Dagmar Nettelmann Schuldt

Ein wachsendes Mosaik der Erinnerungen

Fliesenscherben von Dagmar Nettelmann Schuldt. Es geht der Künstlerin darum, zu reflektieren, wer wir sind: „Mit unserer persönlichen Geschichte und der Geschichte unserer Umgebung bewegen wir uns auf verschiedenen Schichten.“ Daraus ergebe sich eine Vorstellung der eigenen Geschichte, betont sie. Foto: Rainer Peeck

Fliesenscherben von Dagmar Nettelmann Schuldt. Es geht der Künstlerin darum, zu reflektieren, wer wir sind: „Mit unserer persönlichen Geschichte und der Geschichte unserer Umgebung bewegen wir uns auf verschiedenen Schichten.“ Daraus ergebe sich eine Vorstellung der eigenen Geschichte, betont sie. Foto: Rainer Peeck

Foto: Rainer Peeck

Curslacker Künstlerin zeigt im Museum für Hamburgische Geschichte ihre bisher größte Ausstellung.

Allermöhe. Das bildende Künstler ihre Arbeiten in einem Museum ausstellen, ist eine große Ausnahme: Entsprechend froh ist Dagmar Nettelmann Schuldt über eine Zusage des Museums für Hamburgische Geschichte. Dort präsentiert die in Curslack lebende Künstlerin vom 24. Februar bis zum 19. April „Erinnerungsmosaike“. In ihrem Atelier in der Alten Schule am Allermöher Deich bereitet sie die große Schau vor, arbeitet an Skulpturen, Gemälden und ganz besonderen Scherben. Kunstfreunde, die sich über die Arbeiten von Dagmar Nettelmann Schuldt informieren wollen, sind willkommen.

In der gesamten oberen Etage des Museums am Holstenwall 24, in der sogenannten Ehrenhalle, darf die renommierte Bergedorfer Künstlerin ihre Arbeiten präsentieren. Geplant ist auch eine Gesprächsreihe. „Einige Skulpturen und Scherben werde ich in die Dauerausstellung integrieren“, sagt sie.

Die bis zu 400 Fliesenscherben, die Dagmar Nettelmann Schuldt auf einem Podest zu einem Mosaik zusammenfügt, stammen aus Häusern, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. „Sie sind an zahlreichen Stellen in Hamburg zu finden – etwa im Hafen, an der Dove-Elbe oder im Stadtpark.“ In Jork erstrecke sich Schutt aus den Kriegsruinen über sieben Kilometer. „Dort ist der Strand rot gefärbt.“

Alte und neue Erinnerungen

Die Fundstücke werden von Dagmar Nettelmann Schuldt mit Zeichnungen in blauer Glasur versehen und nochmals gebrannt. „Sie zeigen alte und neue Erinnerungen, etwa Fotos, die ich mit einem feinen Pinsel auf die Scherben übertrage.“

Seit sieben Jahren arbeitet die Künstlerin an ihrem Werk. Die Zahl der bemalten Bruchstücke nimmt ständig zu. „Wenn ich ihre Anordnung verändere, verändert sich das Mosaik. Es ist flüchtig, nicht fassbar. Es verändert sich ständig, wie es auch unsere Erinnerungen aufgrund neuer Eindrücke tun.“ Es
sei schließlich unmöglich, sich ein festes Bild von den Dingen zu machen.

Aus dem Schutt der alten Häuser entstehen auch Dagmar Nettelmann Schuldts Skulpturen. Sie stellen neue Häuser dar oder auch Trophäen, die wie Tierschädel an die Wand gehängt werden können.

Für ihre Gemälde verwendet die Künstlerin verschiedene Farben, aber auch Materialien wie Bienenwachs, Schellack, Ton oder Öl. Sie werden in mehr als 120 Schichten übereinander aufgetragen, sodass die Bilder zwei Zentimeter dick sind. Kratzer, die die Oberflächen durchziehen, verpassen den Bildern eine scherbenähnliche Struktur. Der Betrachter kann mehrere Oberflächen, „Schichten der Vergangenheit“, erkennen, „wie in der Archäologie, wenn mehrere Schichten sichtbar gemacht werden“. Im Museum für Hamburgische Geschichte gehe es um Erinnerungen und um Identität. „Auch meine Kunst besteht aus Fundstücken ehemaliger Lebenswirklichkeiten“, betont die Künstlerin.

Mietvertrag wird nicht verlängert

Sieben Wochen vor ihrer bisher größten Ausstellung muss Dagmar Nettelmann Schuldt ihre Räume in der Alten Schule verlassen. Ihr Mietvertrag wird nicht verlängert, ebenso wenig der Vertrag der zweiten Künstlerin, die dort ihr Atelier hat. Der Eigentümer des Hauses, Michael Kolle, plant in dem Gebäude ein Hospiz. Nebenan sollen Demenzkranke betreut werden.

„Die Situation ist für mich prekär“, sagt Dagmar Nettelmann Schuldt. Nicht nur, dass sie nicht weiß, wo sie künftig arbeiten, unterrichten und Kurse leiten soll: „Ich muss ja auch meine Exponate irgendwo unterbringen.“ Ihr Vermieter sei in diesem Punkt wenig entgegenkommend. Nun sucht die
Künstlerin, die vor 13 Jahren in die Alte Schule einzog, neue Räume.

Dagmar Nettelmann Schuldt bedauert auch, dass mit dem Auszug der Künstlerinnen „engagierte Kulturarbeit endet“ und ein weiteres Künstlerhaus in Bergedorf stirbt. Die Kunstsalons und Ateliergespräche der Curslackerin lockten bis zu 200 Besucher, „Tendenz steigend“.

Wer die Künstlerin in ihrem
Atelier besuchen möchte, vereinbart per E-Mail einen Termin:
kontakt@dnschuldt.de. Einige Skulpturen, Gemälde und Holzschnitte können käuflich erworben werden, „schließlich möchte ich vor meinem Auszug Platz schaffen“. Internet: www.dnschuldt.de.