VfL Lohbrügge

Marvin Karow war ganz nah dran an der großen Profi-Karriere

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Hanno Bode
Marvin Karow vom VfL Lohbrügge besticht durch perfekte Ballbehandlung und Zweikampfstärke.

Marvin Karow vom VfL Lohbrügge besticht durch perfekte Ballbehandlung und Zweikampfstärke.

Foto: Hanno Bode

Bei Hannover 96 und dem VfL Wolfsburg stand er im Kader – und erlebte den tragischen Suizid von Robert Enke mit.

Lohbrügge. Am Morgen des 15. November 2009 herrscht im Stadion des damaligen Fußball-Bundesligisten Hannover 96 eine bedrückende Atmosphäre. Unzählige Tränen fließen, kaum ein Wort wird gesprochen. 35.000 Menschen sind gekommen, um des verstorbenen Nationaltorhüters Robert Enke zu gedenken. Der an Depression erkrankte Keeper hatte sich fünf Tage zuvor das Leben genommen. Zu den Besuchern der Trauerfeier zählt auch Marvin Karow. Er ist damals 19 Jahre alt, steht bei der U23 von „96“ unter Vertrag und kannte Enke von den Trainingseinheiten der Profimannschaft, die er mitbestreiten durfte.

Training unter Felix Magath: „Das war ein harter Hund“

„Es war einer der schlimmsten Momente, die ich je erlebt habe“, sagt der heute beim Oberligisten VfL Lohbrügge spielende Mittelfeldakteur. „Er hatte doch alles, was man sich wünscht: Erfolg, Geld und eine Familie. Da fragt man sich schon, wie so etwas passieren kann“, fährt Karow fort, der im weiteren Verlauf seiner Karriere dann aber feststellen musste, dass „viele Profis psychische Probleme haben“. Der Tod Enkes war die schlimmste und prägendste Erfahrung für den früheren U17-Nationalspieler, der als 18-Jähriger vom ASV Bergedorf 85 zum VfL Wolfsburg gewechselt war und dort unter dem damaligen Coach Felix Magath („Das war ein harter Hund“) mit dem Team trainierte, das im Sommer 2009 Meister wurde. Der Durchbruch bei den „Wölfen“ blieb dem Blondschopf trotz seines rasanten Aufstiegs verwehrt. Auch im Profifußball konnte er sich nicht etablieren. Die Regionalliga war das Höchste der Gefühle für den gebürtigen Hamburger.

„Ich würde heute vielleicht ein, zwei Sachen anders machen. Aber ich war damals ein junger Spieler. Und es ist halt so gekommen, wie es gekommen ist“, blickt der Lohbrügger Routinier auf seine Zeit bei den Bundesligisten Wolfsburg und Hannover zurück, in deren Nachwuchsteams er spielte. „Geld allein“, so beteuert der 32-Jährige, „macht nicht glücklich“. Auch deshalb schlug er 2011 nach dem Ende seines Engagements bei „96“ Angebote von Proficlubs aus Finnland und Luxemburg aus. Später, als er bereits einige Stationen im Amateurfußball hinter sich hatte, ergab sich die Chance, nach Katar zu wechseln. „Aber ich habe da immer auf mein Bauchgefühl gehört. Und es ist ja auch nicht leicht, alles für einen Wechsel aufzugeben“, erklärt Karow.

VfL-Coach Elvis Nikolic war schon sein Jugendtrainer

Der 32-Jährige ist mit sich im Reinen. In vierter Generation führt er gemeinsam mit seinem Bruder Kevin Karow, der in der Saison 2007/2008 als Torwart im Kader der „Elstern“ stand, den Schausteller-Familienbetrieb. Allerlei Süßes und Glühwein verkaufen sie in ihren Buden. Während sich Kevin um die Geschäfte im Münchner Raum kümmert, ist Hamburg Marvins Gebiet. So ist es ihm möglich, nebenbei noch für den VfL seine Schuhe zu schnüren. Zu dieser Saison war er vom Niendorfer TSV an den Binnenfeldredder gekommen. Eingefädelt hatte den Wechsel Elvis Nikolic, der Lohbrügge gemeinsam mit Sven Schneppel trainiert.

„Ich kenne Elvis schon, seitdem ich 14 bin. Er war mein Jugendtrainer bei Concordia“, erklärt Karow. Vom Wandsbeker Traditionsverein war er damals zu den Junioren des Hamburger SV gewechselt und hatte dort unter anderem mit dem heutigen Bayern-München-Stürmer Eric Maxim Choupo-Moting, Christian Groß (Werder Bremen) sowie Hanno Behrens (Hansa Rostock) zusammengespielt. „Klar, wenn ich sehe, was sie geschafft haben, ärgere ich mich schon ein bisschen, dass mir das verwehrt geblieben ist“, gibt Karow offen zu.

Die Lohbrügger schielen noch auf die Meisterrunde

In Wolfsburg sei , gibt das Defensiv-Ass selbstkritisch zu. Bei „96“ hatte er dann Pech, dass ihn eine Verletzung zu einer langen Pause zwang. Weil sich sein Berater anschließend nicht um einen neuen Club gekümmert habe, „war es dann Aus“, erzählt der 32-Jährige. Statt des erhofften Durchbruchs auf der großen Bühne folgten nun viele Jahre im Amateurfußball. USC Paloma, TuRa Harksheide, FC Schönberg, Mecklenburg-Schwerin, Malchower SV und Niendorfer TSV hießen seine Stationen, bevor er zum VfL wechselte.

In Lohbrügge lebte früher sein Großvater, der einst einen Zirkus betrieb. Dafür, dass seine größtenteils Oberliga-unerfahrenen Mitspieler nicht zu viel Zirkus machen, sorgt seit Saisonbeginn nun Karow als ordnende Hand im Zentrum. „Am Anfang war ich noch nicht ganz fit. Aber jetzt muss ich vorangehen“, sagt der Routinier. Zuletzt beim 1:0-Sieg beim Bramfelder SV erzielte er das Siegtor. Gegen Concordia soll nun nachgelegt werden. Denn: „Wir schielen schon noch mit einem Auge auf die Meisterrunde“, erklärt Karow kämpferisch. Und bei einem wie ihn, der viele Höhen und Tiefen in seiner Karrieren erlebt hat, darf man gewiss sein, dass er alles daran setzen wird.

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