Winternothilfe

Politiker spenden, damit Obdachlose ins Hotel kommen

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Ulf-Peter Busse
Alltag auch in Bergedorf: Rund 70 Menschen leben im Bezirk auf der Straße.

Alltag auch in Bergedorf: Rund 70 Menschen leben im Bezirk auf der Straße.

Foto: Anne Strickstrock / BGZ / Anne Strickstrock

Auf Initiative der Linken in Bergedorf hat die Bezirksversammlung eine Spendenbox für die Winternothilfe gefüllt.

Bergedorf.  Der Winter wird kalt – und damit lebensgefährlich für Bergedorfs Obdachlose. Rund 70 Personen, so die Schätzung von Diakonie und Kirchengemeinde St. Petri und Pauli, leben im Bezirk auf der Straße. Ein Elend, das vor allem rund um den Bahnhof und auf der Promenade am Schleusengraben neben Kaufland täglich sichtbar ist.

Bergedorfs Politik und vor allem die Fraktion der Linken lassen das nicht kalt. Die Linke hat in der Bezirksversammlung jetzt eine Spendenbox für Bergedorfs Obdachlose rumgehen lassen. 534 Euro sind so zusammengekommen. Aufgestockt um weitere 1500 Euro vom Linken-Bezirksverband wurde das Geld nun an die Bergedorfer Engel übergeben, die seit acht Jahren unter anderem auf St. Pauli und an der Sternschanze in der Obdachlosenhilfe aktiv sind.

Bergedorfer Engel bringen Obdachlose im Winter in Hotelzimmern unter

Die Spende soll allerdings in Bergedorf bleiben, wo die „Engel“ ein erfolgreiches Projekt aus den vergangenen beiden Wintern gerade wieder aufleben lassen: „Wir holen Obdachlose von der Straße und bringen sie bis Ende März durchgehend im Hotel unter“, sagt Vereinsvorsitzender Thorsten Bassenberg. „Nur so kann eine Rückkehr in ein halbwegs geordnetes Leben gelingen, aus dem die Betroffenen durch verschiedenste Schicksalsschläge irgendwann gefallen sind.“ Die Erfolgsquote liege bei über 90 Prozent: So viele seien beim Vorbild, dem „Housing first“ in Finnland und Schweden, über diese Form der Winternothilfe zurück in feste Wohnverhältnisse gebracht worden.

„Das Leben auf der Straße bedeutet eine ständige Unruhe: Wie komme ich an Essen, wo schlafe ich die nächste Nacht?“, beschreibt Thorsten Bassenberg. „Das ist in einem Hotelzimmer schon nach wenigen Tagen ganz anders. Hier können sie duschen, sich Essen aus Lebensmitteln der Bergedorfer Tafel zubereiten und unterstützt von einem Sozialarbeiter erstmals auch in Ruhe eine Veränderung ihrer Lage vorbereiten – vom Gesundheitszustand bis zur festen Wohnung.“

Die ersten drei Bergedorfer Obdachlosen von der Straße geholt

Bisher haben die Bergedorfer Engel in diesem November immerhin schon drei Bergedorfer Obdachlose von der Straße geholt und in Kooperation mit dem „My-Bed“ am Kurfürstendeich in Allermöhe in einem einfachen Hotelzimmer untergebracht. „Unser Ziel sind für diesen Winter zehn Menschen. Und genau dafür wollen wir mit der Spende ein Zeichen setzten“, sagt Maria Westberg von den Linken.

Bei einem Preis von rund 40 Euro pro Person und Tag reichen die gut 2000 Euro zwar nur für einen Menschen – und für den auch nur bis Februar. „Doch ich hoffe, wir regen möglichst viele Bergedorfer an, diesem so erfolgreichen Projekt mitten in unserem Bezirk unter die Arme zu greifen.“ Alle Details dazu finden sich auf der Homepage www.bergedorfer-engel.de.

Bergedorf: Nur zwei Obdachlose im Winterprogramm des Senats aufgenommen

Tatsächlich gibt es für Bergedorfs Obdachlose kaum einen anderen Weg, im Winter dauerhafte Unterstützung zu bekommen. „Nur zwei von ihnen sind im Winternotprogramm des Senats untergekommen und können jetzt in den Containern der Friedenskirche am Ladenbeker Furtweg schlafen“, sagt Maria Westberg. „Da gibt es zwar insgesamt zehn Plätze, aber die sind zentral in Hamburg verlost worden und achtmal an Hamburger gegangen. Umgekehrt gehen Bergedorfs Obdachlose nicht in die Stadt, weil sie von den dortigen Obdachlosen vertrieben werden und sich die Bahnfahrkarte sowieso nicht leisten können.“

Kernproblem der dramatischen Lage im Bezirk ist nach Ansicht der Linken die noch immer fehlende Tagesstätte für Obdachlose. „Bergedorf fällt bei allen Hamburger Projekten stets hinten runter und damit leider auch die bei den von Obdachlosigkeit betroffenen Menschen“, ärgert sich Westberg. Entsprechend sei das Engagement der „Engel“ hier unverzichtbar. „Das gilt auch für Hamburgs jetzt aufgelegtes Modellprojekt, bei dem sich die Sozialbehörde am skandinavischen ,Housing first’ orientiert. Allerdings bloß mit 15 Wohnungen für die ganze Stadt – und natürlich keiner einzigen in Bergedorf.“

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