Polizei Hamburg

Razzia in Bergedorfs wohl unheimlichster Laubenkolonie

| Lesedauer: 3 Minuten
Jan Schubert
Rausgeholt: Hier haben die Beamten einen Mann aus einer Laube geholt, der dort nichts zu suchen hat. Er wird hier von den Uniformierten verdeckt. 

Rausgeholt: Hier haben die Beamten einen Mann aus einer Laube geholt, der dort nichts zu suchen hat. Er wird hier von den Uniformierten verdeckt. 

Foto: Jan Schubert / BGDZ

Polizei durchkämmt das abgelegene Gelände des Kleingartenvereins "Schwarzer Weg" an der A25. Dort soll eine „Angstkultur“ herrschen.

Bergedorf. Jeder Schritt ist ein Wagnis. Weil bei den wild wuchernden Gräsern und Pflanzen nicht so klar ist, wo der eigene Fuß genau auftritt. Von wegen typisch deutsche Idylle des kleinbürgerlichen Spießbürgertums. Nicht in den verwahrlosten Teilen dieses „Kleingartenparadieses“. Der Gruppenführer fragt in die Runde: „Na, braucht noch jemand was zum Anziehen?“ Er zeigt auf eine hingeschmissene Jeans auf dem Boden, darüber eine halb aufgebrauchte Teestreichwurst. Niemand greift zu. Ganz anders als die rund 30 Polizeikräfte es sonst tun bei ihrer Razzia in der Kleingartenkolonie Schwarzer Weg an der A25.

Die, obgleich dort die meisten Laubenbesitzer rechtmäßig ihre Freizeit verbringen, jüngst keinen guten Ruf genoss, fast als „Laubenkolonie des Schreckens“ durchging. 20 Brandstiftungen an ausschließlich unvermieteten Parzellen gab es seit dem Jahr 2020, allein 2022 mussten die Rettungskräfte bereits viermal an den Neuen Weg ausrücken wegen Feueralarms.

Polizei Hamburg: Razzia mit rund 30 Beamten

Donnerstagvormittag. Die Laubenpieper bekommen für drei Stunden unangekündigten Besuch vom Polizeikommissariat 43, Kräften der Bereitschaftspolizei und der Kripo sowie Vertretern des Bergedorfer Verbraucherschutzamts und der Grundstückseigentümer HIE Hamburg Invest Entwicklungsgesellschaft und von Gladigau Immobilien. HIE gehört ein Hauptteil des Geländes mit circa 175 bis 200 Lauben. Bei 41 davon gibt es keinerlei Mietverträge.

Bei dem Einsatz geht es aber auch darum, mögliche Schlupflöcher für die Drogen- oder Alkoholszene sowie illegales Wohnen ausfindig zu machen. Auch die Umweltbehörde unterstützt den Einsatz, weil auf dem Gelände viel Müll abgeladen worden ist.

Was im Fokus seiner Kollegen steht, sagt Polizeisprecher Florian Abbenseth: „Wir haben uns bei dem Einsatz nur auf Lauben konzentriert, für die kein Mietverhältnis besteht.“ Die Bilanz: Fünf Personen werden tatsächlich herausgeholt, die dort eigentlich nichts zu suchen haben, zwölf Strafanzeigen (Hausfriedensbruch, Drogenbesitz und weiteres) werden geschrieben.

Gepflegte Grundstücke – und daneben eine abgefackelte Laube

Gleich mehrere Anzeigen vereint ein 41-Jähriger auf sich, den die Polizei aus einem Häuschen holt. Er hält sich nicht nur illegal in der Parzelle auf, sondern kann auch nicht schlüssig erklären, wie er an das gute Dutzend Fahrräder auf dem Grundstück gekommen ist: „Eines davon habe ich gefunden.“ Zudem findet die Polizei eine unbestimmte Menge an Haschisch und Marihuana bei ihm. Der 41-Jährige, der eigentlich in einer Wohnung in Neuengamme wohnt, kommt vorläufig in Polizeigewahrsam, wird am Donnerstagnachmittag aber bereits wieder entlassen. Nun werde ermittelt, ob die Räder aus Straftaten stammen.

Es ist zuweilen skurril: Hübsch gepflegte Grundstücke wechseln sich mit verdreckten Ruinenlandschaften ab. Scherben, Ablagesysteme, Reifen, Fässer, sogar ein Rollator wurde im Dickicht einfach vergessen In einem nicht zugewachsenen Bereich gackern freilaufende Hühner herum. Ein Gänserich reagiert mit lautem Schnatterprotest, als sich die Uniformierten seinem Freigehege nähern. Zu recht, wie sich herausstellt: „Wir dachten, bei dieser Parzelle seien die Besitzverhältnisse unklar. Sind sie aber nicht“, sagt ein Beamter nach Funkkontakt mit dem HIE-Mitarbeiter.

Bei Kleingärtnern und Spaziergängern habe sich eine Art „Angstkultur“ durch die absichtlich gelegten Brände entwickelt, sagt ein weiterer Polizist. Es sei denkbar, dass deshalb mögliche Hinweise auf Täter verhindert worden sind: „Man könnte ja das nächste Feueropfer sein.“ Florian Abbenseth wertet den Einsatz insgesamt als „Erfolg und wichtiges Signal für alle, die sich berechtigt wie auch unberechtigt“ am Schwarzen Weg aufhalten. Ob es neue Hinweise auf die Brandstiftungen gab, muss die weitere Auswertung der Razzia zeigen.

( jhs )

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Bergedorf