Im Gespräch

Wolfgang Sommer ist ein Mann mit vielen Talenten

| Lesedauer: 6 Minuten
Lena Diekmann
Wolfgang Sommer zieht sich gern in seine Werkstatt im Garten hinterm Haus zurück und greift dort zu Beitel und Klüpfel. Was für eine Skulptur aus dem Holz – hier mehr als 350 Jahre alte Eiche – entsteht, weiß er zu Beginn nie. „Ich spreche mit dem Holz, und der Prozess ist das Schönste.“

Wolfgang Sommer zieht sich gern in seine Werkstatt im Garten hinterm Haus zurück und greift dort zu Beitel und Klüpfel. Was für eine Skulptur aus dem Holz – hier mehr als 350 Jahre alte Eiche – entsteht, weiß er zu Beginn nie. „Ich spreche mit dem Holz, und der Prozess ist das Schönste.“

Foto: Lena Diekmann / BGZ/ Diekmann

Bevor der Vierländer die Bühne im Ohnsorg-Theater betrat, war er Meister an der Schere. Heute liebt er Bildhauerei – und eine Insel.

Hamburg.  In weißer Metzgerkluft mit Fleischermütze auf dem Kopf wird Wolfgang Sommer regelmäßig zu Bernhard Tramsen – dem wollüstigen Schlachtermeister, der ledigen jungen Damen gern im Treppenhaus nachstellt. Es ist Sommers Paraderolle. An die 350 Mal hat der 69-Jährige aus Neuengamme den Charakter im plattdeutschen Theaterstück „Tratsch op de Trepp“ schon verkörpert. Gemeinsam mit Heidi Mahler in der Hauptrolle als tratschsüchtige Nachbarin stand er auf der Bühne des wohl erfolgreichsten Ohnsorg-Klassikers aller Zeiten.

Anfang 2021 soll es noch einmal soweit sein: Nicht nur in Hamburg, sondern deutschlandweit sind Vorstellungen geplant. Wolfgang Sommer hofft inständig, dass es klappt. Denn nach der langen Corona-Pause vermisst der Vierländer die Bühne – und seine Mitspieler wie Heidi Mahler, deren Mutter Heidi Kabel einst schon die Rolle verkörperte. „Wir sind so eine geile Crew und wahnsinnig aufeinander eingespielt. Das macht einfach großen Spaß“, sagt Wolfgang Sommer.

Wolfgang Sommer sammelte erste Auftrittserfahrungen im Vierländer Speeldeel

Dabei ist der 69-Jährige, der als Kind in der Vierländer Speeldeel erste Auftrittserfahrungen sammelte, erst auf dem zweiten Berufsweg auf der Bühne gelandet. Dass sein einziger Sohn nicht in seine Fußstapfen als Gemüsebauer treten würde, war Vater Werner schnell klar. Ebenso klar war ihm aber auch, dass sein Sprössling im Alter von 15 Jahren genug Schulbildung genossen haben sollte.

Er ging mit ihm zur Berufsberatung nach Bergedorf, die Wolfgang Sommer eine „künstlerische Begabung“ bescheinigte. Und auf die Frage, was er damit wohl werden könnte, antwortete der Berater: „Friseur“. Und so geschah es: Im grauen Kittel und mit gescheiteltem Haar wurde Wolfgang Sommer Lehrling im Salon Bollmann in Bergedorf.

Er war handwerklich begabt, wurde mit 22 Jahren Norddeutschlands jüngster Friseurmeister. Als Färbemeister machte er sich in einem feinen Salon am Gänsemarkt einen Namen, frisierte Vicky Leandros und andere Stars, studierte, wurde Betriebswirt des Handwerks und betreute irgendwann 22 Geschäfte für Frisurenmode. Doch im Alter von 42 Jahren wurde ihm klar: „Das kann nicht der Sinn des Lebens gewesen sein.“

Wolfgang Sommer entdeckte auch die Freude an der Regieführung

In der Freizeit hatte er in der Lohbrügger Bürgerbühne bereits häufig auf der Theaterbühne gestanden. Also wagte er den Weg in die Zentrale für Bühne und Fernsehen, um dort die Theaterprüfung abzulegen. Und als er diese bestanden hatte, war er überglücklich: „Ich bin vor Freude über den Steindamm getanzt“, erinnert sich Sommer.

Da er in Neuengamme mit Plattdeutsch aufgewachsen war, kam schnell ein Kontakt mit dem Ohnsorg-Theater zustande. Schon bald gehörte er zum festen Ensemble. Auch an der Regie entdeckte er seine Freude und brachte einige Stücke mit der Speeldeel Fründschaft in Altengamme auf die Bühne.

„Ich wollte mit den Einheimischen leben“

Als er dann vor einigen Jahren vom festen Ensemble zu Stückverträgen wechselte, eröffnete sich ihm und seiner Frau Peggy Hesse-Sommer die Möglichkeit, einen Teil des Jahres in wärmeren Gefilden zu verbringen. Auf die Idee kam das Paar erstmals während einer Weltreise im Jahr 1990. Ob in Polynesien, Singapur, Indonesien oder Indien – „wir haben so viele tolle Menschen kennengelernt. Da wusste ich, ich möchte mit anderen Kulturen zusammenleben“, sagt Sommer.

Auf der Suche nach einem geeigneten Ort waren zwischendurch auch mal Bali, Kenia, Costa Rica und die Azoren im Rennen. Doch während das eine schon zu touristisch war, stimmten bei den anderen die Wetterbedingungen nicht oder sprachen letztlich Sicherheitsrisiken dagegen. „Ich wollte mich nicht hinter einem Zaun verstecken, sondern mit den Einheimischen leben“, betont der 69-Jährige.

Das Ehepaar hat eine zweite Familie gefunden

Im Internet entdeckten sie schließlich eine Annonce, in der ein Haus auf der kapverdischen Insel Maio zum Verkauf inseriert wurde. Schon beim ersten Besuch verliebten sie sich in die kleine Insel mit 7000 Einwohnern des vulkanischen Inselstaats vor der Küste Westafrikas. „Kilometerlange Strände am Meer, Delfine und Walfische, einfach traumhaft“, sagt Wolfgang Sommer.

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Mittlerweile haben sie dort auch eine zweite Familie gefunden: Mit Fischer Eduardo, Ehefrau Claudia und ihren vier Kindern fühlt sich Wolfgang Sommer eng verbunden. Frühmorgens fährt er häufig mit Eduardo auf den Atlantik hinaus, um Thunfisch, Segelfisch oder Goldmakrele zu fischen. Und das ist Schwerstarbeit: Die zum Teil viele Kilo schweren Fische werden mit bloßen Händen an der Angelschnur aus dem Wasser gezogen.

Wolfgang Sommer will Prüfung zum Kapverdischen Fischen ablegen

Aber auch an Land weiß sich Wolfgang Sommer zu beschäftigen: Die Liebe zur Bildhauerei entdeckte er auf der Weltreise in Indien „und fing einfach mal an“. Auf den Kapverden gestaltet er auch mal eine Akazienwurzel zu einer Skulptur und in den Vierlanden dann eben mehr als 350 Jahre alte Eiche. Häufig zieht er sich in seine Werkstatt zurück und lässt das Holz sprechen: „Ich weiß vorher nicht, welche Skulptur am Ende entsteht.“

Gerade jetzt braucht er diesen künstlerischen Ausgleich umso mehr, wenn er selbst nicht auf der Bühne stehen kann und auch die regelmäßigen Theaterbesuche ausfallen müssen. Die Corona-Pandemie war es auch, die das Paar aufgrund der besseren medizinischen Versorgung im Frühjahr vorzeitig nach Deutschland zurückkehren ließ. Sie hoffen darauf, bald nach Maio zurückkehren zu können. Dann will Wolfgang Sommer die Prüfung zum Kapverdischen Fischer ablegen. Danach wird er wohl wieder tanzen. Nur dieses Mal nicht über den Steindamm, sondern über einen schier endlos langen Strand.

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