Stoß vor U-Bahn

Mutter soll kurz vor der Tat die Polizei gerufen haben

Am Bahnhof Hoheluftbrücke hat Jana L. am Sonntag ihren elf Jahre alten Sohn vor eine einfahrende U-Bahn gestoßen. Er überlebte schwer verletzt

Am Bahnhof Hoheluftbrücke hat Jana L. am Sonntag ihren elf Jahre alten Sohn vor eine einfahrende U-Bahn gestoßen. Er überlebte schwer verletzt

Foto: Michael Arning / HA

Jana L. stieß ihren elfjährigen Sohn am Hamburger Bahnhof Hoheluftbrücke vor einen Zug. Zuvor hatte es einen Polizeieinsatz gegeben.

Hamburg.  Auf den Facebook-Fotos posiert die junge Mutter im Bad und bei einer Kinopremiere, immer lächelt sie. Ihr Titelbild zeigt ein Herz, es ist ein Herz für ihren Sohn: „Max, mein Engel“, in den Sand geritzt und mit Flügeln verziert.

Bei Facebook wirkt das Leben von Jana L. solide und geordnet. In der Realität hat ein Haftrichter am Montagnachmittag angeordnet, Jana L. in der geschlossenen Psychiatrie daraufhin zu untersuchen, was sie zum Unfassbaren trieb. Die Staatsanwaltschaft wirft Jana L., 31, versuchten Totschlag in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung vor. An ihrem eigenen Sohn.

Mehrere Zeugen und Videoaufnahmen bestätigten den Verdacht, dass die Frau den elf Jahre alten Max (Name geändert) am Sonntag an der Hoheluftbrücke vor eine einfahrende Bahn der Linie U3 stieß. Das Kind wurde überrollt, die Bahn schnitt seinen Fuß ab, Lebensgefahr besteht nicht mehr. Seine Großeltern sind bei dem Jungen auf der Intensivstation, versuchen Halt zu geben. Zum Zustand des Jungen gab das UKE keine Auskunft. Ärzte könnten versuchen, ein abgetrenntes Gliedmaß wieder anzunähen. Das sei aber nur machbar, wenn viele günstige Begleitumstände zusammenkämen, sagte der Chefarzt der Unfallchirurgie der Asklepios-Klinik Nord, Marc Schult. Möglicherweise sei es sinnvoller, mit einer Prothese zu helfen.

Mutter zog aus Brake nach Hamburg

Max L. hat bis zum Unglück überwiegend bei seinen Großeltern in Brake gelebt, einer Stadt zwischen Bremen und Bremerhaven. Matthias Sturm, Sprecher des zuständigen Landkreises Wesermarsch, bestätigt, dass Jana L. früher ebenfalls in der Kreisstadt mit 15.000 Einwohnern gemeldet war. Doch sie gab die Erziehung ab und zog nach Hamburg-Rotherbaum. Warum, kann Sturm nicht sagen. Nach Abendblatt-Informationen ist Jana L. jedoch bereits früher psychisch auffällig geworden und war eigentlich auf dem Weg, sich zu fangen. Vor etwas mehr als zwei Jahren gab Jana L. ihren Max in die sogenannte Familienpflege, die allem Anschein nach auch regelmäßig vom Jugendamt kontrolliert wurde. Zumindest seien Betreuungsgelder geflossen. Die Mutter kellnerte in einer Kneipe in Hoheluft.

Bis zum Unfall am Sonntag bestand eine offene Besuchsregelung für die Mutter. „Nach Absprache wurde der Junge mal von den Großeltern nach Hamburg gebracht, mal hat ihn die Mutter geholt“, sagt Sturm. Schwierigkeiten oder Zwischenfälle seien dem Jugendamt Brake bisher nicht bekannt geworden. Der tragische Vorfall in Hamburg habe die zuständigen Stellen an der Unterweser überrascht. Nichts deutete demnach daraufhin, dass Jana L. labil sei. Der Vater von Max ist dem Jugendamt offenbar nicht bekannt.

Am Sonntagmorgen, heißt es von Ermittlern, habe die junge Frau jedoch bereits Besuch von der Polizei in ihrer eigenen Wohnung gehabt. Sie hatte demnach den Notruf alarmiert, redete wirr, der Einsatz endete jedoch ergebnislos. Von mehreren Polizeibeamten heißt es, Jana L. habe über einen längeren Zeitraum Medikamente eingenommen und nun angegeben, sie auf eigene Faust abgesetzt zu haben.

Schuldfähigkeit soll in den nächsten Wochen geklärt werden

Die Zeugen des Unglücks sagten, dass dem Stoß der Frau gegen ihren Sohn kein Streit vorausging. Sie wurde nach der Tat in die geschlossene Psychiatrie des UKE eingeliefert. „Es wird mindestens einige Tage, eher mehrere Wochen dauern, bis die Schuldfähigkeit der Frau festgestellt ist“, sagte Nana Frombach, Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Im Falle einer Verurteilung drohen Jana L. bis zu 15 Jahre Haft.

Das Jugendamt des Kreises Wesermarsch hat einen Antrag auf den vollständigen Sorgerechtsentzug für die Mutter bei einem Familiengericht gestellt. „Wir gehen davon aus, dass darüber schnell entschieden wird“, sagt Kreissprecher Sturm. Ob der Junge dann in die Obhut des Jugendamtes kommt, bei einer neuen Pflegefamilie oder weiterhin bei seinen Großeltern leben wird, sei aber noch unklar.