Erinnerungskultur

Wie Hamburg die Namen seiner Straßen erklärt

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Nico Binde
Mit einem Festakt wurde im Juni 2014 die „Kohlentwiete“ in "Tasköprüstraße" umbenannt

Mit einem Festakt wurde im Juni 2014 die „Kohlentwiete“ in "Tasköprüstraße" umbenannt

Foto: Axel Heimken / dpa

Erläuterungsschilder an den Wegen der Stadt sind unscheinbar, aber informativ. Manchmal vermeiden sie sogar Verwechslungen.

Hamburg.  Als immer mehr Leute im Bezirksamt Harburg anriefen, musste etwas passieren in Eißendorf. Im Stadtteil waren die Menschen zunehmend irritiert. Sie wollten wissen, warum Thomas Gottschalk schon in einem frühen Karrierestadium ein Straßen­name gewidmet werde. Das könne ja wohl nur ein Versehen oder eine Frechheit sein, jedenfalls nicht der Ernst des Bezirks, der eine Straße Gottschalkring genannt hatte. Am Ende sahen sich die Verantwortlichen gezwungen, dem Straßenschild eine Erläuterungstafel hinzuzufügen: Gottschalkring, nach Rudolf G. (1886–1964), Vorsitzender des Zimmererverbands, der Baugenossenschaft Eigenheim und des Eisenbahnbauverbands Harburg.

Dieses Beispiel aus dem Jahr 1971 zeigt, dass Infotafeln an Straßennamen nicht nur sinnvoll und lehrreich sein können. Manchmal stiften sie auch Frieden und vermeiden Verwechslungen. Was aktuell zum Bezirk Eimsbüttel führt.

Erklärungen als „kleine Fenster in die Geschichte“

Dort wird gerade eine kleine Erläuterungsoffensive gestartet, 15 Straßennamen sollen demnächst Erklär­tafeln bekommen. Dafür eingesetzt hat sich Gabor Gottlieb, SPD-Abgeordneter in der Bezirksversammlung. „Für mich sind das kleine Fenster in die Geschichte“, sagt er. „Denn oft gibt es einen lokalen, historischen Bezug, der sich nicht sofort erschließt.“

Damit Namen und Bedeutung nicht in Vergessenheit geraten und Identifikation möglich ist, halte er eine Erinnerungskultur vor Ort für sinnvoll. Die übersichtlichen Kosten von etwa 100 Euro pro Straße seien da gut investiert. Gottlieb wünsche sich mehr dieser unscheinbaren Erläuterungen in Hamburg. Als gelungenes Beispiel diene etwa der Lokstedter Behrmannplatz, benannt nach lokalen Vögten, der Bauernfamilie Behrmann. „Hätte ich ohne Schild auch nicht gewusst“, sagt Gottlieb.

Erklärungsbedarf gibt es nicht erst seit dem Behrmannplatz oder dem Harburger „Gottschalk-Gate“. Es gibt ihn überall immer wieder. Wien hat Erläuterungsschilder für Straßennamen, Berlin hat sie, Hamburg hat sehr viele. Wie viele der 8877 städtischen Straßen, Plätze und Brücken die kleinen Hinweise auf die Namensherkunft tragen, kann das Staatsarchiv nicht sagen. Verdient hätten es mehrere: Cremon, Grimm, Steckelhörn – allein ein Gang durch die Neustadt verlangt nach Aufklärung.

30 Straßen werden jährlich neu oder umbenannt

Aber, sagt Enno Isermann, Sprecher der für Straßenbenennungen zuständigen Kulturbehörde: „Erläuterungsschilder gehören zu den wenigen Sachen in Deutschland, die weder streng geregelt, noch statistisch erfasst werden.“ Die Hoheit liege bei den sieben Bezirksämtern.

Doch nicht jeder skurril benannte Weg – und davon hat Hamburg einige, man denke nur an Durchschnitt, ABC- oder Milchstraße – kommt für eine Erklärung infrage. Im Fokus steht jenes Drittel aller Straßen, die nach Personen benannt wurden. „Hier bieten sich Erläuterungsschilder besonders an“, sagt Jörg-Olaf Thießen vom Staatsarchiv. Etwa 30 Straßen müssen jährlich neu oder umbenannt werden.

Sobald Namen von Widerstandskämpfern, Opfern oder Verfolgten im nationalsozialistischen Regime gewählt werden, sei eine Würdigung mit Infotafeln obligatorisch. Die Bahrenfelder Tasköprüstraße, 2014 nach dem Hamburger NSU-Opfer Süleyman Tasköprü benannt, ist für diesen Usus ein zeitgenössisches Beispiel, ebenso wie der 1997 benannte Agnes-Gierck-Weg in Langenhorn.

Auch kritische Einordnung der Personen möglich


„Den Jungfernstieg oder die Mönckebergstraße muss man dagegen nicht mehr erklären“, sagt Thießen. Andererseits hat auch die populäre Willy-Brandt-Straße eine Infotafel. Im Grundsatz soll eben ersichtlich werden, was die Stadt bewogen hat, Straßen­namen zu vergeben. Im Übrigen sei ein Großteil der Hamburger Straßen selbsterklärend – sie sind schlicht richtungsweisend, nehmen also Bezug auf geografische Gegebenheiten.

Bei Ergänzungstafeln wiederum geben Finanzlage und nötiger Erläuterungsbedarf den Ausschlag. „Vorschriften hierzu gibt es nicht“, sagt exemplarisch Lena Voß, Sprecherin des Bezirksamts Wandsbek. „Zusatzschilder werden auf Anregung der Bezirksversammlung angebracht.“ Textlich orientiere man sich am Amtlichen Anzeiger. So kommt es, dass die Eimsbüttler Unnastraße, Sitz der Beiersdorf AG und benannt nach Hautarzt Paul Gerson Unna, wohl eine der längsten Erklärungen Hamburgs besitzt.

Zuletzt, weiß Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung, wurden die Erläuterungsschilder auch dafür genutzt, die Kolonialgeschichte Hamburgs nachträglich kritisch einzuordnen, wie am Dominikweg (Hans Dominik) in Wandsbek. Zudem hätten viele nicht minder verdienstvolle Frauen nachträglich Eingang in die Erläuterung der nach ihren Männern benannten Straßen gefunden. Nebenbei seien Frauen aber unterrepräsentiert – nur 360 Straßen tragen weibliche Namen.

Buchtipps: „Die Hamburger Straßennamen“ von Horst Beckershaus und „Wer steckt dahinter?“ von Rita Bake

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