Tierschutz

Ärger um Bergedorfs Wildtiere: Stadt zahlt kein Geld

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Alexandra Schrader
Ein Igelbaby ohne Mutter – erst wenige Wochen ist es nun in der Auffangstation von Looki e. V. Ohne menschliche Hilfe würde es wahrscheinlich nicht überleben.

Ein Igelbaby ohne Mutter – erst wenige Wochen ist es nun in der Auffangstation von Looki e. V. Ohne menschliche Hilfe würde es wahrscheinlich nicht überleben.

Foto: Looki

Tierschützer sind entsetzt: Für Igel und Eichhörnchen in Not fühlt die Stadt Hamburg sich nicht zuständig.

Bergedorf.  Erst wenige Wochen alt sind die Igelbabys, die Vanessa Haloui vom Tierschutzverein Looki in Bergedorf zur Zeit aufzieht. „Ihre Mutter wurde tot neben dem Nest gefunden – sie hatte ein Wühlmausgift gefressen“, sagt Haloui. So wie der Igelfamilie ergehe es vielen Wildtieren, die in Städten leben. Ob Auto, Rasenmäher oder Pestizide – überall lauern Gefahren. Etwa 7000 Wildtiere würden allein dem Hamburger Tierschutzverein jedes Jahr gebracht: „Das sind mehr als die gebrachten Haustiere“, sagt Pressesprecher Sven Fraaß.

Doch aufgrund der Vielzahl an Tieren, die auch in Bergedorf jeden Tag abgegeben werden, musste Looki mit 386 tierischen Bewohnern nun einen Aufnahmestopp verhängen. Auch das Tierheim Süderstraße in Hamm kann nicht mehr alle gebrachten Tiere in seine Obhut nehmen. Auf der Suche nach mehr Unterstützung hatten Hamburger Tierschützer sich daher Mitte Juli mit dem CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Sandro Kappe und der Bergedorfer CDU-Fraktion an den Hamburger Senat gewandt. Im Fokus der Kleinen Anfrage: Wie kann Hamburg Tierschutzorganisationen noch mehr unterstützen?

Tierschutz Hamburg: Die Ehrenamtlichen fühlen sich von der Stadt allein gelassen

Aber die Antwort fällt aus Sicht von Vanessa Haloui und anderen Ehrenamtlichen ernüchternd aus. Insbesondere über einen Punkt ist Haloui entsetzt. Denn bei der Frage, warum das Tierheim an der Süderstraße für jedes abgegebene Haustier eine Pflegepauschale – also einen festen Geldbetrag – erhalte, für Wildtiere jedoch nicht, weist die Stadt alle Verantwortung von sich. Haushaltsmittel stünden nur für Leistungen zur Verfügung, für die die Hansestadt Hamburg zuständig sei. „Die Aufnahme und Versorgung von Wildtieren gehört nicht hierzu“, heißt es in der Antwort des Senats. Und das, obwohl Bürgern auf der städtischen Website unter anderem das Tierheim Süderstraße und Looki e. V. empfohlen werden, um Wildtiere in Not abzugeben.

„Die Stadt lehnt sich einfach zurück und lässt uns die Tierpflegekosten tragen“, sagt Vanessa Haloui. „Das ist eine bodenlose Frechheit.“ Mit dieser Einstellung ist sie nicht allein. Auch Bergedorfs CDU-Fraktionsvorsitzender Julian Emrich ist verwundert: „Dass die Stadt für Wildtiere keine Verantwortung übernehmen will – gerade mit den Grünen in der Regierung – das verstehe ich nicht.“ Die Ehrenamtlichen würden allein gelassen werden. „Wir werden auf jeden Fall dran bleiben und eine weitere Anfrage ans Parlament schicken.“

Wenn möglich sollen die Tiere immer wieder ausgewildert werden

Eine weitere Aussage sorgt für Unmut, denn in der Antwort heißt es außerdem: Bei Wildtieren sei in vielen Fällen ein Eingreifen des Menschen aus „tierpflegerischer Sicht nicht erforderlich.“ Haloui bestätigt zwar, dass manchmal Menschen Tiere voreilig mitnehmen. „Aber es klingt im Zusammenhang, als würden wir unnötigerweise Tiere aufnehmen.“ Natürlich kämen nur Wildtiere in Not in die Auffangstation am Pollhof – und davon gebe es eine ganze Menge. Das oberste Ziel sei zudem immer, sie wieder auszuwildern. Die gesamte Senatsantwort sei „ein Schlag ins Gesicht für Hamburger Tierschützer“, sagt Vanessa Haloui. Besonders schmerzhaft, weil die Spenden durch die Wirtschaftskrise wieder weniger geworden seien. Da sei städtische Hilfe nötiger denn je.

Auch Sven Fraaß empfindet die Einstellung der Stadt als falsch. „In den Großstädten nehmen wir den Wildtieren überall ihren Lebensraum. Wenn ein Tier vom Auto angefahren wird, ist das ja kein natürlicher Tod“, so Fraaß. Die Menschen seien daher ethisch dazu verpflichtet, Wildtieren in Not zu helfen. Neben finanzieller Unterstützung sei jedoch auch Aufklärung nötig. „Viele Tiere werden eben doch zu schnell mitgenommen, obwohl es ihnen häufig an nichts fehlt.“ Das betreffe vor allem viele Jungtiere.

Welche Hinweise es auf Krankheit oder Hilflosigkeit gibt

Seine Tipps, um richtig zu handeln: Erst genau schauen, wie das Tier aussieht. Hüpft der Vogel ohne Gefieder vielleicht nur auf dem Boden, um fliegen zu lernen? Bewegt er sich orientiert oder liegt er verletzt auf der Seite? Bei Säugetieren sei es wichtig zu gucken: Ist das Tier nackt, hat es ein schütteres Stachelkleid oder Ungeziefer an sich? Das seien Hinweise auf Krankheit oder Hilflosigkeit. „Eichhörnchenbabys fallen manchmal aber auch aus dem Kobel und die Mutter holt sie zurück“, sagt Fraaß. Daher sei es oft gut, Situationen erst mal zu beobachten. Auch unter hamburger-tierschutzverein.de gibt es Tipps zum Umgang mit verletzten Wildtieren.

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