Bergedorf

Grünen-Fraktionschef: „Habe viel von Angela Merkel gelernt“

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Interviewgast in der bz-Redaktion: Heribert Krönker (64), Bergedorfer Grünen-Fraktionschef aus Boberg. 

Interviewgast in der bz-Redaktion: Heribert Krönker (64), Bergedorfer Grünen-Fraktionschef aus Boberg. 

Foto: Jan Schubert / BGDZ

Heribert Krönker spricht im Interview über Abschied von Politik und Beruf – und weiß, was die Ex-Kanzlerin jetzt sagen würde.

Bergedorf.  In der heißen Phase des Wahlkampfs vor der niedersächsischen Landtagswahl am 9. Oktober kehrt ein Politroutinier in seine eigentliche Heimat zurück: Heribert Krönker, Grünen-Fraktionschef in Bergedorf (teilt sich diese Rolle mit Frauke Rüssau), unterstützt in seiner Heimatstadt Haselünne die jungen Nachwuchspolitiker Hanna Wiegmann und Nicolas Breer, beide Mitglieder des Stadtrats. Breer kandidiert nun für den Landtag in Hannover und lässt sich von Krönker beraten. Das könnte eine der letzten größeren politischen Aktivitäten des 64-Jährigen sein, der sich in zwei Jahren lokalpolitisch und beruflich in den Ruhestand begeben will. In der Serie Kurzbesuch aus der Politik erklärt Krönker bz-Redakteur Jan Schubert, warum er mit diesen selbstbestimmten Abschieden wunderbar klarkommt und warum die türkische Sprache alsbald für ihn interessant sein könnte.

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Bergedorfer Zeitung: Sie gelten nicht zwingend als der Sportexperte Ihrer Fraktion, aber Sie haben dennoch ein Lieblingsteam in der National Football League NFL, der nordamerikanischen Profiliga des American Football.

Heribert Krönker: Wenn es ein Team gibt, mit dem ich etwas verbunden bin, dann sind es die Cincinnati Bengals, weil mein Onkel dort wohnt und ich in den 1980er-Jahren ein Spiel live gesehen habe. Vom Regelwerk verstand ich nicht besonders viel, aber da war eine Wahnsinnspower im Stadion.

Sie waren auch mal Mitglied im Ausschuss für Sport und Bildung, gelten aber als Experte für Jugendhilfe, Soziales und Familien. Wie verhält es sich denn bei Ihnen mit dem Sport?

Ich bewege mich unglaublich gern, walke in der Boberger Niederung oder fahre mit dem Rad. So laufe ich mir den Kopf frei und komme auf neue Gedanken. Das Faszinierende ist, dass ich meine besten Ideen politisch wie beruflich immer in Bewegung bekomme.

Bei diesen Walking Sessions kam Ihnen auch der Einfall, in zwei Jahren sowohl mit Ihrer Berufslaufbahn als Kinder- und Jugendpsychotherapeut als auch mit dem Posten als Fraktionsvorsitzender der Bergedorfer Grünen aufzuhören?

Eigentlich bin ich jemand, der sich nicht trennt, der erst recht nicht hinschmeißt, der immer weitermacht. Das ist jetzt etwas Neues. Es geht nicht darum, dass ich nicht mehr mag oder nicht mehr will. Die Kunst ist doch, gut anzufangen, gut aufzuhören und etwas gut zu übergeben. Durch das Aufhören habe ich den Anspruch an mich selbst, dass das neue Kräfte freisetzt.

Das müssen Sie näher erklären.

Ich habe fünf Großneffen und Großnichten, davon ist der erste jetzt in die Schule gekommen. Insofern fühle ich schon, an dieser generationalen Schnittstelle zur Großelternebene zu stehen und spüre tiefer nach, was das so bewirken mag. Wenn ich so jemanden wie die Klimaschutzaktivistin Carla Reemtsma mit Angang 20 sehe, die so sehr bei Fridays for Future aktiv ist, denke ich: Sie ist mit der Frage der eigenen und der politischen Zukunft so intensiv beschäftigt, weil es ihr Leben und das ihrer Generation ist. Diese große Kraft spüre ich aus dem Abstand heraus intensiver, als ich es vorher gespürt habe. Dieses Gefühl empfinde ich als bereichernd.

Wie ist Ihr beruflicher Übergang mit der Boberger Praxis denn geregelt?

Ich habe zwei Partner in meiner Praxis. Mit meiner Kollegin bin ich schon viele Jahre ein Stück des Weges gegangen. Für mich war immer klar, dass ich den Übergabeprozess mitbestimmen und -gestalten möchte. Da ich Kinder- und Jugendpsychotherapeuten auch selbst ausbilde, sind beide ein Stück weit meine Schüler, symbolisch meine „Kinder“. Das ist, wie gesagt, mein Anspruch, dass man nicht von der Bildfläche verschwindet, entmachtet wird oder frustriert hinwirft.

Sie sind nah dran an Kindern und Jugendlichen. Wie hat die Corona-Pandemie diese Altersgruppe verändert?

In der Praxis haben wir einen enormen Annahmedruck, eine lange Warteliste. Die Nachwirkungen der Pandemie sind, dass Jugendliche in einen Lähmungszustand, einer tiefen Motivationskrise stecken, obwohl sie doch jetzt in die Welt hinausgehen müssten. Wenn man sich vorstellt, dass anderthalb bis zwei Jahre in der seelischen Entwicklung eines Kindes oder Jugendlichen fehlen, hat das immense Auswirkungen. Diese Lücke ist ja keine Leerstelle, sondern mit neuen Belastungen und Anforderungen verbunden. Wir als Grüne haben ja in der Pandemie auf politischer Ebene versucht, mit Kindern und Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und zwei Online-Formate dazu angeboten. Ich glaube, dass in dieser Zeit ein großes Bedürfnis nach Austausch und Kontakt entstanden ist.

Was wollen Sie mit der neu gewonnenen Freizeit ab 2024 anstellen?

Ich habe mir vorgenommen, Freiräume zu lassen, mir nicht den Kalender vollzupacken und mich mit neuen Sachen vollzuballern. Mal gucken, wie es mir als sehr strukturiertem, zielorientierten Menschen damit geht. Konkret könnte ich als gebürtiger Emsländer mir vorstellen, mich noch mal näher mit dem Plattdeutschen auseinanderzusetzen – vielleicht mit Kindern zusammen. Ich habe über viele, viele Jahre während meines Studiums Türkisch gelernt, damals habe ich als Student mit türkischen Kindern gearbeitet. Ich bin ja ein leidenschaftlicher Sprecher – manchmal zum Leidwesen meiner Zuhörer. Wenn das Wort „Diskurs“ fällt, rollen sie lächelnd mit den Augen.

Wer übernimmt denn künftig Ihre Sprecherrolle in Ihrer Partei?

Wir haben viele tolle junge Leute, die auch Verantwortung übernehmen wollen. Ich habe ja viel in meiner politischen Arbeit von Alt-Bundeskanzlerin Angela Merkel gelernt, die dann zu sagen pflegte: Es wird sich schon jemand finden.

Welcher persönliche Wunsch soll sich für Sie in diesem Jahr noch erfüllen?

Ich fahre im Oktober nach Sylt, darauf freue ich mich.

Was wünschen Sie sich für die Welt?

Dringend wäre, dass wir irgendwie eine Zuversicht miteinander in der Krisenzeit entwickeln und behalten. Mir ist das Miteinander in der Zivilgesellschaft sehr wichtig, deshalb würde ich mir wünschen, dass wir in einer breiten politischen Mitte solidarisch zusammenstehen und die Menschen, denen es nicht so gut geht, als Gesellschaft ausreichend mitnehmen und unterstützen.

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