Inklusion

Bergedorferin startet Rolli-Tanzprojekt, um Mut zu machen

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Gabriele Kasdorff
Julius Nünning filmt, während Kim Melissa Heinrich und Mark Philip Wolf schwungvoll miteinander tanzen. Gabriele Kasdorff

Julius Nünning filmt, während Kim Melissa Heinrich und Mark Philip Wolf schwungvoll miteinander tanzen. Gabriele Kasdorff

Foto: Gabriele Kasdorff - Kasdorff@magenta.de

Spastikerin und Rollifahrerin Kim Heinrich hat aufwendig einen Tanz einstudiert. Darüber berichtet ein kurzer Video-Clip im Internet.

Hamburg. Kim Melissa Heinrich (25) ist eine selbstbewusste, hübsche junge Frau, hat ihr Studium der Sozialpädagogik an der Hochschule Ostfalia in Braunschweig mit Bestnote abgeschlossen. Dennoch bedurfte es Hunderter Bewerbungen, bis sie endlich eine Anstellung fand – in der Wabe-Kindertagesstätte Neuer Mohnhof. Nun lebt sie in Bergedorf. Dass sie es als Spastikerin, die im Rollstuhl sitzt, schwer hatte, einen Job zu finden, ärgert sie. Weil sie sich häufig benachteiligt fühlt, engagiert sie sich als Inklusionsaktivistin. Als solche nahm sie nun ein Tanzprojekt in Angriff.

Inklusion: Den Rollstuhl sieht die 25-Jährige nur als Hilfsmittel

„Seit einer Nierenoperation im Alter von 15 Monaten, bei der ich eine Sauerstoffunterversorgung erlitt, sitze ich wegen meiner Spastik im Rollstuhl“, sagt die junge Frau. Die Spastik bewirkt, dass sie ihre Nerven und Muskeln nicht immer unter Kontrolle hat. „Von den Leuten höre ich oft, was ich angeblich alles nicht machen kann. Dabei kann ich vieles. Der Rollstuhl ist für mich lediglich ein Hilfsmittel.“

Während einer Vertretung im Musikunterricht in der Kita, bei dem die Kids mit Begeisterung auch tanzten, meinte ein Junge zu ihr, dass sie ja aufgrund ihres Rollstuhls nicht mittanzen könne. „Dabei wollte ich es schon als junges Mädchen lernen.“ Gedacht, getan: Kim Heinrich schrieb Tanzschulen in Bergedorf und Hamburg an.

Nur eine Tanzschule sagte ihr zu

Sie erhielt einige Antworten, aber nur eine sagte ihr zu: „Nur Anna und Viktor Schleining fragten mich, wie ich es mir konkret vorstellen würde, sind gleich auf mich eingegangen. Das hat mir gefallen, denn sie haben mir meine Selbstbestimmung gelassen.“ So lernte sie bei Anna (29) und Viktor (34) Schleining im Tanzsaal am Curslacker Heerweg 1 einen Tanz.

Jede einzelne kontrollierte Bewegung beim Tanzen ist für die junge Frau eine Herausforderung, erfordert höchste Konzentration. Um einen Tanz einstudieren zu können, hat sie etwa fünf Monate lang regelmäßig trainiert.

Die Schleinings sind Turniertänzer. „Die Mail von Kim hat unsere Neugierde geweckt, Wir haben uns gemeinsam mit Kim herangetastet, denn ein Konzept für Rollstuhltanz oder die Arbeit mit Menschen mit Behinderung hatten wir nicht“, sagt Viktor Schleining.

Ein Freund tanzt mit ihr, ein zweiter filmt das Projekt

Kim Heinrich motivierte nicht nur die beiden ehemaligen Turniertänzer, sondern auch ihre Freunde Mark Philip Wolf (26) und Julius Nünning (28), sie bei dem Projekt zu begleiten. Wolf willigte sofort ein und stellte sich als Tanzpartner zur Verfügung. „Ich machte Schritte aus meiner Komfortzone heraus, denn Tanzen habe ich zuvor nie gelernt“, sagt er. Um möglichst viele weitere Menschen mit Spastiken und auch Rollstuhlfahrer zu motivieren und ihnen Mut zu machen, filmte der Videokameramann Nünning die einstudierten Tanzbewegungen. „Daraus wird ein fünf- bis sechsminütiger Film über das Projekt.“

Die, die meinen, dass Menschen mit einer Spastik keine kontrollierten Bewegungen ausführen können, will Kim Heinrich mit dem Filmclip eines Besseren belehren. Denn mit viel Energie und starkem Willen sei vieles möglich, betont sie. „Barrierefreiheit ist ebenso wie ein selbstbestimmtes Leben ein großes Anliegen aller Menschen mit Behinderung“, meint die Sozialpädagogin.

Inklusionsaktivistin will Behinderten damit Mut machen

Die Idee der sportlichen 25-Jährigen ist, mit dem Tanzprojekt eine Botschaft in die Welt zu senden: „Hört den Menschen mit Behinderung zu, fragt, was sie möchten.“

Der fertige Film soll im Internet auf ihrem Instagram-Account Rolling_Khaleesi ab Juli zu sehen sein. Kim Heinrich wird von Freunden „Khaleesi“ genannt, weil sie sie wegen ihrer blonden, langen Haare an eine Figur aus der Serie „Game of Thrones“ erinnert. Die Rollstuhltänzerin freut sich darüber, dass Inklusionsaktivist Raul Krauthausen ihr Video auf seiner Plattform ebenfalls veröffentlichen wolle.

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