2. Weltkrieg

Kurz vor Kriegsende bricht über Bergedorf ein Inferno herein

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Ulf-Peter Busse
Friedensgespräch unter Lebensgefahr: Bergedorfs Delegation um Ex-Bürgermeister Hermann Matthäs ist am Abend des 2. Mai mit weißer Flagge auf der Landstraße nach Börnsen der britischen Armee entgegen gefahren.

Friedensgespräch unter Lebensgefahr: Bergedorfs Delegation um Ex-Bürgermeister Hermann Matthäs ist am Abend des 2. Mai mit weißer Flagge auf der Landstraße nach Börnsen der britischen Armee entgegen gefahren.

Foto: dr.boehart/archiv

Am 3. Mai 1945 wurde Hamburg kampflos den Alliierten übergeben. 22 Stunden zuvor fielen Granaten. Es gab Tote und Verletzte.

Bergedorf. Die Granaten fielen bei herrlichem Sonnenschein: Am Nachmittag des 2. Mai 1945 lockt das warme Frühlingswetter die Bergedorfer auf die Straßen. Sie stehen vor den Lebensmittelgeschäften an, Kinder spielen auf der Straße, die Nachricht von der bevorstehenden kampflosen Übergabe Hamburgs macht die Runde. Erstmals seit Wochen ist die Angst vor Tieffliegern und regelmäßigen Bomberalarmen wie weggeblasen – obwohl die britsche Armee bei Börnsen steht.

Doch um 18 Uhr bricht das Inferno los. Überall im Zentrum Bergedorfs schlagen Granaten ein, verwandeln das eben noch friedliche Leben in ein Inferno. 20 Minuten dauert der Artillerie-Beschuss. Dann herrscht Totenstille.

2. Mai 1945 in Bergedorf: 29 Tote, mehr als 100 Schwerverletzte

„Es gab keinen Alarm. Die Menschen wurden völlig überrascht“, beschrieb eine Augenzeugin später diesen schwersten Angriff auf Bergedorf im Zweiten Weltkrieg. Er forderte mindestens 29 Menschenleben, darunter viele Kinder. Zudem wurden mehr als 100 Schwerverletzte ins völlig überfüllte Bergedorfer Krankenhaus auf dem Gojenberg gebracht. Sie konnten dort nur notdürftig versorgt werden.

Besonders makaber: Die Granaten fielen am letzten Tag des Krieges auf Bergedorf. Nur 22 Stunden später, am 3. Mai um 14 Uhr, rollten die britischen Panzer über die Holtenklinker Straße in Bergedorf ein. Damit war der Zweite Weltkrieg hier beendet. Wie ganz Hamburg wurde Bergedorf kampflos übergeben – fünf Tage vor der Kapitulation Nazi-Deutschlands am 8. Mai.

Himmelfahrtskommando macht sich auf den Weg

Warum es zum Beschuss der Bergedorfer Innenstadt kam, ist nie eindeutig geklärt worden. Vermutlich fürchteten die Briten, dass hier der Hamburger Verteidigungswall aufgebaut wurde, denn am 2. Mai fuhren einige Panzer durch Bergedorf, marschierten verschiedene Militäreinheiten in den Straßen. Das war der intensiven Luftaufklärung der Briten natürlich nicht verborgen geblieben, die zudem am Elbhang bei Börnsen in ein heftiges Gefecht mit einer Einheit deutscher U-Boot-Soldaten verwickelt wurden.

Dass es am 3. Mai trotzdem zur friedlichen Übergabe Bergedorfs kommen konnte, lag an einem Himmelfahrtskommando in der Nacht: Mitten im Chaos der Granateneinschläge machten sich Ex-Bürgermeister Hermann Matthäs, Polizeichef Major Lübke und zwei weitere Polizisten in einem offenen Cabrio mit weißer Flagge auf den Weg und fuhren den Briten entgegen.

Wollten Briten Bergedorf dem Erdboden gleich machen?

Sie hatten Erfolg: Man ließ sie bis zum Divisionsgeneral vor, wo sie mit ihrem Leben garantieren mussten, dass es von Bergedorf aus bis zum Morgengrauen keinen einzigen Schuss in Richtung der Angreifer geben werde. Wie durch ein Wunder trat genau das ein. Die Alternative hätte nicht nur dem Quartett das Leben gekostet, sondern vielen weiteren Bergedorfern auch. Denn die Briten bereiteten sich darauf vor, Bergedorf dem Erdboden gleich zu machen.

Dass das nicht eintrat, lag auch an einer anderen Übereinkunft auf weit höherer Ebene: In derselben Nacht stimmte Hamburgs Reichsstatthalter Karl Kaufmann gegenüber der 2. Britischen Armee bei Lüneburg der Kapitulation der Hansestadt und ihrer friedlichen Übergabe am 3. Mai zu.

Gedenkstunde an das Kriegsende am Mahnmal am Schleusengarben

„Heute kommen uns vergleichbare Nachrichten aus der Ukraine wieder sehr nahe“, sagt Pastorin Angelika Schmidt vom Kirchspiel Bergedorf. „Die Bilder aus Butscha, Mariupol oder Charkiw mahnen uns, Wege zu suchen, wie die Waffengewalt gestoppt werden und die Verantwortlichen an den Verhandlungstisch zurückkehren können, damit das Töten ein Ende hat.“

Für kommenden Dienstag, 3. Mai, lädt Angelika Schmidt im Namen des Bergedorfer Rathausbündnisses gegen Rechts zur öffentlichen Gedenkstunde an das Kriegsende in Bergedorf ein. Von 15 Uhr an wird es am Mahnmal für Zwangsarbeiter auf der Promenade zwischen CCB-Fachmarktzentrum und Schleusengraben Reden von Vertretern verschiedener Bergedorfer Parteien und Institutionen sowie eine Kranzniederlegung geben. Musikalisch untermalt der Klarinettist Fedor Erfurt das Gedenken.

Gedanken zum Krieg in der Ukraine Teil der Gedenkstunde

„In unserer Feier werden wir an der allgemeinen Diskussion teilnehmen, wie der Weg zu einem Ende der heutigen Gewalt und einem neuen Miteinander der Staaten in Europa gefunden werden kann“, sagt Angelika Schmidt. „Das muss auf Augenhöhe sein, auf der Wahrung der Menschenrechte fußen und nicht auf der Unterwerfung des vermeintlich Schwächeren.“

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