Eimsbüttel

Fisch-Legende Schlüter schließt nach mehr als 80 Jahren

| Lesedauer: 4 Minuten
Juliane Kmieciak

Wenn Jürgen-Ulrich Schlüter in wenigen Monaten in Rente geht, muss das Traditionsgeschäft schließen. Für viele Hamburger ist er der beste Fischladen der Stadt.

Hamburg. „Berichten Sie doch lieber über was Schönes“, sagt Jürgen-Ulrich Schlüter. Und meint es auch so. Warum denn ausgerechnet über die Schließung seines Fischgeschäftes am Stellinger Weg? Ganz einfach: Weil es eine echte Institution ist. Im Viertel und in ganz Hamburg. Wenn Schlüter im Juli in Rente geht, schließt das Fachgeschäft nach mehr als 80 Jahren seine Türen. Einen Nachfolger hat er nicht gefunden.

Es gibt nicht wenige in Hamburg, die meinen, dass es bei Schlüter den besten Fisch der Stadt gibt. Eine Fachhandlung der alten Schule, ohne Schnickschnack, dafür mit viel Wissen über Fisch und guter Beratung. Jürgen-Ulrich Schlüter ist seit 45 Jahren dabei. “Direkt von der Handelsschule ins Geschäft.“ Etwas anderes habe er nie machen wollen. Die Frage hat sich ohnehin nie gestellt. Schlüter ist in der Fischhandlung aufgewachsen, die 1933 von seiner Tante Käthe gegründet wurde.

Schon als Junge hat er nach der Schule mitgeholfen und bessere Zeiten mitbekommen als die vergangenen Jahre. „Früher war der Fisch günstiger, die Arbeiter im Stadtteil haben damals für die ganze Familie eingekauft“, erinnert er sich. Das ist lange her. „Heute kommt der Fisch längst nicht mehr von den Finkenwerder Fischern, sondern aus Dänemark. Das schlägt sich auch im Preis nieder“, sagt er. Weitere Probleme: „Im Viertel wohnen heute sehr viele Singles, die zwar Fisch einkaufen, aber oftmals eben nur noch ein Stück Lachs.“

So wie Fischhandel Schlüter ist es vielen ergangen. Laut dem Bremer Peter Koch-Bodes, Vorsitzender des Fischfachhandels, ist die Zahl der stationären Fischgeschäfte deutlich zurückgegangen - obwohl die Nachfrage nach Fisch nach wie vor hoch ist. „In Bremen zum Beispiel gab es nach dem Krieg 153 Geschäfte. Heute sind es noch maximal 25. In Hamburg dürfte die Entwicklung sehr ähnlich sein.“ Seiner Meinung nach gibt es dafür zwei Hauptgründe: Das Nachfolge- und das Kostenproblem. „Heutzutage findet sich kaum noch jemand, der Lust hat, so früh aufzustehen und so viel zu arbeiten“, so Koch-Bodes. „Dazu die Konkurrenz der neuen Frischeabteilungen im Supermarkt und Kostenerhöhungen durch neue Verordnungen und EU-Normen.“

60-Stunden-Woche und wenig Verdienst

Alles Punkte, die Schlüter genau so erzählen könnte. Und noch viele mehr. Aber der 64-Jährige mag jetzt nicht alles schlecht reden. „Ich hätte das Geschäft auch noch weitergeführt, wenn ich ein paar Jahre jünger wäre“, sagt er. Aber irgendwann ist eben auch mal gut.

Und richtig traurig ist er auch nicht, dass er keinen Nachfolger gefunden hat. „Wär doch nicht besser geworden“, sagt er. „Und wer hat schon heute noch Lust auf eine 60-Stunden-Woche und wenig Verdienst.“

Einer, der sehr wohl traurig ist, ist Kunde Nils Stahl. Der 36-Jährige ist seit Jahren Kunde bei Schlüter. Er schätzt den "super Service", die "gute Qualität" und die Dorade: „Einfach ein Traum.“

Einige Kunden hat Schlüter schon informiert. Die Reaktion war immer dieselbe. „Die meisten sind sehr enttäuscht“, erzählt er. Dass bei ihm die Wehmut nicht überhand gewinnt, liegt wohl auch daran, dass ein neuer Lebensabschnitt beginnt. „Nach 45 Jahren ohne Fehlzeit freue ich mich darauf, dass mein Leben nicht mehr von den Öffnungszeiten des Geschäfts bestimmt wird“, sagt er. Dass das Kapitel nun vorbei ist, das sei eben so. „Wir haben 80 gute Jahre gehabt. Was will man mehr?“, meint er. Und so ist es Schlüter, der am Ende doch noch etwas Schönes berichtet.

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