Nazi-Terror

Der lange Kampf um einen Gedenkort

Gisela von Goldammer im Juli 1980 auf ihrem Sofa in Rahlstedt mit ihren „Patenkindern“ Nguyen Ngoc Châu (links) und dessen Zimmergenossen Đo Anh Lân, Flüchtlinge aus Vietnam, die bei einem Brandschlag ermordet wurden.

Gisela von Goldammer im Juli 1980 auf ihrem Sofa in Rahlstedt mit ihren „Patenkindern“ Nguyen Ngoc Châu (links) und dessen Zimmergenossen Đo Anh Lân, Flüchtlinge aus Vietnam, die bei einem Brandschlag ermordet wurden.

Foto: Heribert von Goldammer / Ehepaar von Goldammer

Nguyen Ngoc Châu und Đo Anh Lân wurden vor 40 Jahren ermordet. Initiative stellt nun eine Skulptur an den Gräbern auf.

Billbrook. Die Neonazis Heinz Colditz, Sibylle Vorderbrügge und Raymund Hörnle ermordeten in der Nacht vom 21. auf den 22. August 1980 die Vietnamesen Nguyen Ngoc Châu und Đo Anh Lân. Die Aktivisten der rechtsextremen Terrorgruppe Deutsche Aktionsgruppen hatten drei Brandsätze in eine Unterkunft für Geflüchtete an der Halskestraße 72, nahe dem heutigen Kompetenzzentrum für Gartenbau und Landwirtschaft, geworfen und in roter Farbe „Ausländer raus!“ an die Fassade geschrieben. Etwa 240 Flüchtlinge befanden sich in der Nacht in dem Haus.

Die beiden Vietnamesen, in deren Zimmer die Brandsätze landeten, während sie schliefen, starben an ihren Verbrennungen. Lange kämpfte die Hamburger „Initiative für ein Gedenken an Nguyen Ngoc Châu und Đo Anh Lân“, ein Zusammenschluss aus Überlebenden, Angehörigen der Opfer und weiteren, solidarischen Hamburgern, erfolglos um einen Gedenkort. Am Sonnabend ist vor dem Hotel eine Kundgebung geplant.

29 Asylbewerber aus Fulda nach Hamburg umgesiedelt

Der Mord an den beiden Vietnamesen ist der erste dokumentierte rassistische Mord durch Deutsche an Ausländern in der Bundesrepublik nach 1945. Die drei Neonazis hatten sich vor der Tat an einer Tankstelle eine Zeitung, das „Hamburger Abendblatt“, gekauft. In einem Artikel wurde beschrieben, wie sich die Hamburger über die Umsiedlung von 29 Asylbewerbern aus einem Heim in Fulda nach Hamburg ärgerten. Der Sprecher des SPD-geführten Senats, Manfred Bissinger, sprach damals von einem „unmöglichen und auf Dauer unerträglichen Zustand“. Die Stadt sei „schon mit 9000 Asylbewerbern überlastet“. In dem Artikel wurde auch die Adresse des Heims genannt: Halske­straße. Dort befindet sich heute ein Hotel.

Das Mitleid der Bundesregierung beschränkte sich laut „Zeit Online“ darauf, der Mutter von Đo Anh Lân trotz seines Todes den Nachzug nach Deutschland zu gewähren. Sie habe weder eine Entschuldigung erfahren, noch eine Entschädigung erhalten, nicht mal eine Erklärung.

Konferenzen per Internet-Video

Die Gräber der beiden Vietnamesen sind inzwischen aufgehoben. „Wir kennen aber die Orte, an denen sie begraben sind“, sagt Heribert von Goldammer. Der 78-Jährige und seine Frau Gisela (86) engagieren sich in der 2014 gegründeten Gedenk-Initiative. In den Wochen vor dem Todestag konferierten sie viel per Videoübertragung im Internet mit weiteren Mitgliedern der Initiative. „Meist sind wir zehn bis zwölf Leute“, sagt Heribert von Goldammer.

Nun soll auf dem Öjendorfer Friedhof, am Grab der Vietnamesen, eine Skulptur aufgestellt werden, die an die beiden jungen Männer erinnert. Sie wird am 29. August eingeweiht. Das Bezirksamt Hamburg-Mitte hat dafür 10.000 Euro zur Verfügung gestellt. „Dann gibt es für die Mutter von Đo Anh Lân endlich die Möglichkeit, dort in angemessener Umgebung, um ihren Sohn trauern zu können“, sagt Heribert von Goldammer: „Sie lebt in Hamburg.“

Künstler schuf auch das Denkmal für die sogenannten „Boat People“

Ein vietnamesischer Künstler wurde mit der Anfertigung einer Skulptur beauftragt. Sie zeigt ein aufgeschlagenes Buch auf einer 1,20 Meter hohen Granitsäule. In dem Buch wird der beiden Ermordeten in deutscher und vietnamesischer Sprache gedacht. Auch eine Gedenktafel soll aufgestellt werden. Sie soll Außenstehende über die schrecklichen Ereignisse vom August 1980 informieren. Der beauftragte Künstler schuf 2006 auch das Denkmal für die sogenannten „Boat People“ auf dem Friedhof Öjendorf. Es erinnert an die fast 250.000 Asiaten, die in Folge des
Vietnamkriegs in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren flüchteten und im Südchinesischen Meer den Tod fanden.

Vor dem Hotel an der Halskestraße sei wiederum selbst die Einrichtung einer schlanken Gedenktafel schwierig, betont von Goldammer: „Der Gehweg ist dort nur etwa 1,50 Meter breit.“ Das Bezirksamt habe trotzdem seine Zustimmung signalisiert. Alternativ werde darüber nachgedacht, einen Gedenkort auf der anderen Straßenseite nahe der Tankstelle zu bemühen.

Andy Grote lehnte Straßen-Umbenennung ab

Die Initiative fordert eigentlich, ein Teilstück der Halskestraße in Châu-und-Lân-Straße umzubenennen. Doch dies wurde 2015 vom damaligen Bezirksamtsleiter und heutigen Innensenator Andy Grote (SPD) abgelehnt. Er verwies damals auf die Kulturbehörde, die auf die historische Bedeutung des Namens des Ingenieurs Johann Georg Halske hinwies. „Im Übrigen sollen Namen von Verkehrsflächen nach den Vorgaben des Senats möglichst kurz, einprägsam, wohlklingend und für den mündlichen und schriftlichen Gebrauch unmissverständlich sein“, zitierte Grote in seinem Schreiben die Kulturbehörde.

Für diese Argumente haben die Mitgliedern der Initiative kein Verständnis, sie halten die Stellungnahme für zynisch. Am S-Bahnhof Landwehr erinnert der Ramazan-Avci-Platz seit 2012 an die Ermordung des Türken und seit 2014
die Tasköprüstraße an das Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in Altona. Gunnar Griepentrog von der Initiative nennt Lamp’lweg und Bellealliancestraße als weitere Beispiele für schwer auszusprechende Namen von Straßen, die es in Hamburg gibt.

„Brett aus Borniertheit“

Wenn es um ein Gedenken Ermordeter geht, dürfe der Name nicht ausschlaggebend sein, betont die Initiative. „Es war uns immer klar, dass es ein dickes Brett ist, eine Straße umzubenennen“, sagt Gunnar Griepentrog. „Aber dass das Brett vor allem aus Borniertheit besteht, mussten wir erst lernen.“

Gisela und Heribert von Goldammer leben in Rahlstedt. Sie hatten damals, als Châu und Lân nach Hamburg kamen, Hilfspatenschaften für die Männer übernommen. Sie betreuten sie allerdings nur etwa vier Monate lang – dann wurde dem kurzen Leben der Vietnamesen ein brutales Ende gesetzt.

Mit den „Patenkindern“ zu einem Jazzkonzert und zum Chinesen

Gisela von Goldammer wurde als Kind eines deutschen Ehepaars in China geboren, spricht etwas Chinesisch. „Dadurch konnte ich mich damals mit den Geflüchteten verständigen.“ Weil viele Menschen in den Wohnunterkünften Hilfe benötigten, hatte die Sozialbehörde an die Hamburger appelliert, sich ehrenamtlich zu kümmern. Das Ehepaar von Goldammer folgte dem Appell gern.

Nguyen Ngoc Châu und Đo Anh Lân waren häufiger in der Wohnung der von Goldammers zu Besuch, halfen bei der Gartenarbeit, tranken Kaffee mit ihrer Patenfamilie, wurden von dem Ehepaar in ein chinesisches Restaurant oder zu einem Jazzkonzert eingeladen. „Wir haben ihnen auch mit dem Auto die Stadt gezeigt und ihnen Einkäufe nach Hause gebracht“, sagt die Seniorin.

17 Formulare ausgefüllt

Einmal seien 20 Vietnamesen aus der Unterkunft zum Essen in der kleinen Rahlstädter Wohnung zu Gast gewesen – deutsche Küche. Gisela von Goldammer, die damals für dieselbe Versicherung arbeitete wie ihr Mann, half bei Behördengängen. „Einmal füllte ich 17 Formulare für die Lohnsteuer aus.“

In der Nacht des Anschlags war Gisela von Goldammer zur Kur auf Sylt. Von ihrem Bruder erfuhr sie von dem Anschlag. „Dass es sich bei den Toten um unsere Schützlinge handelt, haben wir erst Tage später erfahren – aus der Zeitung“, sagt Heribert von Goldammer.

Thoi Trong Ngu (59) befand sich damals, als die Brandsätze flogen, in der Wohnunterkunft. Seine Frau Thi Kim Thoa Ngu (58) zog dort drei Monate nach dem Anschlag ein. Die früheren „Boat People“ lebten jeweils ein Jahr an der Halskestraße, bezogen dann eigene Wohnungen. Später lernten sie sich besser kennen – und heirateten 1986. Sie leben in Langenhorn, haben drei erwachsene Kinder und einen Enkelsohn. Beide arbeiten als U-Bahn-Fahrer für die HHA.

„Keiner hat uns gesagt, was los ist“

„Wir mussten in der Nacht des Anschlags alle raus auf die Straße“, sagt Thoi Trong Ngu. „Aber keiner hat uns damals gesagt, was los ist.“ Erst Monate später habe er erfahren, dass auf das Haus ein Anschlag verübt worden war. „Damals konnte ich nicht glauben, dass so etwas in Deutschland möglich ist.“

Die von Goldammers sind mit Thoi Trong Ngu und Thi Kim Thoa Ngu seit Jahrzehnten befreundet. Das deutsche Paar pflegt auch zu weiteren früheren Bewohnern der Ex-Unterkunft an der Halskestraße freundschaftliche Kontakte.