Billwerder

Gleisdreieck: Erste Mieter ohne Flüchtlingshintergrund

Ein Teil der 780 Wohnungen Am Gleisdreieck wird nun auch von Menschen ohne Flüchtlingshintergrund bewohnt.Fotos: Heyen

Ein Teil der 780 Wohnungen Am Gleisdreieck wird nun auch von Menschen ohne Flüchtlingshintergrund bewohnt.Fotos: Heyen

Foto: Thomas Heyen

Im Sommer zogen erste Menschen ohne Flüchtlingshintergrund in die Siedlung in Billwerder. Sie fühlen sich dort sehr wohl.

Hamburg.  Die Neubausiedlung Gleisdreieck ist keine reine „Unterkunft mit der Perspektive Wohnen“ mehr. Die ersten Mieter ohne Flüchtlingshintergrund sind im Sommer eingezogen – in Wohnungen der städtischen Saga-Unternehmensgruppe. Die Saga-Tochter Hamburger Immobilien-Entwicklungsgesellschaft (HIG) hat die Bewirtschaftung aller 780 Wohnungen Am Gleisdreieck bereits im März 2019 übernommen.

Gabriela Grytz (53) zog im September von Lohbrügge aus mit ihrem Sohn Sven (21) ins Gleisdreieck. Mutter und Sohn wohnen in einem Haus, in dem viele weitere Mieter – vor allem junge Leute – neu eingezogen sind. Sie haben keinen Flüchtlingshintergrund, kommen aber aus verschiedenen Ecken der Welt. „In meiner alten Wohnung hatte ich Probleme mit den Treppen in den Hausfluren“, sagt die Rollifahrerin im Vorruhestand, die nun im Erdgeschoss lebt. Ihr Sohn zieht gerade aus der Zwei-Zimmer-Wohnung (50 Quadratmeter) aus, hat eine eigene Bleibe in Lokstedt gefunden. Durch ihren Hund käme sie bei Spaziergängen in der Siedlung in Kontakt mit Nachbarn, auch mit Geflüchteten: „Man grüßt sich und wechselt ein paar Worte – zur Not mit Händen und Füßen.“

Neubausiedlung bisher nur aus der Presse gekannt

Sie habe ein Gefühl von Gemeinschaft, das sie bisher nicht kannte, betont die 53-Jährige. Die Siedlung kannte sie lange nur aus der Presse, sagt Gabriela Grytz. „Das hat mir hier gleich zugesagt. Ich fühle mich wohl in der neuen Umgebung. Lediglich die Infrastruktur könnte besser sein. Hier fehlt beispielsweise ein Supermarkt.“

Einen Hauseingang weiter befindet sich im zweiten Stockwerk die Wohnung des 23-jährigen Jonas Dedering. Der Student (Tourismuswirtschaft) wohnt dort seit Ende August mit seiner gleichaltrigen Freundin. „Vorher haben wir in einer Vierer-WG in Neuallermöhe gelebt.“ Für die 64 Quadratmeter große Zwei-Zimmer-Wohnung zahlt das Paar zehn Euro pro Quadratmeter (warm). „Der Preis ist korrekt und wir haben eine super Bahnanbindung, sind in zehn Minuten in der Innenstadt – schneller als meine Kollegen aus Winterhude“, sagt Dedering.

Saga will im nächsten Jahr 171 weitere Wohnungen übernehmen

Aktuell werden noch die meisten Wohnungen von fördern & wohnen gemietet. 1313 Flüchtlinge mit Aufenthaltserlaubnis leben derzeit in der Siedlung. Bis zum Jahresende sollen 266 Wohnungen an die Saga übergeben sein. Rund 100 von ihnen sollen bis Ende Dezember von der Saga an neue Mieter übergeben sein. Fördern & wohnen wird am Jahresende 514 Wohnungen bewirtschaften.

Im kommenden Jahr will die Saga 171 weitere Wohnungen übernehmen und auf dem freien Wohnungsmarkt anbieten. Bis zum Jahresende 2021 reduziert sich die Zahl der Wohnungen in der Obhut von f & w entsprechend auf 343. Sie sollen von 858 Geflüchteten bewohnt werden. Ende 2022 soll die Zahl der Geflüchteten, wie im Bürgervertrag vereinbart, auf 300 sinken.

Wohnungsbesichtigungen unter erschwerten Bedingungen

Es sei schwierig, den Vorgaben des Bürgervertrags gerecht zu werden, heißt es von f & w, denn günstige Wohnungen sind auf dem freien Markt kaum zu finden. Die Pandemie komme erschwerend hinzu. Sie erschwere organisatorische Abläufe und Wohnungsbesichtigungen.

Die Saga stehe f & w hilfreich zur Seite und ermögliche die Unterbringung ehemaliger Gleisdreieck-Bewohner in ihren Wohnungen außerhalb von Billwerder. In Hamburg verfügt das Unternehmen über rund 130.000 Wohnungen, in denen etwa 270.000 Menschen leben – rund ein Sechstel aller Hamburger.

„32 Wohnungen werden noch in diesem Jahr an einen Träger vermietet, der dort Wohngemeinschaften für Auszubildende anbieten wird“, sagt Saga-Sprecher Gunnar Gläser. „Des Weiteren hat die Saga Kontakt zu Firmenkunden, wie beispielsweise der Feuerwehr aufgenommen.“ Auch könne die Saga durch das Zusammenlegen einzelner Wohnungen künftig geeigneten und dringend benötigten Wohnraum für Familien anbieten: So werden aus acht Zwei-Zimmer-Wohnungen vier Vier-Zimmer-Wohnungen gemacht. „Sie sind bereits allesamt an fünfköpfige Familien vermietet, aber noch nicht vollständig bezogen“, sagt HIG-Geschäftsführer Hauke Jannsen.

Wohnungen nach Standard für öffentlich geförderten Wohnungsbau errichtet

„Alle 780 Wohnungen wurden nach dem Standard für öffentlich geförderten Wohnungsbau errichtet“, sagt Jannsen. Die Renovierungsarbeiten nach den Mieterwechseln – etwa das Erneuern der Fußböden – seien „normales Vermietungsgeschäft“. Neue Küchen müssten, entgegen anders lautenden Mitteilungen, nicht eingebaut werden, betont der 35-Jährige. Wegen defekter Heizungsrohre soll es massive Probleme mit Nässeschäden gegeben haben. Deshalb verzögerte sich der Einzug von Mietern ohne Flüchtlingsstatus erheblich (wir berichteten). Die Saga streitet sich deshalb mit der PGH/Fewa, dem vorigen Eigentümer der Wohnhäuser, vor Gericht: Seit Jahresbeginn ermittelt ein gerichtlich bestellter Gutachter stichprobenartig den Umfang der Schäden . Das Verfahren werde sich noch ins nächste Jahr ziehen, denn es betreffe alle Wohnungen. Doch sie seien alle nutzbar und würden auch vermietet, sobald die sukzessive vorgenommenen Standard-Renovierungen beendet seien. Die neuen Mieter wurden beim Unterzeichnen der Mietverträge darauf hingewiesen, dass möglicherweise noch Sanierungsarbeiten in ihren Räumen durchgeführt werden müssen.

Die Saga bemüht sich um Präsenz vor Ort: Ein Büro für ihre Bergedorfer Geschäftsstelle wird gerade ausgebaut, einige Meter weiter, auch zentral im Gleisdreieck, sind Hausbetreuer und Hauswart zu finden. Wer sich für eine Wohnung interessiert, erreicht die Saga unter Telefon 040/42 66 66 66. Laut Jannsen wird bei einer Erstvermietung ein Wohnberechtigungsschein benötigt, der Wohnungsnachfolger benötige diesen dann nicht mehr.