Bergedorf

Den Künstlern im CCB über die Schulter schauen

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Anne K. Strickstrock
Sie arbeiten direkt vor Ort: Die angehende Kita-Helferin Selcan Turan und Müllwerker Frank Fischer.

Sie arbeiten direkt vor Ort: Die angehende Kita-Helferin Selcan Turan und Müllwerker Frank Fischer.

Foto: strickstrock / BGZ

„Frisch ausgepackt“ heißt die Ausstellung im Offenen Atelier Bergedorf. Auch ein Syrer und ein Afghane zeigen ihre Arbeiten.

Hamburg. Er hat tatsächlich Maler gelernt, bevor er als Straßenfeger auf St. Pauli anfing. Nun, nach fast 40 Jahren bei der Hamburger Stadtreinigung, ist Frank Fischer wieder Maler – und dazu sehr kreativ: Mit Pastellkreiden zeichnet der 58-Jährige bizarre Masken auf Papier. Und das mitten im Einkaufszentrum CCB. Denn dort, im Offenen Atelier Bergedorf, werkeln derzeit sieben Laienkünstler und lassen sich bei der Arbeit zuschauen. „Frisch ausgepackt“ heißt die neue Ausstellung.

„Es gibt kaum ehrliche Menschen. Jeder spielt sein eigenes Spiel und hat irgendwie eine Maske auf“, meint der Lohbrügger – und könnte sich philosophisch mit dem Foto-Künstler Mohammad Alsheikh zusammentun. Ein Jahr lang lebte der Syrer in einem Münchner Keller: „Die Bayern halten leider gern Abstand zu Ausländern. Ich war einsam und habe viel gelitten“, sagt der Mann mit den blauen Augen, der viel Schmerz fotografiert – mit Seilen, Pflastern und einer geballten Faust.

Im Schaufenster in Bergedorf entstehen farbenfrohe, großformatige Arbeiten

„In zwei Semestern“, so der 25-Jährige, „bin ich mit meinem Informatikstudium fertig. Danach will ich Regie studieren und hoffentlich nicht nur künstlerisch arbeiten, um damit gerade mal mein Essen verdienen zu können.“

Die Bleistiftzeichnungen der syrischen Schülerin Aya Almuhemded erleben ebenso ihre erste Ausstellung wie die großflächigen, knallbunten Bilder von Kita-Helferin Selcan Turan aus der Türkei: „Ich höre beim Malen gern spanische Pop-Musik, das regt meine Fantasie an“, sagt die 25-jährige Bergedorferin. Mindestens genauso farbenfroh ist Patricia Hauschildt, deren abstrakte, großformatigen Werke im Schaufenster entstehen: „Ich finde es toll, wenn die Leute stehen bleiben und mir fröhlich zugucken“, sagt die Künstlerin, die in Honduras aufwuchs – und sich in einen Geesthachter verliebte.

Auch die Schulklassen der beiden jüngsten Künstler haben sich angesagt

Für Susanne Kaminsky war es schon von Neetze nach Bergedorf ein großer Schritt. Mit Ruhe und Hingabe malt die einstige Sekretärin beim Medizinischen Dienst jetzt hübsche Halligen und die Strandkörbe von Heringsdorf. „Meist male ich von Postkarten ab, mit Acrylfarben, denn Öl trocknet viel zu lange“, meint die 79-Jährige und deutet auf ein Werk mit karibischem Flair: „Da war ich wirklich, 100 Tage durch den Panamakanal bis zu einer herrlichen Karibikinsel.“

Von einer Reise übers Meer könnte auch Rohid Fazli erzählen, der aus Afghanistan geflüchtet ist und heute in Reinbek lebt. Der 22-Jährige macht ganz andere Kunst: Er bastelte ein Schiff aus Zeitungspapier, dazu Ohrringe und Armbänder aus den Verschlüssen von Cola-Dosen. „Er ist uns irgendwie zugelaufen, und da wir hier im Atelier experimentelle Prozesse lieben, passt er gut dazu“, findet Anke Noppen. Die Initiatorin freut sich, wenn auch jüngere Gäste kommen, um den Künstlern von montags bis sonnabends zwischen 11 und 18 Uhr über die Schultern zu schauen: „Besonders toll ist, dass sich auch die Schulklassen unserer beiden jüngsten Künstlerinnen angesagt haben.“

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