Buchprojekt

Wenn der (Groß-)Vater ein NS-Täter war

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Thomas Heyen
Verleihung von Orden an Angehörige der Mannschaften im Lager durch Kommandant Max Pauly (1944).

Verleihung von Orden an Angehörige der Mannschaften im Lager durch Kommandant Max Pauly (1944).

Foto: Reiner Rump; KZ-Gedenkstätte Neuengamme / KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Neuengamme. Aufwendiges Projekt der KZ-Gedenkstätte Neuengamme: Nachkommen reflektieren ihre Familiengeschichte.

Neuengamme.  Menschen, deren Eltern oder Großeltern im Nationalsozialismus zu den Tätern gehörten, wollen sich oft nicht mit ihrer Familiengeschichte auseinandersetzen. Zu schmerzhaft ist die Beschäftigung mit Gräueltaten, an denen die eigenen Vorfahren beteiligt haben. Doch für sein Buchprojekt „Nationalsozialistische Täterschaften“ konnte Dr. Oliver von Wrochem neben zahlreichen Wissenschaftlern Autoren gewinnen, deren Väter, Onkel oder Großväter an den NS-Verbrechen beteiligt waren. Von Wrochem ist stellvertretender Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, in deren Auftrag er das Buch veröffentlicht.

„Das ist mit Abstand mein bisher größtes Buchprojekt“, sagt von Wrochem (47), der auch Leiter des Studienzentrums der Gedenkstätte ist. Von ihm stammen bereits 19 weitere Fachbücher als Autor oder Herausgeber. Mit dem Projekt „Umgang mit Täterschaften“ begann der promovierte Historiker bereits 2009. Seitdem leitete er gemeinsam mit Archivar Dr. Reimer Möller 30 Seminare „für alle familiengeschichtlich Interessierten“, sagt er.

Die Seminarreihe wird fortgesetzt

Die Reihe wird halbjährlich fortgesetzt „solange die Nachfrage groß ist“, sagt von Wrochem. Nachkommen von NS-Tätern lernen dort, wie sie erfolgreich selbstständig recherchieren können – „etwa im Bundesarchiv oder in der früheren Wehrmachtsauskunftsstelle Berlin“, sagt der Historiker.

Einige Teilnehmer beschäftigen sich mit ihrem Verwandten, der in der Wachmannschaft der SS in Neuengamme war, andere mit Tätern, die anderswo in Deutschland wirkten. „Die Menschen kommen auch aus Berlin, München oder Frankfurt, denn es gibt sonst keine vergleichbaren Seminare“, sagt der 47-Jährige.

In Gesprächsseminaren, die an die Rechercheseminare anknüpfen, tauschen sich „Neulinge“ mit erfahrenen Rechercheuren aus. „Oft geht es dabei um Erfahrungen wie Konflikten in der Familie, etwa, wenn ohne Wissen der Eltern recherchiert worden ist oder wenn Geschwister mit den neuen Informationen nicht an die Öffentlichkeit gehen wollen“, sagt der Seminarleiter.

Die Interviews wurden gefilmt

Mit einigen Besuchern führte von Wrochem Interviews, die von Filmemacher Jürgen Kinter gefilmt wurden. Die DVD „Nationalsozialistische Täterschaft in der eigenen Familie. Erinnerungsberichte in der zweiten und dritten Generation“ (139 Minuten) liegt dem Buch bei, ist für 5 Euro auch separat erhältlich.

Einige der Interviewpartner wirkten auch als Autoren an dem Buch „Nationalsozialistische Täterschaften – Nachwirkungen in Gesellschaft und Familie“ (540 Seiten) mit. Zu ihnen gehört der Literaturwissenschaftler Horst Ohde, Jahrgang 1935 aus Eppendorf. Er ist der Neffe von Werner Ohde, dem Bäcker, der damals das KZ mit Brot belieferte. „Dadurch ist aus der ‘Vierländer Bäckerei Ohde’ damals ein großer Betrieb geworden“, sagt von Wrochem. Horst Ohdes Stiefvater Ernst Büscher war wiederum Mitglied der Lager-SS. Die meisten Nachkommen haben ihre Empfindungen selbst niedergeschrieben. „Ich wollte nicht über sie schreiben, sondern dass sie selbst reflektieren, als Autoren selbst ihre eigene Geschichte aufschreiben“, sagt der Projektleiter.

Vater war Kommandant des KZ Neuengamme

In dem Beitrag „Ein KZ-Kommandant in der Familie“ schildert von Wrochem seine Begegnungen mit Ralph Schwerdt, dessen Vater Martin Weiß von 1940 bis 1942 Kommandant des KZ Neuengamme und später auch Kommandant in den KZ Dachau Lublin-Majdanek war.

„Das Buch geht nun in den Druck“, sagt von Wrochem. Es erscheint Ende März, ist dann für 24 Euro im Buchhandel, im Buchshop der Gedenkstätte und per Klick auf www.kz-ge denkstaette-neuengamme.de. Dort finden sich auch weitere Infos zu den Seminaren.

Am Dienstag, 5. April, 18 bis 20 Uhr, wird das Buch in der Staatsbibliothek, Von-Melle-Park 3 (Uni Hamburg), vorgestellt. Unter anderem lesen Horst Ohde, der Historiker Johannes Spohr, Enkel eines Wehrmachtsoffiziers, und die Publizistin Alexandra Senfft, Enkelin des deutschen Statthalters in der Slowakei, ihre Beiträge aus dem Buch vor. Der Eintritt ist frei.

Die Interview-DVD wird am Mittwoch, 27. April, 18 bis 20 Uhr, im Abaton-Kino, Allende-Platz 3, vorgeführt.