Bahrenfeld

Für Hoffnung ist in der Flüchtlingsunterkunft wenig Platz

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Alexander Schuller

Ein Besuch in der Einrichtung für Zuwanderer in Bahrenfeld, wo sich bis zu vier Erwachsene zehn Quadratmeter Wohnraum teilen. Alexander Schuller hat sich an der Schnackenburgallee umgeschaut.

Bahrenfeld. Am Donnerstagnachmittag, kurz vor dem Abendessen, sind 1200 Flüchtlinge aus 19 Nationen in der Erstaufnahme-Einrichtung Schnackenburgallee registriert. „Wir vermeiden das Wort ‚Lager‘. Wir sprechen lieber von ‚Unterbringung‘ oder ‚Ersteinrichtung‘. Aber gelegentlich reden wir auch vom ‚Camp‘ – so nennen es ja auch die Flüchtlinge“, sagt Stefanie Gaumert. Die 29-jährige Psychologin leitet das Team vor Ort für „fördern und wohnen“, dem Träger der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber in Hamburg.

Personell wird gerade aufgestockt, denn die Streifenfundamente für weitere Wohncontainer mit 336 Schlafplätzen sind schon da. Bauarbeiter legen zusätzliche Strom-, Wasser-, Abwasser und Fernwärmeleitungen. Ab Oktober werden dann hier insgesamt 20 Mitarbeiter für die Sozialarbeit und die Verwaltung zuständig sein; sieben Mitarbeiter bilden den technischen Dienst. Hinzu kommen externe Dienstleistungsunternehmen für die Gemeinschaftsverpflegung und die Reinigung sowie freie Honorarkräfte wie Pädagogen und Dolmetscher. „Von unserer Seite aus können wir jedoch nicht befürworten, dass Schnackenburgallee dann noch weiter vergrößert wird“, sagt Stefanie Gaumert.

Von allen Hamburger Ersteinrichtungen für Flüchtlinge gilt das Containerdorf am Parkplatz Braun direkt neben der Autobahn 7 als das härteste Pflaster. Als extreme Belastungsprobe für Flüchtlinge einerseits und Betreuer andererseits. „Als ich im vergangenen Dezember hier anfing, hatten wir noch eine gewisse Sorge vor der 600er-Marke. Und jetzt sind es über 1200“, sagt Stefanie Gaumert, für die es heute „ein guter Tag“ gewesen ist. „Wir haben drei Zelte geräumt und geschlossen, weil wir 30 Personen im neuen zentralen Erstaufnahmestandort am Karl-Arnold-Ring unterbringen konnten. Das ist zurzeit unser oberstes Ziel: die Unterbringung in Zelten zu beenden.“ Doch es gibt gleich mehrere solcher „obersten Ziele“. Und mehrere „größte Probleme“. Ganz oben auf der Agenda steht dabei die EU-Flüchtlingspolitik, die angesichts der zahlreichen Konfliktherde und der damit rasant wachsenden Migrantenströme aus der ganzen Welt einer dringenden Neuausrichtung bedarf. Alle Prognosen werden beinahe täglich über den Haufen geworfen, die zuständigen Behörden in den EU-Ländern werden regelrecht überrollt. Zurzeit werden in Hamburg durchschnittlich 600 Neuankömmlinge pro Monat registriert, 2200 leben in einer Erstunterbringung; insgesamt kamen in diesem Jahr 3635, die in Hamburg blieben.

Viele in diesem Schmelztiegel mit seinen enormen sozialen und religiösen Unterschieden. Bauern, die in ihrer irakischen Heimat niemals eine Schule besucht haben, leben Tür an Tür mit afghanischen Ärzten, syrischen Architekten, kasachischen Ingenieuren. Die einen sind Christen, die anderen sind Muslime oder Russisch-Orthodoxe. Sie sind in der Regel traumatisiert, körperlich angeschlagen und nur selten robust. Noch seltener besitzen sie Geld. Das ist zumeist für die Flucht draufgegangen: für die Schlepperbanden oder die Schmiergelder, die in Amtsstuben und an Ticketschaltern von Luftfahrtgesellschaften erwartet werden.

Auf den ersten Blick ist wenig von den Spannungen zu spüren, die über dem Gelände an der Schnackenburgallee liegen. Zwischen den langen Reihen der Wohncontainer spielen viele Kinder. Ein paar Frauen machen Wäsche, einige Gruppen tröpfeln langsam vor den beiden Essensausgaben ein und da, wo etwas mehr Platz ist, pritschen sich Männer Volleybälle zu, allerdings getrennt, nach Nationen. „Nur die Afghanen und die Eritreer spielen gemeinsam Volleyball. Und die Syrer, die bei uns die größte Flüchtlingsgruppe bilden, sind eher fußballaffin“, sagt Stefanie Gaumert.

Die Anpassung an Deutschland fällt schwer

Bilal und Amer kommen aus Syrien, aus der Hauptstadt Damaskus. Bilal, 37, erzählt, dass er dort Brautkleider geschneidert habe, Amer, 32, sagt, dass er Ingenieur sei. Der Weg von Bilal und seiner Familie führte über die gefährliche Lampedusa-Route: durch die Sahara bis nach Libyen, von dort mit einem Seelenverkäufer übers Mittelmeer bis auf den italienischen EU-Außenposten. Von dort schickte man sie weiter nach Deutschland. Deshalb hat Bilal nun Sorge, dass man ihn und seine Familie wieder nach Italien abschieben könnte. Wegen des Dublin-II-Abkommens. Es ist nicht die einzige Sorge, die er hat. Er zieht eine Packung Immodium gegen Durchfall aus der Parkatasche. Seine Familie mag das Essen nicht und sie verträgt es auch nicht. Es ist ihm egal, dass die Vollverpflegung kostenlos ist. Er hat lieber Brot gekauft und einen Salat. Ein Erwachsener erhält 140 Euro Taschengeld im Monat. Zum nächsten Supermarkt sind es rund drei Kilometer zu Fuß, hin und zurück. Bilal sagt, dass er abgenommen habe. 12 Kilo.

Er und Amer, der sich in die Türkei durchschlug und von dort mit dem Flugzeug nach Deutschland einreiste (seine Frau und seine beiden Töchter, sechs Jahre und eineinhalb Jahre alt, sind noch in Damaskus), sprechen passables Englisch und ein paar Brocken Deutsch. Bilal lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern auf zehn Quadratmetern, Amer teilt sich sein Containermodul mit drei Landsleuten. Die Module sind genormt. Sie messen vier Meter in der Länge und 1,50 Meter in der Breite. Die beiden Etagenbetten sind nur durch einen schmalen Spalt voneinander getrennt. Ein kleiner Tisch, zwei Stühle und ein kleiner Schrank für jeden. Es gibt kaum Stauraum, es gibt keine Rückzugsmöglichkeit, es gibt keine Privatsphäre. „Und es stinkt“, sagt Amer, „ich kriege hier drin keine Luft. Jetzt können wir das Fenster noch öffnen. Aber was wird, wenn der Winter kommt und es kalt wird?“

Sie wohnen jetzt seit knapp vier Monaten hier. Eigentlich dürften sie längst in einer Folgeunterkunft einziehen. Für Amer als alleinstehenden, gesunden Mann ist daher die Vergabe der Schlafplätze ein „größtes Problem“. Jetzt geht es für ihn darum, den nächsten frei werdenden Platz in einer festen Wohnunterkunft zu ergattern. „Es gibt Regeln für die Vergabe von freien Plätzen, aber es ist immer sehr kurzfristig zu entscheiden und schwierig, allen Bedürfnissen gerecht zu werden“, sagt Stefanie Gaumert, „klar, dass wir da Familien mit kleinen Kindern und Säuglingen und kranke Menschen bevorzugen. Aber wir haben hier eben sehr viele kranke Menschen, die wir nicht mehr angemessen unterbringen können. Prinzipiell aber sind für uns alle Flüchtlinge gleich.“

Wovon Amer jedoch nichts wissen will. Er ist der Meinung, dass die Syrer allen anderen Nationen gegenüber benachteiligt würden. „Die Serben haben die meisten Rechte“, sagt er. Fragt man jedoch die Serben, behaupten die über die Afghanen und Eritreer dasselbe. Es ist ein tiefer Graben. „Zu Hause wäre ich jetzt wohl nicht mehr am Leben. Aber hier sterbe ich auch. Jeden Tag ein kleines Stück“, sagt Amer trotzig.

Es mangelt an geeignetem Wohnraum

„Man muss sich das Ganze vorstellen wie einen Durchfluss, der am Ende verstopft ist“, sagt Jonte Plambeck, 30, der bei „fördern und wohnen“ für logistische Fragen verantwortlich ist. „Wir versuchen daher jetzt verstärkt Transparenz zu schaffen und die Menschen über die weiteren Sofortmaßnahmen der Stadt zu informieren, damit sie sehen, dass was passiert. Damit sie eine Perspektive haben.“ Es gehe vordringlich um ein festes Dach über dem Kopf. „Die Leute bekommen dann die regelhaften Sozialleistungen und können selbst kochen.“ Denn nach drei Monaten Verweildauer in der Erstunterbringung werde es zumeist kritisch. Da komme es dann auf die psychische Konstitution des Einzelnen an. „Es wäre uns stark damit geholfen, wenn die Wohnungswirtschaft für unsere Bewohner in den Folgeunterkünften Wohnraum schaffen würde, die häufig schon seit Langem die Berechtigung erhalten haben, auszuziehen. Hierfür braucht es aber geeigneten Wohnraum, den uns die Stadt derzeit nicht in dem geforderten Ausmaß anbieten kann.“

So gab es auch schon Suizidversuche. Diese Vorfälle sind ein Resultat der Addition aus traumatischen Erfahrungen im Heimatland, auf der Flucht und der quälenden Ungewissheit, ob eine Zukunft in Deutschland möglich ist. Hinzu kommen die langen Bearbeitungszeiten der verschiedenen Anträge und die überlange Verweildauer. „Die Menschen haben hier einfach nicht die Ruhe, die sie aufgrund ihres psychischen Zustands eigentlich benötigen.“ Den Sozialarbeitern vor Ort bleibt nur zu versuchen, sie irgendwie aufzufangen und sie möglichst an psychologische Hilfesysteme anzubinden.

Sicherheitskräfte wollen das Beste für die Menschen

Der Wachmann am Tor trägt anstatt eines Namensschildes eine Nummer. Die Nummer 62 ist ein blonder Hüne, mit Brille und Bart und einem freundlichen Gesicht. Einer von 16, die rund um die Uhr für die Sicherheit der Flüchtlinge sorgen sollen. Einige grüßen ihn, als sie jetzt, kurz vor 18 Uhr, ihre größtenteils ungeliebte Behausung verlassen, um einkaufen zu gehen. „Tschüss, Chef!“, rufen einige, der Wachmann lächelt zurück. Er deutet auf ein kleines Mädchen, vielleicht acht Jahre alt, das bis eben noch mit ihren Freundinnen auf dem Fahrrad draußen auf dem Parkplatz Braun herumgedüst ist. Es ist hübsch, hat lange schwarze Haare und trägt ein violettes T-Shirt und eine Jeans mit Glitzersternchen. Jetzt holt das Kind seine Personenkarte bei den Pförtnern ab. Es sagt, wenn auch etwas stockend: „Kann ich Karte haben, bitte?“ Man händigt ihm den gelben Zettel aus. Der Wachmann nickt stolz. „Sie ist erst etwa drei Monate hier. Sie kommt aus Syrien. Das muss man sich mal vorstellen: Die hat in drei Monaten richtig gut Deutsch gelernt.“

Die Geschichten, die man sich draußen über die „Brutalität der Sicherheitskräfte“ erzähle, hätten ihn tief getroffen, sagt er. Vor allem, dass Fotos von ihnen auf den einschlägigen Internetseiten kursierten. Dabei versuchten sie doch nur, das Beste für die Menschen zu tun. Dazu gehöre auch, dass sie den Kindern die Fahrräder reparierten. Neuerdings integriert man die Wachleute ins Betreuungsteam. „Wir wollen den Flüchtlingen deutlich machen, dass die Security zu den Freunden und Helfern gehören. Die meisten Flüchtlinge haben daheim ja häufig sehr schlechte Erfahrungen mit Uniformierten gemacht“, sagt Stefanie Gaumert.

Am heutigen Sonnabendnachmittag wird die Wachmannschaft vermutlich ordentlich zu tun bekommen: Der „Flüchtlingsrat Hamburg“ hat um 12.30 Uhr zu einer Fahrraddemonstration aufgerufen: „...gegen die Zwangsunterbringung von Flüchtlingen und MigrantInnen in Massenlagern“.

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