Psychologe Michael Thiel

Experte in Sachen Lebenshilfe

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Jule Monika Witt

Foto: Kabel eins / Kabel 1

Kirchwerder. Michael Thiel verbrachte die Kindheit in Vierlanden – und wurde zum gefragten TV-Psychologen.

Was hat dieser Mann, worüber andere Psychologen nicht verfügen? Wahrscheinlich sind es seine ruhige Art und seine klare, einfache Sprache – ohne jedes Fremdwort, die ihn zum gefragten Spezialisten für schwierige Lebenslagen gemacht haben. Ob Fernseh-Magazine wie „Spiegel TV“ und „Mona Lisa“, Zeitschriften oder Tageszeitungen: Wenn ein psychologischer Experte gebraucht wird, greifen alle gern auf Michael Thiel zurück. Seit 2005 arbeitet der 49-Jährige auch als Moderator für den öffentlich rechtlichen Rundfunk und private Sender. Im November begann die zweite Staffel von „Schluss mit Hotel Mama“ auf Kabel 1.

Dass diese imposante Erscheinung mit dem Rauschebart bei all dem Trubel bodenständig, ja geradezu gemütlich geblieben ist, liegt daran, „dass ich weiß: Es gibt ’ne andere Welt“. Und die liegt in den Vierlanden. Hier ist Michael Thiel aufgewachsen – zumindest die ersten sechs Jahre seines Lebens. Seine Eltern – eine Rechtsanwaltsgehilfin und ein Krankenpfleger, der zudem ein „begnadeter Akkordeonspieler“ war – bewohnten mit ihren drei Söhnen die Hälfte eines kleinen Hauses am Kirchwerder Landweg. Auch für Großmutter und Onkel war dort noch Platz.

Die Kinder spielten den ganzen Tag draußen, kamen nur mittags kurz zum Essen herein und „abends fielen wir todmüde ins Bett“, erinnert sich Thiel. Kein Baum war zu hoch, kein Graben zu tief und kein Eis zu dünn: Jeden Tag erlebten die drei Jungs zusammen mit den Kindern aus der Nachbarschaft neue Abenteuer. Und wenn sie sich nach Geborgenheit sehnten, dann brauchten sie nur nach Hause zu gehen. „Es war die absolute Freiheit“, sagt Thiel. „Wir sind mit Tieren aufgewachsen, hatten Kaninchen, Schweine und ‚Anka’, die Boxerhündin.“

Noch heute hat er bestimmte Gerüche in der Nase – „den der Elbe zum Beispiel oder den satten Erdgeruch“. Nicht selten hielt er sich nebenan in dem kleinen Treibhaus auf und half den Nachbarn beim Umtopfen. „Und wie oft sind wir angeln gegangen“, erinnert sich Thiel, der leidenschaftlicher Angler geblieben ist – einer der Gründe, warum er sich gern mit seiner Frau Annika Lohstroh auf die Lofoten zurückzieht. Nicht zu vergessen das Plattdeutsch, das er in diesen Kindertagen lieb gewonnen hat und das er bis heute pflegt. Oder die lauen Sommerabende, die seine Familie plaudernd mit den Nachbarn auf der kleinen Treppe am Haus verbrachte.

Die Zeit in Vierlanden endete abrupt mit seinem sechsten Lebensjahr – kurz bevor der kleine blonde Junge in die Schule kam. Als die Familie nach Horn zog, weil der Vater eine Stelle am Krankenhaus St. Georg angenommen hatte. Nicht mehr draußen spielen können, weil das wegen der vielen Autos zu gefährlich war. „Blöde Stadtkinder“, die Plattdeutsch nicht verstanden: Unter all dem litt er sehr. „Da bin ich zum ersten Mal dick geworden“, sagt Thiel, den manchmal überflüssige Pfunde noch ärgern.

Sei’s drum: Der jüngste Sohn – mittlerweile Halbwaise – macht als einziger Abitur und studiert Psychologie. Eigentlich wollte er Schauspieler werden, nahm Unterricht und spielt bis heute – beispielsweise den Hotzenplotz im Theater für Kinder. „Aber für meine Mutter und meine Brüder war Psychologie schon recht exotisch“, sagt Thiel. Er spezialisiert sich auf Krisenintervention, Kinder-, Jugend- und Familientherapie, lernt unter anderem bei Professor Paul Watzlawick am Mental Research Institute im kalifornischen Palo Alto und wird so zum Experten in Sachen Lebenshilfe. Über die Zeitschrift „Für Sie“ und einem Part in einem Buch über Schwiegermütter landet er schließlich beim Fernsehen. „Die schätzen mich, glaube ich, weil ich kompetent, aber gleichzeitig unkompliziert bin“, sagt Thiel, und seine Omnipräsenz auf allen Kanälen gibt ihm Recht.

In diesem Jahr werden es 23 Jahre, in denen er als Psychologe, Supervisor, Trainer und Coach tätig ist. Haben sich die Menschen während dieser Zeit verändert? „Und ob“, sagt Thiel, „wir sind zu einer Beziehungs-Wegwerf-Gesellschaft geworden. Die wenigsten Paare halten durch, wenn’s mal schwierig wird.“ Vielen Menschen fehle heute die Fähigkeit, tiefe Bindungen einzugehen. Oder die Kinder und Jugendlichen: Sie seien schnell gelangweilt, erlebten ihre Umwelt nicht mehr als Abenteuer. „Wie denn auch – in der Stadt? So suchen sie ständig nach neuen Reizen, die ihnen die mediale Welt auf Dauer aber auch nicht liefern kann“, sagt Thiel.

Was hält der Psychologe in ihm von guten Vorsätzen, die zu keinem Zeitpunkt so allgegenwärtig sind wie zur Jahreswende? „Veränderungen müssen gut geplant sein. Wer sagt: ‚Ich möchte gern dies und das’ – das geht in die Hose“, sagt der 49-Jährige. Wichtig sei es, realistisch zu starten und das Vorhaben drei Monate lang durchzuhalten. „Dann haben sich die Veränderungen im Gehirn verfestigt.“ Neues auszuprobieren und mal zu gucken, was passiert, das sei das Beste, was jeder machen könne, sagt der Mann mit dem Rauschebart und aus ihm spricht der kleine blonde Abenteurer aus den Vierlanden.