Vier- und Marschlande

Nächste Runde im Prozess um Storchenhorst in Bergedorf

| Lesedauer: 6 Minuten
Lena Diekmann
Der Storchenhorst von Leena und Heino Claussen am Ochsenwerder Landscheideweg ist seit 2017 abgedeckt, weil das Bezirksamt Bergedorf die fehlende Baugenehmigung bemängelt.

Der Storchenhorst von Leena und Heino Claussen am Ochsenwerder Landscheideweg ist seit 2017 abgedeckt, weil das Bezirksamt Bergedorf die fehlende Baugenehmigung bemängelt.

Foto: Lena Diekmann / BGZ/Diekmann

Die Claussens wollten Störchen einen Nistplatz bieten, doch es setzte behördliche Verbote. Es folgte ein endloser Rechtsstreit.

Hamburg. Am Küchenfenster von Leena und Heino Claussen steckt eine kleine Storchfigur in einem mintgrünen Blumentopf. Und auch hinter ihrem Haus am Ochsenwerder Landscheideweg wacht ein schwarz-weißer Vogel aus Metall über das weitläufige Areal.

Lebendige Artgenossen sollen sich dort aber nicht heimisch fühlen. So will es zumindest die Behörde: Schon 2016 musste das Marschländer Ehepaar das erste Mal seinen Storchenhorst auf behördliche Anordnung abdecken. Seitdem beschäftigen sich Gerichte mit dem Fall – und ein Ende des juristischen Verfahrens ist nicht in Sicht.

Prozess um Storchenhorst in Bergedorf geht in neue Runde

Leena Claussen ist ein bekennender „Storchenfan“. Die majestätischen Vögel hatten die 62-Jährige schon immer fasziniert. Schließlich kannte die gebürtige Finnin, die vor 41 Jahren nach Bergedorf kam, die Vögel nicht aus ihrer Heimat. „Ihr Klappern und die Art, wie sie durch die Luft segeln, das ist einfach schön“, schwärmt Leena Claussen.

Also erfüllte Heino Claussen seiner Ehefrau und auch seiner Mutter im Winter 2011/12 einen Wunsch und ließ einen gut acht Meter langen Holzmast samt Nisthilfe für Störche hinter ihrem Wohnhaus aufstellen. Schon kurz darauf ließen sich zwei Störche darin nieder, schon im Sommer 2013 hat ein Storchenpaar auf dem Horst gebrütet. „Ich habe häufig abends einfach nur dagesessen und die Vögel beobachtet“, erinnert sich Leena Claussen.

Umweltbehörde sieht Störche wegen zu naher Windkraftanlage in Gefahr

Doch auf dieses Naturschauspiel muss die 62-Jährige mittlerweile seit fünf Jahren verzichten. Zunächst ging im März 2016 ein Einschreiben von der Hamburger Umweltbehörde beim Ehepaar Claussen ein, das eine „sofortige Vollziehung“ vorsah. Danach mussten sie das Nest innerhalb von einer Woche abbauen oder so abdecken, dass Vögel sich nicht mehr in ihm niederlassen konnten.

Grund für den Behördenbescheid waren die zu dem Zeitpunkt noch geplanten Windkraftanlagen am Ochsenwerder Landscheideweg. In 650 Meter Entfernung zum Grundstück der Claussens wurde das nächstgelegene der fünf neuen Windräder errichtet, ein weiteres 970 Meter von dem Horst entfernt. Doch der vorgeschriebene Mindestabstand liegt bei 1000 Metern. Deshalb gebe es laut Umweltbehörde ein „signifikant erhöhtes Tötungsrisiko“ für die Störche.

Bezirksamt bemängelt fehlende Baugenehmigung für die Nisthilfe

Die Claussens beauftragten einen Rechtsanwalt und legten Widerspruch ein – mit Erfolg. Nach einigen Wochen durfte der Horst wieder abgedeckt werden, weil zu dem Zeitpunkt noch keine tatsächliche Gefährdung für Störche durch Windenergieanlagen bestand. Doch schon Ende Februar 2017 flatterte bei Familie Claussen der nächste Behördenbrief ein, dieses Mal vom Bezirksamt Bergedorf.

Inhalt des Schreibens war eine „Anordnung zur Untersagung der Nutzung“ des Horstes. Als Grund wurde eine fehlende Baugenehmigung für den Mast angeführt, den der Nabu nur wenige Wochen zuvor an selber Stelle für den alten, morschen Mast hatte aufstellen lassen.

Der Fall der Claussens sorgt bundesweit für Schlagzeilen

Die Claussens legten erneut Widerspruch ein – doch dieses Mal ohne Erfolg. Seitdem ging das Verfahren nicht nur durch mehrere Instanzen, sondern machte auch deutschlandweit Schlagzeilen. Kamerateams diverser Fernsehsender drehten in den vergangenen Jahren am Ochsenwerder Landscheideweg, um über den Storchenhorst ohne Baugenehmigung zu berichten.

Schließlich ist das ein Novum in Hamburg: Für alle anderen, etwa 30 weiteren Storchenhorste im Landgebiet war bisher nie eine Genehmigung notwendig gewesen. Und auch einen Fahnenmast bis zehn Meter Höhe oder ein Schwimmbecken mit Sprungturm könnten die Claussens im Garten aufstellen – aber eben keinen Mast mit Storchennest. Als Begründung brachte das Bezirksamt erneut die Windkraft ins Spiel, denn das Nest befinde sich in einem Abstand von nur 650 Metern zu dem vorgesehenen Standort einer bereits genehmigten Windenergieanlage, hieß es damals zur Begründung.

Der Horst der Claussens ist der einzige in Hamburg, der eine Genehmigung braucht

Also musste das Nest erneut abgedeckt werden – und ist es bis heute. Trotzdem würden immer mal wieder Störche den Horst anfliegen und sich für eine kurze Rast darauf niederlassen, berichtet Leena Claussen. Und auch den Mast haben Vögel als „Etagenwohnung“ für sich entdeckt: In zwei von einem Buntspecht ins Holz geschlagenen Löchern leben im dritten Jahr schon Stare.

Dass dort auch wieder Störche einziehen können, ist derzeit unwahrscheinlich. Denn das Hamburger Verwaltungsgericht hat im Juni die Klage der Claussens unanfechtbar abgewiesen. Eine fehlende Baugenehmigung wurde erneut angeführt und geurteilt, dass es sich nicht um einen geschützten Bruthorst für Störche handele. Schließlich seien nicht immer dieselben standorttreuen Vögel auf den Horst zurückgekehrt, sondern hätten ihn verschiedene Störche angeflogen. Außerdem hätten seit 2017 sowieso keine Störche darauf gebrütet.

Ehepaar Claussen hat eine erneute Berufung beantragt

Bei diesen Zeilen könnte Leena Claussen richtig wütend werden. „Dass bei so einem Blödsinn nicht die Tastatur klemmt“, schimpft die 62-Jährige und ergänzt: „Wie, bitte schön, soll sich auf einem abgedeckten Horst ein Storchenpaar ansiedeln?“, fragt Leena Claussen. Die Claussens wollen nun erneut Berufung einlegen. Da die Klage aber als unanfechtbar abgewiesen wurde, muss nun das Gericht entscheiden, ob eine Berufung zugelassen wird oder nicht. Dies sei bereits beantragt, bestätigt Heino Claussen.

Die Kosten für Anwälte und Gutachten würden sich mittlerweile auf eine nicht unerhebliche Summe belaufen, sagt Heino Claussen. So einfach klein beigeben, das komme für ihn und seine Frau aber nicht infrage. Für sie als Betroffene sei es eben nicht nur ein Storchenhorst, sondern habe noch viel mehr Bedeutung. „Wir fühlen uns einfach ungerecht behandelt“, sagt Leena Claussen. „Schließlich wollten wir etwas für die Natur machen und werden behandelt wie Verbrecher“, ergänzt ihr Ehemann.