Tempo 50

Aktionismus oder besserer Schutz für Schwächere?

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Wiebke Schwirten
Tempo 50  gilt seit zwei Monaten im Landgebiet auch dort, wo viele Jahre 60 km/h gefahren werden durften.

Tempo 50 gilt seit zwei Monaten im Landgebiet auch dort, wo viele Jahre 60 km/h gefahren werden durften.

Foto: Wiebke Schwirten / BGZ

Kirchwerder. Das Tempolimit von 50 km/h sorgt für kontroverse Diskussionen. Manche halten die Herstellung der Rechtslage eher für Rechthaberei.

Kirchwerder.  Seit zwei Monaten gilt auf 54 Kilometern im Landgebiet Tempo 50 statt wie bisher Tempo 60. Hat es schon etwas gebracht? Ja und Nein – in jedem Fall aber kontroverse Diskussionen.

„Die Lage hat sich entspannt“

Betroffen sind Abschnitte auf Hauptverbindungsstraßen wie Kirchwerder Landweg, Heinrich-Stubbe-Weg oder Ochsenwerder Landscheideweg und Strecken auf Hauptdeichen. Anwohner des Kirchwerder Landwegs freuen sich, dass ihrem Wunsch entsprochen wurde. Denn Autofahrer hätten nach Tempo 60 in Höhe Kirchwerder Wiesen selten auf Tempo 50 bei der Wohnbebauung abgebremst. „Die Lage hat sich entspannt. Jetzt fahren die meisten Leute langsamer, ich werde nicht überholt“, sagt Anwohnerin Steffi Homuth. Was jetzt noch fehle seien Zebrastreifen bei den Kindergärten.

„Ich werde dauernd überholt“

Else Eckhardt aus Spadenland sagt: „Wenn ich mit 50 über den Hauptdeich fahre, werde ich in kürzester Zeit von zehn Autos überholt.“ Die Temposenkung erhöhe die Verkehrssicherheit nicht, findet die 63-Jährige. Das langsame Fahren auf beidseitig unbebauter Strecke („Dort die Elbe, auf der anderen Seite die Pampa“) mache andere Verkehrsteilnehmer eher aggressiv. Sie überholten hastig, gefährdeten Radler und den Gegenverkehr. An Bushaltestellen oder vor Schulen fahre sie ohnehin langsam, dazu brauche sie keine verordnete Beschränkung.

„Der Bürger wird bevormundet“

Dr. Kurt Schröder aus Ochsenwerder kritisiert die „Nacht- und Nebelaktion, in der klammheimlich die Schilder abgebaut“ worden seien. Hier werde der Bürger gegängelt und bevormundet.

„Es müsste tabufrei nachgedacht werden“

„Denn hier wird eine jahrzehntealte Vorschrift ausgegraben und ohne eingängige Überzeugung für den Bürger umgesetzt.“ Das sei Aktionismus, der nichts bringe. Die Sicherheitslage verbessere sich nicht („Raser interessiert das nicht“), schon gar nicht, wenn die Geschwindigkeit nicht kontrolliert werde. Der von der Polizei angegebene Personalmangel mag Dr. Schröder nicht überzeugen. „Da müsste einfach auch mal tabufrei über andere Arbeits- und Einsatzformen nachgedacht werden“, sagt er und denkt an Weiterbeschäftigungsmöglichkeiten fitter Polizeibeamter über die Pensionsgrenze hinaus.

„Schutz der schwächeren Verkehrsteilnehmer“

Hans-Jürgen Gäth, Chef der Verkehrspolizei des Polizeikommissariats 43 in Bergedorf (PK 43), versichert, das Ziel der Temporeduzierung sei der Schutz der schwächeren Verkehrsteilnehmer wie Radfahrer und Fußgänger. „Die Aktion war immer wieder groß angekündigt“ – in der Zeitung und in öffentlichen Ausschüssen. Man habe die 60-Schilder nicht gegen 50er getauscht, weil das zu zeit- und personalintensiv gewesen wäre – und rechtlich unnötig: Wo kein Schild stehe, gelte automatisch 50 km/h, denn das gesamte Landgebiet liegt innerorts in Hamburg. Kontrolliert werde wie zuvor „im Rahmen der Kapazitäten“. Das bedeutet: Einsatz von einem Videowagen, zwei Radarwagen oder einer Lichtschranke von der Verkehrsstaffel-Süd oder einer Laserpistole vom PK 43 – so es die Personalstärke erlaubt.

„Historisch gewachsen, aber nicht rechtens“

Schneller fahren auf Strecken, an denen keine direkte Bebauung angrenzt – das ist im Landgebiet historisch gewachsen, aber nicht rechtens, so Gäth. Eine Verwaltungsvorschrift zur StVO regele, dass mehr als Tempo 50 nur auf Vorfahrtstraßen mit benutzungspflichtigen Radwegen, Ampeln für Fußgänger und Linksabbiegespuren zulässig sei. Doch oftmals gibt es noch nicht einmal einen Fußweg. Und der Radweg am Hauptdeich ist eigentlich keiner, sondern ein Lagerstreifen für die Deichverteidigung.

Tödliche Unfälle im Landgebiet hatten nur indirekt etwas mit der Temporeduzierung zu tun, denn sie passierten in Bereichen, wo schon bisher 50 km/h galt. Sie waren lediglich Auslöser für eine Überprüfung.