Vor 60 Jahren

Oberliga-Aufstieg: Als die „Elstern“ Geschichte schrieben

Karl-Heinz Pörschke (rechts) in Aktion. Er war in den 50er-Jahren der Linksaußen der legendären „Elstern“-Elf.

Karl-Heinz Pörschke (rechts) in Aktion. Er war in den 50er-Jahren der Linksaußen der legendären „Elstern“-Elf.

Foto: ASV Bergedorf 85

Bergedorf. Den Sprung in Deutschlands höchste Liga schaffte der ASV Bergedorf 85 vor 60 Jahren. Und lehrte die Großen das Fürchten.

Bergedorf. Als die Fußballer des ASV Bergedorf 85 nach dem Spiel beim Itzehoer SV zusammenhockten, herrschte Totenstille. Die „Elstern“ hatten das erste Aufstiegsspiel zur Oberliga verloren. Auch weil sich Keeper Manfred Lüneburg am rechten Handgelenk verletzt hatte. Damals – wir schreiben das Jahr 1958 – durfte noch nicht gewechselt werden. Lüneburg hatte daher in der zweiten Hälfte im Sturm gespielt – Endstand 1:7. „Niemand von uns hat mehr daran geglaubt, dass wir es noch schaffen“, erinnert sich Karl-Heinz Pörschke.

Erfolgreichste Jahr der Vereinsgeschichte

Vor 60 Jahren erlebte der ASV Bergedorf 85 das erfolgreichste Jahr seiner Vereinsgeschichte. Einer der wenigen Protagonisten von damals, die noch leben, ist Pörschke. Der Linksaußen („Den rechten Fuß hatte ich nur, damit ich nicht umfalle“) lebt schon seit einigen Jahren in einem Altenheim in Bergedorf, wo wir ihn besuchen. Im Schlafzimmer hängt ein Bilderrahmen mit Fotos und Artikeln der goldenen Jahre der „Elstern“. Und ein Vertrag, gültig für die Oberliga, der damals höchsten deutschen Spielklasse. 160 Mark Entschädigung bekam der heute 82-Jährige von Bergedorf 85 pro Monat – plus zehn Mark Auflaufprämie pro Spiel. „Das war ein schöner Zuverdienst“, sagt Pörschke.

18 000 Zuschauer im Billtalstadion

Bis zur Oberliga war es für ihn und seine Mannschaft jedoch ein weiter Weg. Dreimal waren die „Elstern“ zuvor in der Aufstiegsrunde gescheitert. Und dann dieser katastrophale Auftakt in Itzehoe. Doch sie berappelten sich. Und hatten im letzten Spiel ein Finale vor der Brust – ausgerechnet gegen Itzehoe. Es ist der 25. Mai. 18 000 Menschen kommen ins Billtalstadion und damit so viele wie nie zuvor. Es wird ein mitreißender Nachmittag. Sangesfreudige Männer schwenken Transparente: „Es ist Gottes Wille, der Sieger kommt von der Bille.“ Pörschke erzielt zwei Tore, „85“ gewinnt 5:2 und steigt auf. Ganz Bergedorf steht Kopf. Die Spieler werden auf Schultern über den damaligen Grandplatz getragen. Es folgte die norddeutsche Amateurmeisterschaft am 1. Juni durch einen 3:0-Sieg am Millerntor vor 8000 Zuschauern gegen den VfV Hildesheim. Da konnte die Mannschaft von Trainer Heinz Werner die 1:3-Niederlage im Endspiel um die deutsche Amateurmeisterschaft gegen Hombruch 09 knapp zwei Wochen später verschmerzen. 25 000 Menschen säumten das Stadion „Rote Erde“ in Dortmund.

Alle fürchteten den Grand

In der Hinrunde der Spielzeit 1958/59 sorgte der Aufsteiger aus Bergedorf für Furore. Auch weil die Gegner großen Respekt vor dem rotbraunen, harten Grand im Billtal hatten. Als erster der großen Klubs kommt am 30. August Werder Bremen. Und wird mit einer 5:2-Packung zurück an die Weser geschickt. „Nur gegen eine Mannschaft haben wir immer verloren“, erinnert sich Pörschke. Am 19. Oktober gibt es einen neuen Rekord im zwischen 1949 und 1950 erbauten Billtalstadion. 25 000 Zuschauer wollen den großen Hamburger SV sehen. Und reiben sich die Augen, als Erwin Ihde zum 1:0 für die Gastgeber trifft. Doch es nützte nichts. Uwe Seeler und Co. siegen 4:1.

Nach einem 4:1-Erfolg im letzten Spiel der Hinserie gegen den VfL Wolfsburg geht das erfolgreichste Jahr der Vereinsgeschichte für die „Elstern“ zu Ende. Der Aufsteiger steht vor der Winterpause auf einem sensationellen dritten Platz. In der Rückrunde sind die Gegner gewarnt. Bergedorf beendete die Spielzeit schließlich als Elfter.

Am Millerntor gegen Pelé

Pörschke hat nie für einen anderen Verein als „85“ gespielt: weder als Schüler, Jugendlicher oder bei den Herren. „Auch wenn mir Fußball immer eine große Befriedigung gegeben hat, Fußball war nicht alles“, erkannte der gebürtige Hamburger aus dem Stadtteil Rothenburgsort frühzeitig. Er machte eine Ausbildung bei der Hauni, beendete bereits im Alter von 24 Jahren seine Oberligakarriere, legte den Betriebswirt nach und ging bis zur Rente zur HEW (heute Vattenfall).

Sein größtes Spiel erlebte Pörschke, der als Achtjähriger nach Bergedorf zog, mit der Hamburger Auswahl. Die trat 1959 am Millerntor gegen den FC Santos an. Pörschke und Co. verloren 0:6. „Wir waren absolut chancenlos“, erinnert sich Pörschke. Ein junger Brasilianer, dessen Stern gerade aufging, spielte alle schwindlig. Er wurde weltberühmt. Sein Name: Pelé. Doch das ist eine andere Geschichte.