibtischmietern sei wichtig, der berufliche und private Austausch vielen ein Bedürfnis. Und wenn sich alle um alles kümmern, ist ja an alle und alles gedacht. Die Journalistin vergleiche die Stunden bei Rockzipfel durchaus mit dem Gemeinschaftssinn eines Dorfes. Dann kommt Fiete, will auf den Schoß und darf auch mal auf den Bildschirm gucken. Am Rockzipfel hängen geht zwischendurch immer.

Hamburgs erste kindertaugliche Bürogemeinschaft ist für einige wahrscheinlich ein Spiegel moderner Zerrissenheit, für andere ist es die notwendige Antwort auf einen selbstbestimmten Alltag. Irgendwann stehen ja alle berufstätigen Eltern vor der Frage, ob und wann sie ihre Kinder in eine Betreuung geben wollen. Rockzipfel erhöht mindestens die Wahlmöglichkeit. Und in Zeiten, in denen etwa 70 Prozent aller Mütter schon bald nach der Geburt wieder arbeiten gehen, sind vielleicht mehr Innovationen gefragt als nur firmeneigene Eltern-Kind-Arbeitsplätze. Einige Unternehmen richten zwar solche Büros ein, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu unterstützen. Für die Masse langt das aber nicht.

Eine zweite Tagesmutter soll dazukommen

„Ich wollte für ein paar Stunden einfach mal was anderes sehen als meine Wohnung“, sagt Grafikerin Katharina Schätzle. „Arbeiten gehen, ohne dabei auf Rahel zu verzichten.“ Rahel heißt ihre ein Jahr alte Tochter, die gerade ziemlich vergnügt in der Spiellandschaft versinkt. Mutter Katharina bastelt unterdessen am Design für eine Ausstellungspräsentation. „Im Moment ist es genau richtig so“, sagt Katharina Schätzle. Für die Kita sei es noch zu früh, aber ein paar Stunden Arbeit sollen nicht an Qualität verlieren, weil die Konzentration durch das Kind gestört wird. Das funktioniere bei Rockzipfel recht ordentlich.

Jede dritte Mutter würde laut einer Studie sogar gern Vollzeit arbeiten, wenn sich die Kinderbetreuung besser organisieren ließe. Wobei eine Umfrage vom Verband deutscher Unternehmerinnen nahelegt, dass dies ohne Präsenzpflicht am Firmenarbeitsplatz am besten geht. 38 Prozent der befragten Frauen stimmten zumindest der Aussage zu, dass sich Unternehmertum und Elternschaft besonders gut vereinbaren lassen. Maximale Flexibilität ist das Gebot der Stunde.

Angesichts der Vielfalt der Lebensmodelle und Erziehungsentwürfe sieht sich Linda Heydrich-Liu mit ihrem Rockzipfel-Konzept auf dem richtigen Weg, gerade in einer Großstadtgesellschaft. Mütter und Väter könnten am Eimsbütteler Marktplatz nach ihrer Fasson Beruf und Familie kombinieren. Bis zu 20 Plätze wären realistisch, eine zweite Tagesmutter ist in Planung. „Gerade für die ersten drei Jahre mit Kind ist das für viele eine Alternative“, sagt Heydrich-Liu. Und die Kinder: Die wirken recht entspannt und beschäftigen sich am liebsten mit ihresgleichen. Das ist nicht anders als in jeder herkömmlichen Kita. Nur dass hier die Eltern auch noch dabei sind.

Eine kostenlose Schnupperwoche wird noch bis zum Freitag, 3. Juni, bei Rockzipfel (Eimsbütteler Marktplatz 38) angeboten. Anmeldung erwünscht unter: info@tummelum.com, Rockzipfel im Internet: http://www.rockzipfel-hamburg.de