Schnelsen

Gemüsehändler schließt nach 30 Jahren - Kunden sprachlos

Viele Menschen in Schnelsen haben 30 Jahre lang ihr Gemüse bei dem Händler Hans Seeland gekauft. Doch der 74-Jährige geht nun in Rente. Einen Nachfolger hat er trotz langer Suche nicht gefunden.

Hamburg. Er liebt Fleisch, isst für sein leben gern Kaninchen, Steaks und Braten. Doch sein Geld verdient Hans Seeland mit Gemüse. Zusammen mit seiner Frau Christine führt er das Gemüse- und Blumengeschäft an der Oldesloer Straße in Schnelsen. Doch nach 30 Jahren ist Schluss. Am heutigen Sonnabend werden die beiden zum letzten Mal die vielen Stammkunden bedienen, die noch gar nicht begreifen wollen, dass sie Petersilie, Kartoffeln, Paprika und Mangos nun woanders kaufen müssen.

„Mit 74 ist es Zeit für die Rente“, sagt Seeland, der noch nicht weiß, was er mit der gewonnen Zeit anfangen wird. In jedem Fall muss der gebürtige Hamburger seinen Rhythmus komplett ändern. Den hat bisher der Einkauf bestimmt. Wenn andere ins Bett gehen, reißt ihn der Wecker aus dem Schlaf. Um Mitternacht steht er auf, trinkt seine geliebte Milch und fährt mit seinem blauen Transporter zum Großmarkt. „Der frühe Händler fängt die frischeste Ware“, lautet sein Motto, und so ist er einer der ersten, der sich bei den Erzeugern eindeckt. Seeland und seine Frau haben ihre Lieferanten regelmäßig besucht, an Sonntagen sind sie in die Vier- und Marschlande gefahren, haben mit den Bauern gesprochen, sich angesehen, was sie später verkaufen.

Der Gemüsemann aus Schnelsen ist auf dem Großmarkt bekannt wie ein bunter Hund. „Den kannst Du nicht besch….“, heißt es bei den Anbietern. Stimmt, sagt Seeland, er finde jede faule Tomate und welke Rose sofort – Schnittblumen und Pflanzen sind das zweite Standbein des Geschäftes. Von seinem guten Riecher und präzisem Blick profitieren die Kunden, von denen viele seit Jahrzehnten kommen. Sie wissen: Hier stimmt nicht nur die Qualität, der Chef liefert als gelernter Koch auch gleich noch ein Rezept dazu.

Und die Kunden schätzen die kleinen Extras: den essfertigen Mischsalat, den selbst angerührten Quark mit Schnittlauch und die selbst gemachte Marmelade – die hat ihm schon den Spitznamen „Konfitüren-König“ eingebracht. Seeland und seine Frau führen ihr Geschäft wie einen Tante-Emma-Laden aus einer anderen Zeit. Sie notieren die Preise mit Bleistift auf dem Notizblock und zählen zusammen, ganz ohne Taschenrechner. Anschreiben geht auch, EC-Karten sind tabu. Die Chefin liefert dekorative Obst- und Gemüseplatten für Familienfeste und Geschäftsjubiläen und punktet bei den Kunden mit liebevoll zusammengestellten Blumen-Arrangements. Nun sucht die 50-Jährige einen neuen Job.

Das kleine Geschäft ist auch eine wichtige Info-Börse im Stadtteil. Von der einen zur anderen Seite des Verkaufstresens wird geklönt, verbreiten sich Gerüchte genauso wie Wahrheiten. Einen geeigneten Nachfolger haben die Inhaber trotz einjähriger Suche nicht gefunden. Da bleibt nur das Ende eines Ladens, der seit 1921 existiert und zu den letzten klassischen Gemüse- und Blumengeschäften im Nordwesten Hamburgs gehört. (ms)