Geflüchtete

Zwei Afghanen und ihre Liebeserklärung an Bergedorf

| Lesedauer: 4 Minuten
Alexandra Schrader
Samim Kakar und Farida Nabizada auf dem Sofa in ihrer Wohnung in Eidelstedt. Sie sind froh, in Deutschland zu sein, auch wenn sie ihre Heimat vermissen. Manche Familienmitglieder sind noch immer in Afghanistan.

Samim Kakar und Farida Nabizada auf dem Sofa in ihrer Wohnung in Eidelstedt. Sie sind froh, in Deutschland zu sein, auch wenn sie ihre Heimat vermissen. Manche Familienmitglieder sind noch immer in Afghanistan.

Foto: Alexandra Schrader

An ihre erste Zeit in Bergedorf hat die 55-Jährige gute Erinnerungen. Jetzt sucht sie hier für sich und ihren Sohn eine Wohnung.

Hamburg. Der Tisch ist reich gedeckt: Es gibt Oliven und Brot, Reis mit Lamm und Borani Badenjan, ein Gericht mit gebackenen Auberginen. Der Duft von grünem Tee und Kardamom schwebt in der Luft, auf dem Wohnungsboden liegen dicke, bunte Teppiche.

Im Zuhause von Farida Nabizada und ihrem Sohn Samim Kakar in Hamburg-Eidelstedt erinnert vieles an ihr Heimatland. Doch der Krieg hat 2013 erst Kakar und zwei Jahre später seine Mutter gezwungen, Afghanistan zu verlassen. Über viele Umwege kamen schließlich beide nach Hamburg: Während ihr mittlerweile 26-jähriger Sohn nach einem Jahr Flucht erst in Flensburg und dann in Wandsbek untergebracht wurde, fand Nabizada 2015 in einer Geflüchtetenunterkunft am Mittleren Landweg Zuflucht.

Ihr Flüchtlingsschicksal führte sie 2015 nach Bergedorf

In Bergedorf knüpfte sie erste Kontakte und entdeckte ganz neue Möglichkeiten für sich: Im Bille-Bad hat die 55-Jährige 2018 Schwimmen gelernt. Für sie keine Selbstverständlichkeit: „In Afghanistan dürfen das nur die Männer.“

Noch immer kommt die studierte Tierärztin regelmäßig nach Bergedorf, um hier mit circa 15 anderen geflüchteten Frauen zu schwimmen. Gerade, weil sie durch die Flucht über das Ägäische Meer lange große Angst vor Wasser hatte, ist sie stolz auf ihr neues Hobby. Doch seitdem sie 2019 mit ihrem Sohn in eine 1,5-Zimmer-Wohnung nach ­Eidelstedt gezogen ist, dauert die Fahrt nach Bergedorf fast eine Stunde – obwohl Nabizada mittlerweile sogar ihren Führerschein gemacht hat.

Die Wohnung in Eidelstedt ist zu klein

Problematischer findet die kleine Familie aber die Wohnungsgröße: Auf 52 Quadratmetern leben Samim Kakar und seine Mutter hier zusammen. Einer schläft im Wohnzimmer, einer in dem Wohnbereich neben der offenen Küche. „Die Wohnung ist schön, aber für uns leider wirklich zu klein“, meint Kakar.

„Trotzdem möchten wir gerne zusammenwohnen, wir sind eine Familie.“ Beide sind im Pflegedienst tätig und müssen daher in Schichten arbeiten „Auf so wenig Raum müssen wir dann besonders viel Rücksicht nehmen, wenn jemand lange gearbeitet hat. Das ist manchmal schwierig“, sagt Samim Kakar, der in seiner Freizeit leidenschaftlich gerne malt.

Nun suchen die beiden eine Wohnung mit dreieinhalb oder vier Zimmern und einer Miete unter 1000 Euro – am liebsten im Bezirk Bergedorf. Denn Bergedorf sei grün, dort schwimmt Farida Nabizada und hat Kontakte – und trotzdem gehört es zu Hamburg.

Ehefrau des Sohnes kommt aus Afghanistan nach

Erst recht umziehen müssten sie, wenn Samim Kakars Ehefrau nach Deutschland komme. „Momentan ist sie noch in Afghanistan, denn seitdem die Taliban da sind, kommt niemand mehr rein oder raus“, erklärt der Pflegehelfer. Als seine Ehefrau habe sie eigentlich das Recht, nach Deutschland zu kommen.

Er habe nun schon eine afghanische Anwältin engagiert. „Wir hoffen, dass sie über die deutsche Botschaft in Indien nach Deutschland reisen kann“, so Samim Kakar. Denn die deutsche Botschaft in Kabul sei derzeit geschlossen, und Indiens Beziehungen zu seinem Heimatland seien relativ gut.

In Person hat Samim Kakar seine Frau noch nie gesehen – das Paar hat sich über Facebook kennengelernt. Als die beiden Familien 2020 für die Hochzeit in Afghanistan zusammen­kamen, konnte er nicht dabei sein. „Ich möchte sie einfach nur hier bei mir haben“, meint Kakar.

Der Familienvater ist seit über 20 Jahren verschwunden

Dann möchte der Hobby-Künstler auch eine richtige Ausbildung zum Krankenpfleger machen – und am liebsten noch Medizin studieren. „Schließlich liegt das in meinen Genen“, sagt er grinsend. Immerhin kommt Samim Kakar aus einer Arztfamilie: Seine Mutter war in Afghanistan viele Jahre als Tierärztin tätig.

„Aber manche Unterlagen sind im Krieg verbrannt“, erklärt Farida Nabizada. Hier in Deutschland kann sie daher nur als Pflegehilfe arbeiten – genau wie ihr Sohn, der sich den Job durch Fortbildungen angeeignet hat.

Nabizadas Mann ist verschwunden, seitdem die Taliban von 1996 bis 2001 das erste Mal in Afghanistan waren. „Er ging eines Morgens zur Arbeit und kam nicht wieder.“ Samim Kakar und seine Schwestern, die heute in den Niederlanden wohnen, haben ihren Vater daher nie richtig kennengelernt.

Wer von einer Wohnung weiß, kann sich bei Samim Kakar unter 0173/97 0 70 56 melden.

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