Neuengamme

Erinnerung: Jacqueline Morgenstern mit zwölf Jahren ermordet

Jacqueline Morgenstern bei ihrer Erstkommunion, 1944.

Jacqueline Morgenstern bei ihrer Erstkommunion, 1944.

Foto: Privat

Der KZ-Gedenkstätte Neuengamme werden historische Unterlagen geschenkt. Keine Ausstellung im Rathaus, aber am Hühnerposten

Hamburg. Kurz vor Weihnachten erhielt das Archiv der KZ-Gedenkstätte Neuengamme ein Geschenk aus Frankreich: In dem Paket aus Paris waren zahlreiche Flugblätter und Fotografien enthalten, die Dr. Henri Morgenstern in den vergangenen Jahrzehnten zusammengetragen hatte.

Der 1933 geborene Franzose ist der Cousin von Jaqueline Morgenstern. Das Mädchen war eines von 20 jüdischen Kindern, die Ende des Zweiten Weltkriegs im KZ Neuengamme für medizinische Versuche missbraucht und schließlich am Bullenhuser Damm ermordet worden waren.

„Ihm ist es sehr wichtig, dass historische Fakten und Geschichten der Shoah überliefert bleiben und daher bittet er darum, dass auch seine ganzen Fotos und Dokumente zugänglich gemacht werden. Er hat angekündigt, uns noch mehr Dokumente zur Verfügung zu stellen“, berichtet Iris Groschek, Sprecherin der Gedenkstätte.

Jacqueline Morgenstern wurde mit 12 Jahren ermordet

Jacqueline Morgenstern wurde am 26. Mai 1932 in Paris geboren. Ihr Vater Charles Morgenstern und dessen Bruder Leopold besaßen ein Friseurgeschäft. Nachdem die deutsche Wehrmacht Paris besetzt hatte, mussten die Brüder Morgenstern ihr Geschäft 1941 an einen „Nichtjuden“ abtreten. 1943 floh zuerst Charles Morgenstern, dann Suzanne mit ihrer Tochter Jacqueline nach Marseille.

Doch dort wurde die Familie verhaftet, in das Sammellager für Juden in Drancy bei Paris gebracht und am 20. Mai 1944 in das KZ Auschwitz deportiert. Jacquelines Mutter wurde dort ermordet. Ihr Vater kam kurz vor der Befreiung des Lagers mit dem letzten Transport in das KZ Dachau bei München. Er starb nach der Befreiung im Mai 1945. Jacqueline wurde am 28. November 1944 in das KZ Neuengamme gebracht und am 20. April 1945 am Bullenhuser Damm ermordet. Sie war zwölf Jahre alt.

Henri Morgenstern engagiert sich schon lange in der Erinnerungsarbeit

Henri Morgenstern selbst überlebte die Besetzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten, weil seine Mutter ihn bei einer nicht-jüdischen Familie versteckte. Erst 1979 erfuhr er durch den Journalisten Günther Schwarberg vom Schicksal seiner Cousine. Fortan engagierte er sich in der Erinnerungsarbeit und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm e.V.

Henri Morgenstern engagierte sich zudem für die strafrechtliche Verfolgung von Arnold Strippel. Der ehemalige Stützpunktleiter der Hamburger Außenlager wurde nie für seine Beteiligung an den Morden am Bullenhuser Damm belangt, mehrere Verfahren scheiterten.

Die Unterlagen von Henri Morgenstern sind nun für die historische Forschung im Archiv der KZ-Gedenkstätte Neuengamme zugänglich.

Ausstellung der Gedenkstätte im Hamburger Rathaus muss entfallen

Erstmals seit mehr als 20 Jahren wird es in diesem Januar keine Ausstellung des Teams der KZ-Gedenkstätte Neuengamme im Hamburger Rathaus geben. Mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten wurde dort stets anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus eine aufwendige Schau kuratiert, dazu ein umfangreiches Begleitprogramm mit Vorträgen, Führungen und Podiumsdiskussionen organisiert.

Am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau im Jahr 1945, soll es in diesem Jahr eine Gedenkveranstaltung am Mahnmal der KZ-Gedenkstätte Neuengamme geben, bei der mit einer Namenslesung und Zitaten an die Häftlinge des Konzentrationslagers erinnert wird. Nach derzeitigem Stand kann die Veranstaltung nicht als Präsenzveranstaltung, sondern ausschließlich als Online-Stream angeboten werden: www.instagram.com/neuengamme.memorial.

Erneut wird eine Ausstellung in der Zentralbibliothek gezeigt

Im Februar will die Gedenkstätte dann aber auch in der Hamburger City präsent sein: In der Zentralbibliothek am Hühnerposten soll ein Teil der 2018 im Rathaus gezeigten Ausstellung „Rund um die Alster“ erneut zu sehen sein.

Die Nationalsozialisten beanspruchten das repräsentative Zentrum Hamburgs an der Alster schnell für ihre Zwecke: Im Hotel „Atlantic“ hielt Adolf Hitler bereits 1926 eine programmatische Rede vor dem Hamburger Nationalklub von 1919. Im Frühjahr 1933 boykottierte die SA das heutige „Alsterhaus“, das wie andere Unternehmen und Geschäfte jüdischer Inhaberin den folgenden Jahren „arisiert“ wurde. Etliche Villen an der Außenalster belegte die NS-Regierung mit ihren Verwaltungsstellen.

Die Ausstellung zeigt oft nur wenig bekannte Aspekte der Geschichte Hamburgs im Nationalsozialismus. Es geht um Machtausübung und Opportunismus, um Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit, aber auch um resistentes Verhalten und Widerstand.

Am Dienstag, 9. Februar, 18 Uhr, stellt Herbert Diercks, Kurator der Ausstellung, Geschichten aus der Zeit des Nationalsozialismus vor, die sich „Rund um die Alster“ abspielten. Der Termin ist eine Online-Veranstaltung. Anmeldung über www.kz-gedenkstaette.de/veranstaltungskalender.