Bundestagswahl 2021

Grüne Weltpolitik zwischen Kindern und Flussbad

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Thomas Heyen
Entspannt beim Interview und voller Vorfreude auf ein Bad in der Este: Bundestagskandidat Manuel Sarrazin in seinem Garten in Cranz.  Heyen

Entspannt beim Interview und voller Vorfreude auf ein Bad in der Este: Bundestagskandidat Manuel Sarrazin in seinem Garten in Cranz.  Heyen

Foto: Thomas Heyen

Manuel Sarrazin sitzt seit 2008 für die Grünen im Bundestag. Der Osteuropaexperte hofft auf eine „Verlängerung“.

Cranz. Er wolle mittags schwimmen gehen, in der Este, die an seinen Garten grenzt, sagt Manuel Sarrazin zu Beginn des Interviews. „Dann ist Hochwasser und die Strömung nicht so stark.“ Der Direktkandidat von Bündnis 90/Die Grünen für den Wahlkreis Bergedorf/Harburg lebt in einem früheren Kapitänshaus in Cranz im Alten Land.

In dem großen Garten des 39-Jährigen, der seit 2008 im Bundestag sitzt, stehen Obstbäume. Sarrazin beißt in einen Apfel und berichtet von seinen politischen Anfängen: „In der fünften Klasse habe ich Unterschriften gegen Walfang gesammelt. Meine Eltern mussten sie an die japanische Regierung schicken.“

Nach der Bundestagswahl 2021 will Sarrazin mitregieren

Geboren in Dortmund, wuchs Sarrazin in Harburg auf, wurde dort vor 21 Jahren Kreisvorsitzender. „Wer nicht rechtzeitig wegrennt, hat dort einen Posten an der Backe.“ Zwei Jahre zuvor war er als 16-Jähriger Mitglied der Grünen geworden. Heute ist er Politiker „aus Überzeugung“.

Nebeneinkünfte habe er keine: „Ich sitze nirgendwo im Aufsichtsrat“. Sarrazin wundere sich über Kollegen mit mehreren Posten: „Wie kann man bei mehreren Aufsichtsratsposten noch effektiv Aufsicht ausüben?“, fragt er mit einem sarkastischen Unterton. Andererseits, so betont der Grüne, sei es richtig, „dass Politik in solchen Gremien mitsteuert“. Ein Politiker müsse aber aufpassen, „dass er nicht nur für seinen Job lebt“, sagt Sarrazin. „Er muss ein Leben haben – und es kennen.“

Fokus auf Zentral-, Ost- und Südosteuropa

Er sei 24 Stunden am Tag in sieben Tagen pro Woche „verantwortlich und zu meinen Themen up to date“, sagt der Experte für EU- und Außenpolitik mit Fokus auf Zentral-, Ost- und Südosteuropa. „Wenn Putin oder Lukaschenko eine Rede halten, dann erwartet meine Fraktion, dass ich sprechfähig bin, die Hintergründe kenne und eine Einordnung liefern kann.“

Dann werde gemeinsam mit den Parteikollegen eine Position definiert. Wenn er abends mit seinen Kindern spiele „und im Kreml passiert was“, dann werde das Spiel zwar nicht sofort beendet, aber bald „und die Politik ist natürlich sofort im Kopf“.

Die Herausforderungen als halballeinerziehender Vater meistern

Was meint er zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf? „Als halballeinerziehender Vater weiß ich, welchen Herausforderungen nicht erst seit Corona auf Familien zukommen. Eine verlässliche Betreuungsinfrastruktur ist nicht nur für die Kinder, sondern für die ganze Familie von entscheidender Bedeutung. Auch pflegende Angehörige müssen stärker unterstützt werden.“

Die permanente Abrufbarkeit, die Erwartung, dass ein Politiker alles immer sofort mitbekommt, sei „schwierig“ und die Vielzahl an Kanälen in den sozialen Netzwerken „anstrengend“, aber notwendig. Gerade über Twitter erreiche er viele Journalisten und weitere Kommunikatoren, betont der Grüne.

Kommentare im Internet nimmt er nicht wahr oder nicht ernst

Andersrum folge Sarrazin, der fließend Englisch spricht und „gute Polnisch-Grundkenntnisse“ habe, wiederum auf Twitter diversen politischen Beobachtern im Ausland, „um an unabhängige Informationen zu gelangen und Angelegenheiten richtig einschätzen zu können“.

Anfeindungen gebe es auf Twitter oft. „Ich nehme die Kommentare zu meinen Posts aber nicht wahr oder nicht ernst.“ Oft seien sie politisch gesteuert. Im Dorf Cranz werde er höchstens mal von Nachbarn angesprochen, weil er die Disteln im Garten noch nicht entfernt hat. Sein Beruf sei in der Dorfgemeinschaft „nicht das große Thema“.

In Cranz wird über Bio-Anbau und Elbvertiefung diskutiert

Wenn ein Cranzer seinen Missmut zum von den Grünen geforderten Tempolimit 130 auf der Autobahn äußere, antworte Sarrazin nur: „Und, hältst Du Dich immer an das Tempolimit?“ Dann käme ein ehrliches „Nee“, woraufhin der Politiker seine Argument-Trumpfkarte zieht: „Siehst Du, dann kannst Du uns ja trotzdem wählen.“

Vor vier Jahren zog Sarrazin aus Harburg in das Dorf. Er trinke mit seinen Nachbarn gern „ein Weinchen“. Dann werde über Bio-Anbau oder Elbvertiefung gesprochen: „Hier sind alle gegen die Vertiefung. Das ist ja auch eine Schlickfalle, totaler Dreck.“ Während Sarrazin erzählt, wendet auf der Este die „Serrahn Deern“. Der Ausflugsdampfer fährt bei seiner Tagestour ins Alte Land fast bis zu Sarrazins Anleger, an dem der Grüne ein Schlauchboot mit Zweitakter befestigt hat.

„Klimaschutz ist die zentrale Menschheitsherausforderung“

Er genieße parteiübergreifend einen „guten fachlichen Ruf“, betont der Grünen-Sprecher für Osteuropapolitik. Deshalb könne er – „auch im Hintergrund“ – Mehrheiten organisieren. „Die anderen wissen, dass ich keinen Mist erzähle, das es mir um die Sache geht.“ Das werde auch im Ausland geschätzt. „Man kann über Fraktionsgrenzen hinweg mehr erreichen.“

Sarrazin: „Egal wer Kanzler wird, Hauptsache wir sind in der Regierungskoalition“. Man müsse endlich gegen den Klimawandel aktiv werden. „Klimaschutz ist die zentrale Menschheitsherausforderung. Gerade in der Region Süderelbe am Wasser lebend, sehe ich jeden Tag, wie sehr unsere Heimat durch den Klimawandel bedroht wird.“

Patenschaft für einen politischen Häftling in Belarus

Vor Corona war Sarrazin viel im Ausland, etwa in Belarus. Als erster Bundestagsabgeordneter übernahm er dort eine Patenschaft für einen politischen Häftling. Als Außenpolitiker gehe es ihm auch darum, „anderen Menschen, die vor Ort noch mehr erreichen können, Kraft und Moral zu geben, damit sie mehr erreichen“.

Er habe Menschen kennengelernt, die dramatische Schicksale ereilt hätten. „Sie werden die Welt verändern. Wir können sie dabei bestärken.“

Tolerantes und offenes Zusammenleben schaffen

Als Historiker wisse er, dass Migration seit Menschengedenken zu entwickelten Kulturgesellschaften gehört. „Es ist unsere Aufgabe, die Grundlagen für ein tolerantes und offenes Zusammenleben zu schaffen. Das Wiedererstarken von Fremdenfeindlichkeit im öffentlichen Diskurs in Deutschland macht mir Sorgen.

Ich stehe für eine offene Gesellschaft und Willkommenskultur.“ Dass Menschen, die vor Gewalt, Armut und Unterdrückung fliehen und bei dem Versuch, Europa zu erreichen, in Lebensgefahr geraten, müsse „unabhängig von der Aussicht auf eine erfolgreiches Asylverfahren“,aufhören.

Grüner sieht aktuell keine „wertegeleitete Außenpolitik“

Einige politische Erwartungen hätten sich erfüllt, andere nicht: „Die Grünen haben mit dafür gesorgt, dass es einen Rettungsschirm für Griechenland gab, dass es den Euro überhaupt noch gibt.“

Andererseits hätte er sich in Russland, der Ukraine und auf dem westlichen Balkan mehr positive Entwicklungen und „weniger Zynismus und Nationalismus“ gewünscht. Es mache einen Unterschied, wo Deutschland steht: „Eine wertegeleitete Außenpolitik wäre wichtig, aber die liefert der Außenminister nicht.“

Nach dem Interview ein Sprung in die Este

Alle zwei Monate bekoche Manuel Sarrazin zu Hause Gäste. Bei den „Europa-Spaghetti-Abenden“ werde über Politik gesprochen. Der nächste Termin steht noch nicht fest. Wer sich vormerken lassen möchte, schickt eine E-Mail an manuel.sarrazin.wk@bundestag.de.

Nach dem Gespräch springt Sarrazin in die kalte Este. Nicht allein. Für den Reporter unserer Zeitung hat er eine Badehose parat.

Manuel Sarrazin (39), Bündnis 90/Die Grünen

Ausbildung/Beruf: Historiker

Familienstand: zwei Töchter (4, 6), die „halb und halb“ von den getrennt lebenden Eltern erzogen werden; Single

Hobbys: Lesen, Fußball (lebenslange Dauerkarte für den FC St. Pauli), Schwimmen und Boot fahren vor der Haustür auf der Este

Das mag ich: Ich koche gern für Freunde

Das mag ich nicht: Rassismus, Ausgrenzung

Lieblingsurlaubsort: Zuhause oder Masuren.